Karin, Susanne, Nora und die Frage, was ich sammele (Teil 2)

„Was sammelst Du eigentlich außer Büchern?“ Noras Frage hat Nachdenken ausgelöst, auch biographisches. Das klingt großspurig, dabei meine ich damit die schon früh begonnene Suche nach weiblichen Vorbildern, die nicht der Norm der Hausfrau und Mutter in den 1960er Jahren entsprachen, als Berufstätigkeit noch die Zustimmung des Ehemannes voraussetzte.

Karin H. war meine Kunstlehrerin und eine der ganz wenigen Frauen, die „ihr Ding machten“ und Alleinleben nicht als Makel empfanden. Sie hatte gerade an dem Mädchengymnasium angefangen zu unterrichten nach Jahren an einer „Privatschule“ in der Schweiz, was für uns Ende der 1960er Jahre schon einen Hauch von Glamour verbreitete. Von ihren Ferienreisen brachte sie uns Skizzenbücher mit. Wenige Striche reichten ihr, die verschiedenen Landschaften in ihrer Unterschiedlichkeit zwischen Seen und Bergen, Sonne und Wolken zu verewigen. Als habe es noch keine Kodak-Kameras mit Abzügen in heute längst verblichener Farbigkeit gegeben.

Ihre Schülerinnen nahm sie einfach mit zu „Vernissagen“ oder zum Kölner Kunstmarkt, der ab 1967 stattfand. (Die Arbeit von Joseph Beuys, “The pack“ (Das Rudel), mit VW-Bus und 24 Holzschlitten wurde 1969 als erstes zeitgenössisches deutsches Kunstwerk für über 100 000 DM verkauft. ) Es gab Installationen statt gerahmter Motive in Ölfarben. Karin H. ließ uns bestaunen, womit sie sich selbstverständlich umgab. Schnell versank sie in gestenreichen Gesprächen mit Künstlern und Galeristen. Für mich lagen Welten zwischen der Kunst und dem Alltag mit Schule und Vorort. Unvergesslich der zur Handtasche umfunktionierte Plüschhund. Er baumelte am Arm der „Muse“ eines Künstlers, der Atelier und Wohnung unter der Fahrbahn im Inneren einer Brücke bezogen hatte. Karin H. fuhr einen schwarzen VW-Käfer, der das so alt war wie ich.  Mit aufgeklapptem Dach ragten oft große Papp-Rollen weit über die Rücksitze.

Eben habe ich im Internet nach Flamenco-Kursen für Ü60-Menschen wie mich gesucht. Beim Wiedersehen nach Jahrzehnten hatte Karin H. strahlend von diesem Tanz erzählt, den sie während ihrer Zeit an der deutschen Schule in Madrid gelernt hatte. Ihre ergrauten Locken wippten, selbst im Sitzen stapften ihre Füße auf. Ein letztes Bild von ihr.

Was für eine Aussage an der Fassade eines aufgelassenen Kölner Kaufhauses der gehobenen Klasse! Innen will und muss das Stadtmuseum die Zeit der Renovierung des bisherigen Gebäudes überstehen. Bizarre Fragen tauchen auf: Braucht womöglich jeder im Verlauf des Lebens ein Museum, um all die Erfahrungen und Erinnerungen zu bewahren? Wie zuverlässig ist das eigene Gedächtnis? Wohin mit den vielen Teilstücken und Episoden, die der Öffentlichkeit vorenthalten werden sollen? Und wen interessieren jene Schmuckstücke des Lebens, die sich hinter Glas oder im Inneren von Alben und digital auf Sticks finden? Und wer sortiert und entstaub das alles, wer öffnet die Eingangstür?

