Nicht ohne Grund heißt dieser Blog Zettelskrom. Ebensolcher begegnete mir während der Jahre in Nachrichtenredaktionen täglich: zu Beginn die hauchdünnen Durchschläge, die aus den rasselnden Fernschreibern quollen und verpackt in Kunststoff-Behältern durch die Rohrpostleitungen im Funkhaus sausten. Später erste Siemens-Computer auf den Schreibtischen mit grüner Schrift auf dunklen Hintergrund. Der mir gegenübersitzenden Sekretärin als erster Hörerin diktierte ich die Nachrichten, korrigierte mit Kuli die Durchschläge. Heute konkurrieren Twitter, klingelnde Eilmeldungen, Mails und der Nachrichtenfluss der einzelnen Agenturen und Dienste um Aufmerksamkeit auf zwei, drei Bildschirmen. Ausdrucke gehören noch gelegentlich dazu.
Doch was für ein Daten-Spektakel spielt sich in meinem Kopf und den Nervenbahnen ab? Welche Auswirkungen kann das auf meine Cortisol-Rezeptoren haben? Da rätseln die Forschenden noch. In meinem Bewusstsein kann neben „Einfällen“ jederzeit Gespeichertes auftauchen. 24/7 wie es jetzt nach einem populär gewordenen Begriff aus den USA heißt – also rund um die Uhr. Mit Folgen für den Schlaf. Doch wie und warum wurde der Suchbefehl eingegeben? Lässt sich der Suchpfad nachvollziehen? Wie stellt sich in mir der Delete-Befehl dar? Wie das Mülleimer-Symbol auf dem Bildschirm?

Vor kurzem gab der Erinnerungs-Speicher zum Beispiel frei:
Kaufe ich weißen Spargel und reibe die Stangen aneinander, katapultiert mich das Quietschen in den Garten meines Großvaters. Der hatte in den 1920er Jahren ein rund 6 Quadratmeter großes Sand-Beet anlegen lassen. Als Kind hatte ich die Aufgabe, den gerade gestochenen Spargel in einem feucht gehaltenen Sand-Beet vom Format einer Obstkiste einzugraben – bis er am nächsten Tag in die Küche kam. Es dauerte Jahre bis zum Stolz am Ernten dann das Schälen hinzu kam und dann die andauernde Freude am Geschmack dieses Saison-Gemüses.
Vor einer Kiefer-OP mit einer Injektion „sedieren“ lassen. Die Augen schlug ich erst wieder auf, als die benutzten Materialien bereits rücksichtsvoll aus meinem Blickfeld entfernt worden waren. Alle Angst war umsonst gewesen. Doch im Alter von fünf Jahren war ich während einer Mandel-Operation aufgewacht! Geblieben sind „Fetzen“ von Stimmen und Farben. OP-Kittel? Instrumente? Alles als „blühende Fantasie“ eines Kindes abgetan. Fast 60 Jahre später erklärte mir eine Ärztin, durch den Einsatz der Äther-Maske sei es früher öfter mal zum Aufwachen während einer OP gekommen. Dann lieber die Spritze.
Nach der Mandel-Operation konnte ich jahrelang kein Gulasch essen. Auch nicht das leckere Kölner Krüstchen-Gulasch – vom Rind, meist mit Röggelchen serviert. Warum? Weil eine OP-erfahrene ältere Cousine mir versichert hatte, entfernten Mandeln würden dabei verwendet. Bis heute ist unsere Kommunikation durch tief sitzendes Misstrauen gestört. Aber neben dem Kölner Krüstchen-Gulasch liebe ich inzwischen das selbst gekochte Wiener „Fiaker-Gulasch“, ohne Pferdefleisch natürlich.
Es gibt auch archivierte Bilder, die niemals fotografiert oder digital aufbewahrt wurden: zwei junge Männer, Zwillinge, bis auf Nuancen gleich gekleidet, stets nebeneinander und im Gespräch. Nach geschätzten 50 Jahren erkannte ich sie wieder: hintereinander gehend, stockend, schlurfend, leere Stoff-Einkaufsbeutel schlenkernd. Sie redeten immer noch miteinander, wobei sich einer umdrehen musste und sie dadurch noch langsamer vorankamen.
Langweilen will ich nicht mit weiteren Beispielen aus m e i n e m Datenspeicher. Künstliche Intelligenz kam nicht zum Einsatz. Mit ChatGPT habe ich auch keine „menschenähnlichen Konversationen“ darüber geführt oder führen lassen, wie mir im Internet angeboten wird. CB