Ramponiertes Zuhause mit Töpfen

Der knappe Facebook-Eintrag und dieses Foto eines früheren Kollegen, der gemeinsam mit seiner Frau tagelang ohne Strom und Trinkwasser mit den Überschwemmungs-Folgen kämpft, machen neugierig.

Vor einigen Tagen war er gerade dabei, den Estrich aus Räumen im Erdgeschoss zu stemmen und sah aus dem Küchenfenster. „Eine junge, hübsche Frau und ihre Mutter fragten ganz vorsichtig meine Frau, ob sie uns etwas zu essen machen können.“ Warum diese Zurückhaltung wird in einem längeren Gespräch deutlich: „Wir sind ja Ausländer, und uns schlägt auch einiges an Hass entgegen. Da haben wir überlegt, können wir das machen? Aber wir haben uns dann getraut.“ Nach acht Tagen das erste warme Essen – „ein toller Nudelauflauf“. Es fließen Tränen. Förmlich umgehauen habe ihn und seine Frau dann, „dass sie sagten: Deutschland hat uns nach der Flucht so viele Chancen gegeben. Wir müssen einfach etwas zurückgeben.“ Es war reiner Zufall, an welchem Fenster die Frauen aus dem Irak ihre Unterstützung anboten. Wie auch zwei Vietnamesinnen, die anboten, Essen vorbeizubringen.

Vor einigen Jahren starb in einem kleinen Dorf der Mann der bisherigen stellvertretenden Bürgermeisterin. Sie hatte den Posten aufgegeben, um sich um ihn zu kümmern. Es war ein langer Abschied. Aber sie fand jeden Abend einen Topf mit Essen zum Aufwärmen vor der Haustür. Zubereitet von einer pakistanischen Familie, die dort heimisch geworden waren.

Manche wissen sicher, dass ich gerne koche und backe. Aber es gibt einige Rezepte, an die ich mich nicht herantraue. Ohne das genau begründen zu können. Aber es war immer ein großes Fest, wenn einmal im Jahr die Nachbarin mit einem ganzen Kuchenblech voller „Donauwellen“ an der Türe stand.  Oder wenn im türkischen Feinkostladen mit Lamm Hack gefüllte Auberginen in der Theke liegen. Oder auf Madeira bei einem Fest auch wir die über dem Feuer gebackenen Brotfladen mit Kräuterbutter probieren können. Und eine Freundin mit Eismaschine ihre neuesten Kreationen zur „Blindverkostung“ vorbeibringt.

Ist das „Ambiente“ dann wichtig? Ob ein Stück Emaille am Topf abgeschlagen ist oder das Käsemesser mal schärfer war? Und was schmeckt den Hobby-Holzmachern am Samstag mitten im Wald besser als warme Fleischwurst in einem Brötchen verpackt aus dem Senf quillt? Ein Strauß Blumen und eine Kerze, zwei Campingsessel – auch so lässt sich ein Geburtstag feiern. Wenn es denn sein muss.

Worauf es wirklich ankommt, das erfahren gerade die Menschen, die von den Überschwemmungen betroffen sind.  „Wir haben Strom, können telefonieren und schauen mal, wie alles weitergeht. Noch ist vieles unklar, auch, was die Versicherungen erstatten.“  Sicher ist für meinen Kollegen aber, dass es irgendwann ein großes Fest geben wird. Dann wird er Musik machen – ein Versand hat ihm gerade einen neuen Gitarren-Hals geliefert. Mehr als ein Hoffnungsschimmer sind auch die Menschen, die sie in der Katastrophe kennenlernten, der Zusammenhalt der Nachbarn, viele „neue Helden“.

Der Humor und der Sinn für Absurdes ist den beiden geblieben. „Das Bild der Katastrophe“ sei für ihn ein Foto vom Bofrost-Wagen, der liefern wollte, obwohl der Strom abgestellt und die Küche auf dem Müll gelandet war. Der Nudelauflauf für die zwei kam durchs Küchenfenster, das Rezept aus dem Irak.

FUNDSACHE Poesie-Album

„Das Lächeln, das du aussendest, kehrt zu dir zurück.“

Beim Aufräumen fällt mir mein altes Poesie-Album in die Hände. Ausgerechnet die Mitschülerin, die später Therapeutin wurde, mahnte mich zu Gottesfürchtigkeit und Bescheidenheit. Hochmoralisch und sicher irgendwo abgeschrieben sind die meisten Einträge.

