„Der Sommer war sehr groß“ (1)

Mal ehrlich: Was Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht „Herbsttag“ konstatiert, kommt uns nur schwer über die Lippen. Dabei ist genügend Impfstoff gegen Corona vorhanden, die eine oder andere Reise konnte gewagt werden, Schwimmbäder waren geöffnet, und die Gärtnereien hatten ein reichhaltiges Angebot für Balkon und Garten. Und doch ist ein erschöpfter Grundton in vielen Gesprächen vernehmbar: zu kalt dieser Sommer, Regentage, die Arbeit, zu viel Unsicherheit. Wird es weiter Tage im Homeoffice geben und Präsenzunterricht in den Schulen? Immer neue Power-Drinks und exotische Super-Beeren versprechen Abhilfe, „intuitives Essen“ muss noch gelernt werden, bevor die Diätbücher in die Papiertonne wandern. Das E-Bike verlangt nach Touren, das Unkraut droht die „Bienen-freundlichen“ Stauden zu überwuchern, vorletzte Grillabende und Picknick-Vorbereitungen rücken im Kalender näher. Seufzer sind fällig angesichts der To-Do-Liste, wo doch die Tage schon kürzer werden.

Ob es an der geographischen Lage liegt, dass hierzulande fast alle versuchen, die Sonnenstunden optimal auszunutzen? In Südeuropa gehen die Menschen verschwenderisch mit dem Sommer um.

Sie halten Siesta, dösen im Schatten, verlangsamen ihre Schritte.

Regungslos die Beine im See und einfach ins Wasser starren, fast stundenlang: Funny im Lungau

Die Sehnsucht, still zu werden und die eigenen Wünsche wieder zu vernehmen, meldet sich auch hier mitten in der Hektik des Alltags und im Freizeit-Stress. Auf der Suche nach mehr Ruhe landen viele dann doch in künstlichen Paradiesen und großen Urlaubszentren – und müssen entdecken, dass der abseits gelegene „Geheimtipp“ aus dem Reiseführer oder der Fernsehsendung jeden Tag noch hunderte andere Urlauber anzieht. Dazu volle Parkplätze und Souvenirs mit einem winzigen Hinweis auf die Herstellung in China – auf der Unterseite eines Gips-Leuchtturms in Spanien, eines hölzernen Segelboots auf Capri oder des Keramik-Seehunds von der Ostsee.

Das Häuschen im Grünen

Es war während einer Wanderung: Wir traten heraus aus dem Wald, vor uns eine Wiese, darin eingebettet ein Dorf. „Hier müsste man leben“, seufzte mein Mann. Jahre später hatten wir rund hundert Kilometer südlich von Köln genau an dieser Stelle ein kleines Haus mit grünen Fensterrahmen. Viele Steine haben wir aus dem Boden klauben müssen, bis Kartoffeln und Sträucher wachsen konnten. Wir freuten uns immer wieder über noch nicht gegangene Wege und Ausblicke rund um das Dorf und den nahen See, der eigentlich ein Fischweiher ist. Und die alte Residenzstadt mit der Buchhandlung.

Unspektakulär diese Gegend, der Westerwald ist nun mal Mittelgebirge. Doch hier verwehte der Wind in kurzer Zeit die Probleme im Beruf und im Leben. Das Haus barg keine alten, schmerzhaften Erinnerungen und bot Platz für Neues. Für andere ist es das Ferienhäuschen, in das sie (fast) jeden Sommer zurückkehren, auf einem Bauernhof das Zimmer mit dicken, schweren Plumeaus auf dem Bett. Oder die Hütte oben am Steilufer eines Meeres. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl – ohne den Ballast des Alltags entsteht freier Raum.

„Refugio do Pico“ auf den Azoren: Betont schlichte Ausstattung und doch alles, was man braucht.

Das Häuschen im Westerwald gehört seit über zehn Jahren nicht mehr uns. Es soll zeitweise ein Ehepaar beherbergt haben, dessen Haus abgebrannt war. Aber es gibt die die Hundsrosen-Sträucher, die mitgezogen sind und im milderen Klima des Rheintals noch wilder wachsen.  Und einen Sessel, ein Kochbuch mit Rezepten auch vom Adel der Region … vor allem aber einige Freundschaften und viele Erinnerungen, die „wunderschön“ sind, aber in keiner Sendung mit dieser Bezeichnung jemals auftauchen werden. Privatbesitz eben, für den wir keine Schränke und Koffer brauchen.  CB                               

2 Kommentare zu „„Der Sommer war sehr groß“ (1)

  1. Wehmut überkommt mich beim Lesen des Beitrags. Und ein Bibelspruch fällt mir dazu ein, der nicht ganz dazu passt, aber eine ähnliche Intention hat: „Lass uns hier drei Hütten bauen…“ Das sind natürlich zwei zuviel, aber es drückt aus, was der Mensch braucht. Ich danke dir für diesen schönen Text.

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