Ein Lied davon singen

Dass Zettel mich begleiten, ist bekannt. Aber Noten eben auch. Damit sind nicht Schulnoten, Banknoten oder mehr oder weniger diplomatische Schriftstücke gemeint. Sondern die musikalischen Noten, die sich zur Melodie verdichten. Der stete Strom der Atemluft sorgt dafür, dass Worte und Töne für mich untrennbar zusammengehören.

Gemeinsam mit anderen zu singen – was für ein Erlebnis, das nach 18 Monaten Corona-Zeit längst zu etwas besonderem geworden ist. Und gefährlich – vom Tübinger BachChor wurden vor kurzem nach einer Probe 30 Mitglieder positiv auf Corona getestet, obwohl die 2 G-Regeln galten und auch sonst alle Bestimmungen eingehalten worden waren. In Köln war bei der Fernsehübertragung zu sehen und zu hören, wie zaghaft so eine Saison-Eröffnung am 11.11. um 11 Uhr 11 klingen kann. Und wie es ist, wenn das Dreigestirn eine Lücke auf der Bühne hinterlässt, weil der Prinz am Vorabend positiv getestet wurde.

Erinnerung an Karneval und zugleich schöne Aussichten

Mein Gesangskurs kann derzeit nur per Zoom stattfinden: Die Leiterin Ellen Schneider am E-Piano, wir einzeln im Bild, aber auf stumm gestellt – denn noch hat es kein Digital-Künstler geschafft, die Übertragungswege zu synchronisieren. Oder wir sind in Breakout-Sessions zu zweit oder dritt zusammengeschaltet- für einen kurzen Austausch und das Üben der neuen Lieder. Fast eine halbe Stunde Körper- und Atemübungen stehen am Anfang: wir pressen unser Gesicht wie eine Zitrone zusammen, weiten nicht nur wie ein Luftballon Augen und Mund, sondern drücken unsere Atemluft bis tief in den sich nach außen blähenden Bauch – nur Mut! Wir müssen nicht für einen Auftritt proben und uns dem Urteil der Zuhörenden stellen. Wir singen für den Moment, lassen Luft, Worte und Noten herausströmen. Es wird immer leichter, die Harmonien schweben zu lassen. Dabei schont uns Ellen Schneider nicht: wir können zweistimmig ein finnisches Wiegenlied zum Klingen bringen – „Tuu, tuu, tuppakkarulla…“, die Gedanken frei sein lassen und in der westafrikanischen Sprache Balanta ein Mädchen erzählen lassen. Aber uns auch wie Carole King versichern: „You’ve got a friend“. Ab und zu ist auch ein Song des Duos „Aileen“ mit Ellen Schneider darunter. Da strengen wir uns besonders an. (Mehr über sie auf ihrer Webseite www.ellen-schneider.net)

Die Hoffnung, uns jenseits aller Corona-Beschränkungen ganz einfach treffen und zusammen singen zu können, geben wir nicht auf. Schließlich liebt es schon jedes Kind zu singen, zu trällern, Melodien zu lauschen und sie nachzuahmen. So ließ sich zuhause das gemeinsame Spülen nach dem Essen nutzen- ob für einen Kanon oder den Gefangenen-Chor aus „Nabucco“. Diese schwere, sorgenvolle Melodie brachten die Eltern von einem Opernbesuch mit. Später dann deutsche Schlager und mit wachsenden Englisch-Kenntnissen die „Beatles“, „Simon and Garfunkel“, Donovan oder Joan Baez. Beim Sprachurlaub in Kent kauften wir mit 14 beim London-Ausflug in der Shaftesbury Avenue Songbooks vom gesparten Taschengeld. Dazu aus dem Musikalien-Laden im Vorort kleine Hefte mit aktuellen Song-Texten von Elton John und anderen. Meine Schwester bekam Gitarren-Unterricht, einige einfache Akkorde schaffte ich auch. So konnten wir gemeinsam unsere „greatest hits“ schmettern, sangen im Jugendchor der Pfarrgemeinde. Im Gefängnis traten wir – nach vielen Kontrollen auf, gaben „Gastspiele“ in Kirchen der Umgebung und sogar in den Niederlanden. Einmal sangen wir nachmittags während einer Karnevals-Sitzung direkt nach einer Band, deren Mitglieder ungeschminkt und nicht im Kostüm mitten im Februar tatsächlich barfuß von der Bühne kam.