Den Spruch, über das Lächeln, habe ich gegoogelt. Aus Indien soll er stammen, eine Lehrerin – ich weiß nicht mehr für welches Fach- hat ihn mir aufgeschrieben.  Bis heute gefällt mir, dass er der Haltung „Wie du mir, so ich dir“ widerspricht. Denn da muss das Geschenk, die Einladung, die Hilfsleistung 1 : 1 als direktes Tausch-Geschäft erwidert werden. Ein Lächeln ist dafür zu flüchtig und kann viel weitere Kreise ziehen. Unerwartet und über Umwege kann uns Freude erreichen. Und selbst greifen wir anderen, vielleicht bislang völlig fremden Menschen unter die Arme. Oder bringen spontan etwas Essbares vorbei.                                                                                                                                                                                                                                                                                 

Am Buch-Regal entlang reisen

Ferientage im Garten und rund um Köln – unterbrochen von Linien-Bus-Ausflügen zu den Verwandten im Bergischen und Fahrradtouren zur Stadtbücherei im Vorort nebenan. So sahen meine Sommerferien bis zum Alter von elf Jahren aus. Danach ging es im Zug erst mal zu einem Bauernhof im Allgäu. Doch da war ich längst mit Sven Hedin in einer verschollenen Stadt in der Wüste gewesen, hatte durch Johann L. Burckhardt erfahren, wie es ist, krank in Medina zu sein, und mit Mungo Park den Weg zum Niger gefunden.  Maximilian zu Wied hatte mir den Skalp-Tanz der Mönnitarris geschildert – gruselig. Bevor ich die ersten bayerischen Gipfel erklomm, folgte ich Alexander von Humboldt auf den Chimborazo.

Die „Entdeckungsgeschichte aus erster Hand“ von „Augenzeugen und Zeitgenossen aus drei Jahrtausenden“ überstand unbeschadet auch meine neun Umzüge in sechs Jahrzehnten. Die Eröffnung des Berliner Humboldt-Forums in diesen Tagen, die Debatten um „Beute-Kunst“ und Rassismus bescheren neue Aktualität. Im Buch fand ich einen Zettel, mit Lineal gestaltet wie die Karteikarten für die Buch-Ausleihe. Ich plante, eine eigene Bibliothek zu eröffnen, verliehen habe ich nur ein, zwei Bücher an eine Tante. Auf dem vergilbten Blatt kann ich mich jetzt eintragen, als Ausleihzeit lege ich drei Wochen fest.

Fast tausend Seiten

Das Staubtuch in der Hand gerate ich vor den Regalen ins Nachdenken und finde keine Antwort, welche Bücher mich auf die einsame Insel begleiten sollten. Es ist wie mit der Kunst an der Wand, die schön, aber auch schockierend und schillernd wirken kann. Dazu später einmal mehr. Tief berührt hat mich vor über fünf Jahren “Ein wenig Leben“. Was für ein Widerspruch zwischen diesem Titel und den fast tausend Seiten. Die 1974 geborene Schriftstellerin und Journalistin, Hanya Yanagihara, schreibt über die lebenslange Freundschaft zwischen vier Männern, die sich am College begegnen.  Was wie ein typischer amerikanischer Krimi oder Roman beginnt, hat mich in einen Strudel der Gefühle und nächtelangen Lesens gerissen. Freundschaft bei allem Streit und aller Verschiedenheit, Genuss und Erfolg im Kontrast zu abgrundtiefer, körperlich wie seelisch schmerzhafter Verzweiflung und Ausweglosigkeit. „Aber los wird man das Buch ohnehin nicht mehr“, schrieb Andreas Platthaus in der FAZ über seinen Wunsch nach ein paar weiteren Seiten am Roman-Ende. Dem kann ich nur zustimmen.

„Steh auf und geh! Es ist dir kein Knochen gebrochen“

Schichtdienst in der DLF-Nachrichtenredaktion hat durchaus Vorteile gehabt. Jahrelang konnte ich zumindest teilweise auf 3Sat die Übertragung des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs aus Klagenfurt verfolgen.  2020 gab es wegen Corona eine Online-Version zu sehen, dieses Jahr saß sich die Jury Auge in Auge im ORF-Landesstudio gegenüber – auf Abstand natürlich. Für ihre Lesungen wurden die Teilnehmenden zugeschaltet, danach müssen sie ohnehin stumm die Deutungen und Streitgespräche der Jury aushalten. Manchmal scheint es mir wie eine zivilisierte Version antiker Arena-Kämpfe, manchmal wie ein taktisches Geplänkel oder die raffiniert- fürsorgliche Verteidigung des eigenen Vorschlags. Spannend und lehrreich ist das alles für mich, die weder Germanistik noch Literaturwissenschaft studiert hat. Die als Journalistin aber einzelne Texte in den Kontext größerer gesellschaftlicher Zusammenhänge gestellt hat (klingt jetzt mal etwa angeberisch) und auch Sachbücher verfasst hat etwa über die Pflegesituation älterer Menschen und ihrer Angehöriger.  

