Mein Schlaganfall ereignete sich am 4.Dezember. Die Folgen sind präsent. Aber auch anderes schleicht sich zaghaft wieder ein: Zettelskrom über Bücher, aktuelle und wiederentdeckte, neu aufblühende Kontakte, Besuchspläne und einhändig zu schreibende Texte. Bald wird hier davon zu lesen sein. Nach diesem Einblick in meinen neuen Alltag.
Lange her die Wochen in der ambulanten neurologischen Reha. Gestern auf Rezept wieder dort zur wöchentlichen Ergotherapie. Ausnahmsweise zu früh am anderen Ende der Stadt, die Bahnen waren pünktlich. Ich erkenne nur einen „Kollegen“ wieder, der als Opfer eines brutalen Überfalls in eine wochenlange Verlängerung gegangen ist. Konzentriert tanzt eine jüngere Patientin mit dem Sporttherapeuten eine Schrittfolge quer durch den „Wartesaal“. Viele Türen, Sitzmöglichkeiten und ein Automat, dessen Kakao an Schulzeiten erinnert. Eine Therapeutin, die aus Südkorea stammt, sucht nach denen, die in wenigen Minuten mit ihr Atemgymnastik trainieren sollen. Da bin ich schon damit beschäftigt, ganz langsam knallgelbe, nicht klebrige Knete mit der linken Hand zu formen. Dass die Hand etwas spürt, gilt nach wie vor als positives Zeichen – und seien es Kälte oder schmerzhafte Verkrampfungen nachts um 3:15 Uhr.


Immer wieder kreisen meine Gedanken um die Zeit. Mein Vertrauen in Hausarzt, Neurologen oder Orthopäden sowie das eigene Wissen aus der Reha um die Unvergleichbarkeit der Krankheitsverläufe verhindern Internet-Recherchen über zeitliche Perspektiven nach einem Schlaganfall. Tag für Tag kann ich mich nur schwer an meine Langsamkeit gewöhnen: wenn sich die Zahnpastatube morgens im Bad wehrt, einhändiges Bügeln neue Falten kreiert, weit ausgreifende Armbewegungen erst das Anziehen des Mantels und das Umschnallen der Hundeleine ermöglichen. Im Restaurant dann Ergotherapie, um ein kleines Päckchen weicher Butter in Kontakt mit einer Scheibe Schwarzbrot zu bringen. In der Küche funktioniert es am besten, wenn die Eieruhr stumm bleibt und ich alle Zeit der Welt zu haben meine.
Erschöpft bin ich schneller und empfindlicher geworden. Fragen wie „Alles wieder beim Alten…?“ oder der Hinweis auf die Schwiegermutter, die mit 94 nach einem Schlaganfall ins Pflegeheim umzog, lassen Wut aufsteigen. Dabei weiß ich, dass auch Tipps für einen behindertengerecht ausgestatteten Automatik-Wagen gut gemeint sein können. Aber mir fehlt der vertraute Schutz aus Gelassenheit, Schlagfertigkeit und Humor. Entschuldigung für meine barschen Reaktionen. Und Dank an die, denen ich begegne und die – lange nicht gesehen- meinen, sie sähen Fortschritte bei Kraft und Beweglichkeit meines linken Arms und der Hand. CB
Ungeduld kenne ich nur zu gut, auch ohne Schlaganfall. Sie scheint, je älter ich werde, immer schlimmer zu werden. Und die Erkenntnis und die Einsicht, dass ich mein Leben so annehmen muss, wie es nun einmal ist, weil ich nun mal kein anderes habe, fällt mir äußerst schwer. Das wird dich nun nicht trösten oder deine Ungeduld allmählich zu Geduld werden lassen. Es sind einfach meine Gedanken zu deinem sehr berührenden Artikel.
VG, josch
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Weiterhin einen guten Verlauf und vor allem Geduld
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Ich kann Deine Ungeduld nur zu gut verstehen und auch die „Wut“ in der geschilderten Situation. 🙏
Geduld ist auch nicht gerade eine meiner Stärken. Aber es nützt nix! Aufgeben ist keine Option! Also „Kinn nach vorn, Augen geradeaus, Krönchen wieder aufsetzen … und jö, los!❣️
Ich drück Dich❣️🫂
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