Am Buch-Regal entlang reisen

Ferientage im Garten und rund um Köln – unterbrochen von Linien-Bus-Ausflügen zu den Verwandten im Bergischen und Fahrradtouren zur Stadtbücherei im Vorort nebenan. So sahen meine Sommerferien bis zum Alter von elf Jahren aus. Danach ging es im Zug erst mal zu einem Bauernhof im Allgäu. Doch da war ich längst mit Sven Hedin in einer verschollenen Stadt in der Wüste gewesen, hatte durch Johann L. Burckhardt erfahren, wie es ist, krank in Medina zu sein, und mit Mungo Park den Weg zum Niger gefunden.  Maximilian zu Wied hatte mir den Skalp-Tanz der Mönnitarris geschildert – gruselig. Bevor ich die ersten bayerischen Gipfel erklomm, folgte ich Alexander von Humboldt auf den Chimborazo.

Die „Entdeckungsgeschichte aus erster Hand“ von „Augenzeugen und Zeitgenossen aus drei Jahrtausenden“ überstand unbeschadet auch meine neun Umzüge in sechs Jahrzehnten. Die Eröffnung des Berliner Humboldt-Forums in diesen Tagen, die Debatten um „Beute-Kunst“ und Rassismus bescheren neue Aktualität. Im Buch fand ich einen Zettel, mit Lineal gestaltet wie die Karteikarten für die Buch-Ausleihe. Ich plante, eine eigene Bibliothek zu eröffnen, verliehen habe ich nur ein, zwei Bücher an eine Tante. Auf dem vergilbten Blatt kann ich mich jetzt eintragen, als Ausleihzeit lege ich drei Wochen fest.

Fast tausend Seiten

Das Staubtuch in der Hand gerate ich vor den Regalen ins Nachdenken und finde keine Antwort, welche Bücher mich auf die einsame Insel begleiten sollten. Es ist wie mit der Kunst an der Wand, die schön, aber auch schockierend und schillernd wirken kann. Dazu später einmal mehr. Tief berührt hat mich vor über fünf Jahren “Ein wenig Leben“. Was für ein Widerspruch zwischen diesem Titel und den fast tausend Seiten. Die 1974 geborene Schriftstellerin und Journalistin, Hanya Yanagihara, schreibt über die lebenslange Freundschaft zwischen vier Männern, die sich am College begegnen.  Was wie ein typischer amerikanischer Krimi oder Roman beginnt, hat mich in einen Strudel der Gefühle und nächtelangen Lesens gerissen. Freundschaft bei allem Streit und aller Verschiedenheit, Genuss und Erfolg im Kontrast zu abgrundtiefer, körperlich wie seelisch schmerzhafter Verzweiflung und Ausweglosigkeit. „Aber los wird man das Buch ohnehin nicht mehr“, schrieb Andreas Platthaus in der FAZ über seinen Wunsch nach ein paar weiteren Seiten am Roman-Ende. Dem kann ich nur zustimmen.

„Steh auf und geh! Es ist dir kein Knochen gebrochen“

Schichtdienst in der DLF-Nachrichtenredaktion hat durchaus Vorteile gehabt. Jahrelang konnte ich zumindest teilweise auf 3Sat die Übertragung des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs aus Klagenfurt verfolgen.  2020 gab es wegen Corona eine Online-Version zu sehen, dieses Jahr saß sich die Jury Auge in Auge im ORF-Landesstudio gegenüber – auf Abstand natürlich. Für ihre Lesungen wurden die Teilnehmenden zugeschaltet, danach müssen sie ohnehin stumm die Deutungen und Streitgespräche der Jury aushalten. Manchmal scheint es mir wie eine zivilisierte Version antiker Arena-Kämpfe, manchmal wie ein taktisches Geplänkel oder die raffiniert- fürsorgliche Verteidigung des eigenen Vorschlags. Spannend und lehrreich ist das alles für mich, die weder Germanistik noch Literaturwissenschaft studiert hat. Die als Journalistin aber einzelne Texte in den Kontext größerer gesellschaftlicher Zusammenhänge gestellt hat (klingt jetzt mal etwa angeberisch) und auch Sachbücher verfasst hat etwa über die Pflegesituation älterer Menschen und ihrer Angehöriger.  

Alt, krank und auf Unterstützung angewiesen sein, die Folgen des Klimawandels sicher bald auch als Starkregen im eigenen Keller oder als Stromausfall – eine solche mit jedem Geburtstag näher rückende Perspektive beruhigt nicht gerade.

„Steh auf und geh! Es ist dir kein Knochen gebrochen“ wird Ingeborg Bachmann im vergangenen Jahr zitiert in der Dankesrede der Preisträgerin Helga Schubert. Vor Jahrzehnten hatten die DDR-Behörden der 1940 geborenen Schriftstellerin und Psychotherapeutin die Teilnahme an dem Wett-Lesen in Klagenfurt untersagt. Jetzt genießt sie den späten Erfolg ihres Buches mit dem Untertitel „Ein Leben in Geschichten“.  Zugleich erzählt sie von einem Leben in der Geschichte: Krieg und Flucht, die deutsche Teilung und die Merkwürdigkeiten des Alltags in der DDR, die Mitwirkung am „Runden Tisch“ und die Tage auf dem Land bei Berlin mit ihrem Mann und den Pflegekräften, ihre jährliche Auszeit am Meer. Eine sehr persönliche Schilderung gerade auch der Wendezeit, deren Emotionen in meinen Nachrichtenfassungen nichts zu suchen hatten.  

Ob Helga Schubert zählen kann, wie oft sie wieder aufgestanden ist? „Ich habe wie jeder Mensch meinen Schatz in mir vergraben“, schreibt sie im Text „Alt sein“ und davor: „Denn ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht sehr hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch immer in mir sein.“

Danke für eine solche Perspektive! Aufstehen, weiter das Bücherregal entlang und mit Helga Schubert ins nächste Lebensjahr. Und vielleicht auch auf eine wüste Insel.

                                                                                                                                                                             CB

2 Kommentare zu „Am Buch-Regal entlang reisen

  1. Zutiefst berührend der Text, der mich mit meinem frühen Leseverhalten konfrontiert. Die Welt beim Lesen gehört einem ganz allein, niemand kann sie betreten, keiner kann sie mir wegnehmen. Und gleichzeitig verbindet sie miteinander. Einer großartiger Blog. Vielen Dank dafür. Ich freue mich über die nächsten Beiträge. Und das Buch „Ein wenig Leben“ werde ich mir sofort bestellen. Danke. josch

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