Alt, krank und auf Unterstützung angewiesen sein, die Folgen des Klimawandels sicher bald auch als Starkregen im eigenen Keller oder als Stromausfall – eine solche mit jedem Geburtstag näher rückende Perspektive beruhigt nicht gerade.

„Steh auf und geh! Es ist dir kein Knochen gebrochen“ wird Ingeborg Bachmann im vergangenen Jahr zitiert in der Dankesrede der Preisträgerin Helga Schubert. Vor Jahrzehnten hatten die DDR-Behörden der 1940 geborenen Schriftstellerin und Psychotherapeutin die Teilnahme an dem Wett-Lesen in Klagenfurt untersagt. Jetzt genießt sie den späten Erfolg ihres Buches mit dem Untertitel „Ein Leben in Geschichten“.  Zugleich erzählt sie von einem Leben in der Geschichte: Krieg und Flucht, die deutsche Teilung und die Merkwürdigkeiten des Alltags in der DDR, die Mitwirkung am „Runden Tisch“ und die Tage auf dem Land bei Berlin mit ihrem Mann und den Pflegekräften, ihre jährliche Auszeit am Meer. Eine sehr persönliche Schilderung gerade auch der Wendezeit, deren Emotionen in meinen Nachrichtenfassungen nichts zu suchen hatten.  

Ob Helga Schubert zählen kann, wie oft sie wieder aufgestanden ist? „Ich habe wie jeder Mensch meinen Schatz in mir vergraben“, schreibt sie im Text „Alt sein“ und davor: „Denn ich habe mir in meinem langen Leben alles einverleibt an Liebe, Wärme, Bildern, Erinnerungen, Fantasien, Sonaten. Es ist alles in diesem Moment in mir. Und wenn ich ganz alt bin, vielleicht gelähmt und vielleicht blind, und vielleicht sehr hilfsbedürftig, dann wird das alles auch noch immer in mir sein.“

Danke für eine solche Perspektive! Aufstehen, weiter das Bücherregal entlang und mit Helga Schubert ins nächste Lebensjahr. Und vielleicht auch auf eine wüste Insel.

                                                                                                                                                                             CB

Überschwemmungen – von Köln bis Blumenau

Der besorgte Post eines „primos“*) aus Brasilien: „Hallo, wir verfolgen die schlimmen Nachrichten…wie geht es euch? Wurde jemand von eurer Familie betroffen?“ Ich kann ihn beruhigen, der Keller im Kölner Vorort ist trocken geblieben. Erschreckend die Medienberichte und die Infos aus der Eifel, manche trauern um tote Bekannte oder Verwandte, andere melden „nur“ den Verlust des Autos. Oder die Sülz, ein Bach, in dem ich als Kind bei den Großeltern die Füße gekühlt habe und der zum reißenden Strom in mancher Orts-Mitte geworden ist.

Der brasilianische primo Marcos lebt im Süden des Landes in Blumenau. Mehrmals hat die Stadt mit der deutschen Einwanderer-Geschichte Überschwemmungen erlebt. Um Hilfen zu finanzieren entstand die Idee, ein „Oktoberfest“ zu veranstalten, heute das größte landesweit. Ich habe vor einigen Jahren das Festgelände bei einem Besuch im April gesehen: eine  leere versiegelte Fläche.

Eine Schlagzeile vom Wochenende nach dem Dauerregen hier: „Andere Stadtplanung beim Wiederaufbau nötig.“

                                                                    Foto: Joachim Heine

Frei-Flächen

Das Foto entstand am Strand von Texel – Sandflächen soweit das Auge reicht, kleine Priele können sich bilden. Wenn die Flut kommt, reicht das Wasser mitunter bis zu den Dünen, hinter denen sich Tulpen-Felder ducken. Meistens zumindest. Hier um Köln können Bäche alle paar Jahre zu viel Regenwasser nicht mehr in ihrem „Bett“ halten und überschwemmen umliegende Wiesen und Felder überschwemmt. Jetzt stehen dort vielerorts Wohnsiedlungen. Mit „Wohnen am Strom“ haben die Bau-Entwickler schon vor Jahrzehnten geworben für Immobilien direkt neben den Poller Wiesen, die der Rhein regelmäßig bei Hochwasser heimsucht. Und linksrheinisch Richtung Bonn ist so manches Gemüsefeld umzingelt von Beton oder ganz aufgegeben. Dafür sind Swimmingpools der Renner in vielen Gärten geworden in diesem Jahr – zumindest vor dem großen Regen. An Anschauungsmaterial mangelt es nicht. Aber eine Wende?

