Outdoor und maßgeschneidert

Mein Kleiderschrank ist nie so voll wie die Waschmaschine, deren Tür sich nur mit rückwärtigem Körper-Einsatz schließen lässt. Ich weiß, wann es Zeit ist, auszusortieren, den Oxfam-Laden zu beliefern oder nähende Neu-Großmütter mit Stoffresten zu inspirieren. 

Neben den weißen Blusen ein glänzender Gehrock mit Meereswogen als Fotoprint – der Entwurf soll noch von Yves Saint Laurent sein. Sagte die Designerin, bei der ich landete, nachdem ich mit dem Hund aus dem Wald gekommen und ins Stadtzentrum gefahren war. Im Maß-Atelier besann sich der Hund sofort auf seine (halbe) Weimaraner-Abstammung und drapierte sich vor dem großen Ledersofa auf einen Teppich. Ich schälte mich zum Maßnehmen aus meiner Wanderjacke und der Outdoor-Hose mit den Taschen, in die auch fettendes Trockenfutter passt. Das akzeptiert der Hund seit Welpentagen als Belohnung. Während sich andere in der Hundeschule nur noch mit Trockenfleisch von Strauß oder Känguru zu “Sitz” und “Bleib” herabließen.

Wieder einmal geht es um den Hund – dabei will ich doch spontan, um keine Zweifel zu bekommen, einen Gehrock kaufen, der passt. Maßgeschneidert wurde für mich zuletzt ein kariertes Kleid. Mit vier stand ich dafür auf dem Küchentisch einer Schneiderin im Dorf der Großeltern. Um starr stehen zu bleiben, durfte ich fernsehen. Wohl zum ersten Mal überhaupt. Zu sehen war ein Kamel, das in der Wüste zu verdursten droht. Heute frage ich mich, ob mein Bild-Gedächtnis nicht neu formatiert werden muss.

Maßgeschneidert wird auch das “Servietten-Kleides” sein. Für mich Inbegriff einer Welt, die jenseits des Alltags ihre Pracht entfaltet. Spöttisch soll die Bezeichnung sein, um meine Bewunderung für diese schmalen, ärmellosen Cocktailkleider herunterzuspielen. Ewige Göttin dieses Kleiderschnitts ist und bleibt Audrey Hepburn.  Gäbe es Zeitsprünge zurück, hätten dagegen meine kräftigen Oberarme der bergischen Großmutter sicher den Waschtag erleichtert. Jetzt soll sie der Gehrock bedecken. Die Designerin meint, Sneaker und ein langärmeliges Ringelshirt würden auch das Kleid „alltagstauglich“ machen.

Das passt wieder zu mir. Ich leiste die Anzahlung, während sich gerade zwei kleine Mädchen beim Anblick des Hundes die Nasen am Schaufenster plattdrücken. Wer wie ich Anfang der 1970-er Jahre den Abschluss-Ball der Tanzschule in Marlene-Hose und Bluse mit schwarz-weißen Satinstreifen hinter sich brachte, hat wohl lebenslang die Chance verwirkt, mit bodenlangem wehendem Kleid über Parkett oder Linoleum zu schweben. Der Anlass meines Ausflugs in die Couture-Welt: der Abitur-Ball des Patenkindes im Bergischen Land. Die Sporthalle einer Schule soll nun Ball-Saal sein.

Der Hund bleibt zuhause. Die Hitze des Sommers 2018 verursacht nur beim Anblick des Gehrocks Schweiß-Ausbrüche auf der Fahrt – im Rückspiegel stoische Kühe auf gelb verbrannten Wiesen und strampelnde e-Bike-Rentner. Die als elegant verkauften Sandalen schmerzen schon beim Tritt auf das Gas-Pedale. Begrüßung durch die Abiturientin im hellen Mini-Kleid, durch ihrer Eltern und Geschwister. Dann sitze ich im VW-Bus. In den Kurven muss ich eine Schüssel mit roter Grütze austarieren. Die Desserts für das Büfett werden mitgebracht – eine Sparmaßnahme des Organisationskomitees.

Der Gehrock bleibt ungetragen über der Stuhllehne hängen. Tanzen wird zur Folter in den Sandalen. Sympathisch, dass die Abiturientinnen nach dem Ball die Sneaker auspackten, um die Nacht durchzumachen. Die Patentante nutzt Kuli und Notizblock nicht. Dabei wäre sie lieber Beobachterin und schriebe über Erleichterung und Ängste, Pläne und Träume an diesem Abend, der Ende der Schulzeit und zugleich Anfang ist.

Inzwischen arbeitet das Patenkind an seinem Bachelor-Abschluss und hat in Corona-Zeiten viel mehr Zeit in Online-Kursen als in der Hochschule verbracht. Nicht nur mit Bedauern, denn das Notebook lässt auch im Semester Mitarbeit und zugleich Ortswechsel bis hin zu Auslands-Aufenthalten zu.

Der Gehrock passt noch, ich habe ihn heute anprobiert und wieder in den Kleiderschrank gehangen, wo er weiter auf seinen ersten Auftritt wartet. Funny, inzwischen mit grauer Schnauze, bevorzugt ohnehin die wetterfeste Jacke und die Wanderhosen mit den Taschen.  Sie rempelt mich an und wirft mir die Leine vor die Füße. Endlich raus, Abenteuer mit Matsch und Pfützen warten auf uns. Und Ferientage am Meer. Das Leben ist zu kurz, es bei Wellen als Foto-Print zu belassen. CB

                                                                                                                                                                                                                                                                                                   

Ein Kommentar zu „Outdoor und maßgeschneidert

  1. Cool! Funny fliegt durch die Wellen. Und cool! Der glänzende Gehrock mit Meereswogen als Fotoprint nach einem Entwurf von Yves Saint Laurent. Denke an mein Tanzkursus-Abschlussball-Kleid. Maßgeschneidert. Alle Klamotten, die heute in meinem Schrank hängen – sehr überschaubar – habe ich mehrfach schon getragen, manche jedoch schon lange nicht mehr, z.B. die Blazer. Herrlich deine Wortwahl: Gehrock. Der gesellschaftliche Anlass mit deinem glänzenden Gehrock zu glänzen wird kommen. Da bin ich ganz sicher 🙂 Jutta

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