Die längst berühmt gewordenen „Bläck Fööss“ waren es dann, die 2000 „Unsere Stammbaum“ (Komponist Hans Knipp) herausbrachten. Das Lied erzählt von Römern, Franzosen, Bauern, Schreinern, Griechen, Türken, von Moslems, Buddhisten und vielen anderen. Nach Köln gekommen sprechen heute alle dieselbe Sprache und haben dadurch viel gewonnen, die „Jecken am Rhing“. Und gesungen wird das Lied hier eben nicht nur zur Karnevalszeit. Zum Beispiel 2017 während einer Demo von Muslimen gegen den islamistischen Terror unter dem Motto „Nicht mit uns!“, zu der Lamya Kaddor, jetzt Bundestagsabgeordnete der Grünen aus Duisburg, aufgerufen hatte. Berührend war für mich, dass eine Kneipe nahe dem Gürzenich die Türe weit geöffnet hatte. Heraus schallte der „Stammbaum“ und die vielen muslimischen Frauen um mich herum – mit und ohne Kopftuch – sangen aus vollem Herzen mit.

gefahrloses Singen in alle Richtungen

Übrigens singe ich auch in Corona-Zeiten gefahrlos fast überall, ob im Auto, auf den Spaziergängen mit dem Hund, bei der Gartenarbeit und danach auf der Liege oder mit dem Einkaufs-Rucksack auf dem Rücken. Das Gehirn scheint ein Musik-Archiv für mich angelegt zu haben, auf das ich jederzeit zugreifen kann. Gezielt oder als Mix aus allen möglichen Genres (– ja, ich habe auch mal Klassisches wie die „Vier Jahreszeiten“ von Haydn im Chor aufgeführt). Wer weiß, vielleicht werde ich in Zukunft auch neue Töne und Worte archivieren können, wenn wir ein Lied davon singen können, wie es in den Corona-Zeiten war. „Those were the days…“                                                                        CB

3 Kommentare zu „Ein Lied davon singen

  1. Liebe Christel,
    ja, Singen tut der Seele gut. Ich singe von Kindesbeinen an.
    Ein Leben ohne Töne wäre undenkbar für mich.
    Du hast das wunderbar geschildert. Ich lese das gerade aus meinem Krankenhaus-Zimmer in Hohenlind. 😉
    LG – Deine Karola

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  2. Dein Bericht hat mich an meine Schulzeit erinnert und habe mein Zeugnisheft der Kath. Volksschule Breinig aus meinem Archiv geholt.
    In der 4. Klasse, im Schuljahr 1965/66, dokumentiert mit Datum vom 6. April 1966 habe ich meine erste Note in Musik bekommen
    —–Ausreichend—-
    dabei ist es bis heute geblieben.
    Und….. Karnelvalslieder… da habe ich kräftig mitgesungen…. bei einer 4 war das völlig ausreichend.

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  3. Singen verbindet. Ich erinnere mich gern an einen Abend in einer traditionellen Kneipe in Frankfurt/Sachsenhausen nach einem anstrengenden Buchmessetag. Am Nebentisch etwa zehn Japaner, die aus voller Kehle sangen. Und wir, auch gut zehn Leute, haben kräftig dagegengehalten. Es wurde ein wunderbar vergnüglicher Abend. Und aus der Erfahrung entstand ein sehr erfolgreiches Buch: Die schönsten Trinklieder. Herausgegeben von Gertrud Weidinger. Ja, wo man singt, da lass dich nieder … In diesem Sinne. josch

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