*) primos und primas sind eigentlich Cousins und Cousinen. Die Nachfahren der um 1860 aus dem Bergischen Land ausgewanderten Verwandten nennen sich alle so. Mich auch wie ich bei einem Besuch feststellen konnte. Die primas und primos meiner Generation waren noch auf einem Internat, wo sie auch Deutschunterricht hatten. Von den Jüngeren kommen einzelne nach Berlin, nicht nur, aber auch um die Sprache zu lernen – und dann statten sie der prima in Köln einen Besuch ab. Bei einer Wanderung zeigen wir ihnen die Dhünntalsperre, in der auch der kleine Hof des Auswanderers versunken ist.

Schritt für Schritt verstehen

Was für eine Vorstellung: einem völlig unbekannten Menschen begegnen, beide haben nur eine Art „Steckbrief“ vom anderen mit einigen Angaben wie dem Namen, Hobbies und Interessen. Das lässt vor dem Treffen Raum für Spekulatives, in das sich bisherige Erfahrungen und Halbwissen mischen. Die Rede ist von einer Vermittlung wie sie die Kölner Freiwilligen Agentur bereits seit 2016 betreibt: Geflüchtete und Freiwillige bilden „Tandems“, die sich zu „Welcome Walks“ verabreden. Susanne Hauke von der Freiwilligen Agentur: „Im Mittelpunkt steht die Begegnung“. Aus dem „Walk“ kann also ein Treffen im Café, auf dem Spielplatz, gemeinsamen Kochen und Essen oder die Teilnahme an einer Führung oder einem Stadtteilfest werden.

Vor dem Selbstversuch steht die Qualifizierung – in Corona-Zeiten ein gut konzipiertes Online-Seminar mit Filmbeitrag und der Möglichkeit zum Austausch unter den Freiwilligen. „Willkommenskultur“ und sich „Augenhöhe“ sind die prägenden Begriffe. Da werden auch eigene Einstellungen hinterfragt, denn es geht bei den Welcome Walks weder um Hilfe noch um Unterricht, sondern darum, voneinander in dieser Tandem-Partnerschaft zu lernen. Neugierde, Empathie und gemeinsames Lachen erleichtern es, beim ersten Kontakt die fremdartig klingenden Namen des jeweils anderen richtig auszusprechen und deren Bedeutung zu erkunden.

Mein Tandem-Partner stammt aus Syrien und arbeitet inzwischen hier als Bau-Ingenieur im Straßenbau. Er wünscht sich nach Jahren in Deutschland mehr Sprachpraxis.  Beim Spazieren am Rand des Vorortes sprudelt vieles über seine mit ihm hier lebende Familie heraus: die jüngste Tochter korrigiert – wie ich manchmal auch – seine Aussprache, die älteste macht eine Ausbildung. Ich höre ihm gerne zu, frage nach, spüre aber auch die Grenzen des Sagbaren, wenn es etwa um die Zerstörungen in seiner Heimatstadt geht. Und merke, wie leicht sich aus dem Fremdsein resultierende Angst einschleichen kann auf einem belebten Platz. Während ich mich genau dort an das kindliche Gefühl erinnere, selbstverständlich Teil dieser großen Stadt zu sein. Unter Stress und bei Sorgen wird sein Deutsch schlechter. Was mich wiederum an ein Praktikum in Paris erinnert, wo ich abends oft verzweifelt war. Sprache als Schlüssel – und dann klemmt die Tür.

Berührend, wie er am Ende unseres ersten Spaziergangs meint, so viel würde er sonst in einer Woche nicht deutsch reden können. Wir haben uns wieder getroffen, diesmal in einer kleinen mittelalterlichen Stadt am Rhein, wo es ihm auch um die Statik des Kirchbaus ging. Religion, das ist für ihn Privatsache. Für mich auch. Wir haben gemailt und lange telefoniert. Es geht um völlig verschiedene Themen von Fastentipps und Fußball bis zum Backen von Baclava, süßem Gebäck. Bald will ich ihn und seine Familie besuchen.

Neugierig geworden? Auf der Webseite www.koeln-freiwillig.de finden sich unter „WelcomeWalk“ Kontaktmöglichkeiten, Erfahrungsberichte und FAQS.  Übrigens wird das Projekt gefördert im Programm „Menschen stärken Menschen“ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.