Friedliche Erinnerungen an fremde Zimmer

Morgens ist die Straße nass, Kälte unter der dick gefütterten Jacke beim Rundgang mit dem Hund. Hinter der Kaffeetasse und dem Fenster türmen sich Wolkenberge in verschiedenen Schattierungen. An kahlen Ästen klammern sich einzelne Blätter fest. „Mach dir warme Gedanken“ – wer hat mir das als Kind so eindringlich gesagt, dass es mir jetzt einfällt wie Wasserkocher, Thermo-Wäsche, Wollsocken und Mütze?

winterliches Gleis-Ende im Bergischen Land

Vor kurzem hat ein Freund nach Tagen in Paris ein winterliches Foto des Seine-Ufers gepostet und damit eine Kette von Erinnerungen ausgelöst:

Eine Dezember-Nacht in Paris. Als Redakteurin habe ich mit 28 für ein Stipendium nur einen Platz in einem Dreibettzimmer im 7. Arrondissement bekommen. Eigentlich ein Studentinnen-Wohnheim. Mitten in der Nacht wache ich auf. Fremde Stille. Hinter dem Vorhang die Erklärung: es schneit dicke weiße Flocken, die sich feierlich auf dem Trottoir sammeln. Nach ein paar Minuten Rufe, Lachen, Knirschen – eine Schneeballschlacht vor dem Kiosk, der -fast- rund um die Uhr geöffnet hat.

März in Bernried am Starnberger See. Eine Woche Seminar vor der Handy-Zeit: das Zimmer mit Bett, Tisch und Stuhl, Waschbecken. Schlichte Klarheit im Kloster. Während draußen sich Frost und Sonne vor der Kulisse von See und Bergen ein altes Spiel liefern. Die ersten grünen Pflanzenspitzen wagen sich heraus, um dann wieder unter einer Schneedecke begraben zu werden. Bis warme Strahlen sie befreien – und die Schuhe im Matsch versinken.

Mai in Grainau an der Zugspitze. Zimmer auf einem Bauernhof. Dunkelbraune Holzläden vor dem Sprossenfenster. Keine Heizung. Auf dem Bett türmen sich die „Plumeaus“ und versenken mich in Tiefschlaf. Morgens dann sonnenbeschienen die große Wiese übersät mit blühenden Kräutern, die nicht als Unkraut gelten. Inzwischen sind schwere Bettdecken zu „therapeutischen Zwecken“ im Netz zu finden und manchmal beim Discounter.

Juni auf Samos.  Das Hotelzimmer schlicht möbliert, die azurblau gestrichene Sprossentür zum schmalen Balkon, die wegen der Hitze meist geöffnet ist. Trotz der Mücken. Der Geruch von Thymian und die wandernden Sonnenstreifen auf den weißen Wänden löschen langsam die Bilder des hastigen Aufbruchs zum Flughafen, die zurückgelassenen Telefon- und To-Do-Listen. Was übrig bleibt vom Alltag versinkt im Meer oder lässt sich im Sand verbuddeln.

„Mach dir warme Gedanken“ – es muss eine Empfehlung der Oma gewesen sein angesichts der Eisblumen auf den Fensterscheiben des Schlafzimmers und der Toilette gleich neben der Hoftür.  Warme Gedanken dürfen auch Erinnerungen sein. In diesem Winter gut zu kombinieren mit dem Adjektiv „friedlich“. CB                                                                                                                                     

in der Wärme liegt die Kraft