Bücher als Begleiter können eine Alternative sein. „Stellen Sie sich Ihre Familiengeschichte als einen Band vor, den Sie im Regal stehen haben, den Sie herausnehmen und nur darin blättern, wenn Sie es wirklich möchten.“ Der Vorschlag stammt von einer Krankenhaus-Seelsorgerin und blieb im Gedächtnis. So wie die Bücherregale in der Berliner Altbau-Wohnung meiner inzwischen verstorbenen Kollegin Susanne H. – ein Wall von Wissen und Poesie. Vergangenheit und Gegenwart, trat sie mit einer Palette von Gefühlen und klarem Verstand entgegen. Empörung und Wut, wie Menschen mit Menschen umgehen. Präzise Aufmerksamkeit für das, was anderen zu klein für eine Meldung erschien – wegen der Entfernung oder einfach wegen fehlendem Gespür und Wissen für die sich nähernde Bedrohung. Dazu ihre Gastfreundlichkeit, die warme Umarmung am Eingang und die Essen an dem langen Tisch mit den unterschiedlichen Stühlen, wenn ich sie besuchte. Ihre Erzählungen von Familie und Freundschaften, die weniger werdenden Zigaretten. Groß und rot dominierte ihre Kaffeetasse jahrelang den Schreibtisch in der Redaktion. Sie hat sie zurückgelassen beim Umzug von Köln nach Berlin. Jetzt ist die Tasse, in die mehr als nur ein Schluck beruhigenden Tees passt, schon lange neben meinem Notebook im Einsatz. Eben keine „Sammeltasse“ mit Goldrand und Ranken-Deko.

Nora taucht wieder auf. (Zur Erinnerung; das ist die Frau mit der Frage nach meinen Sammel-Vorlieben.)  Durchs Fenster sehe ich auf ein Beet, aus dem eine Sonnenblume aus Blech ragt.  Im letzten Herbst hat Nora sie uns mitgebracht – als die Ukraine noch in weiter Ferne lag und der nicht enden wollende Krieg nicht mehr war als ein Wort mit drohendem Unterton. CB

                                                                                 CB

Karin, Susanne, Nora und die Frage, was ich sammele (Teil 1)

Auch mein Blog ist von den Tages-Ereignissen überrollt worden. Im Papierkorb landeten Zettel mit Ideen wie: „Unbedingt aus der arte-Mediathek „Diener des Volkes“ ansehen, als Selenskij noch als Comedian und Autor Korruption persiflierte und in der Rolle des Präsidenten Demokratie vorlebte.“ Hier nun etwas Privates.

Ein Paar, mit dem wir wandern, war zu Besuch am verregneten Pfingst-Montag. Noras Frage, als wir uns verabschieden, klingt seitdem in mir nach: „Sammelst Du eigentlich etwas außer Büchern?“  Die drei Briefmarken-Alben aus Kinderzeiten landeten vor kurzem in Bethel bei der Briefmarkensammelstelle. Brillen kommen nach einer Zeit im Ersatz-Status zum Optiker, Bücher ab und an in den Metall-Bücherschrank am Marktplatz.

Im Museum auf Texel wurden Flaschen vom Strand zum Sammelobjekt.  

Trotzdem bin ich seit Kindertagen eine Sammlerin. Auch wenn manches schon lange vor der Digitalisierung unseres Lebens, nicht materiell greifbar war. Wie während besonders feierlicher Messen der Geruch von Weihrauch, der uns in den vorderen Bänken besonders stark anwehte. Und der mich manchmal noch schnuppern lässt, wenn ich an einer offenen Kirchentür vorbeigehe. Der starke Chlorgeruch städtischer Hallenbäder versetzt mich in Sommerferien, in denen meine Schwester und ich – den Badeanzug unterm Sommerkleid- ganz früh aufstanden und zur Straßenbahn rannten. Um 6:30 Uhr passierten wir die Schranke an der Kasse, um dann als erste die spiegelglatte hellblaue Fläche des großen Beckens aufwühlen zu können. Alles gespeichert, auch wenn ich längst das Schwappen der Bergseen oder Fluss-Wellen vorziehe. Den schnaubenden Hund neben mir. (Mehr im Blog 21.9.2021 Vom Wasser und vom Rheinschwimmen).

Plakate, später zusammengerollt in Papprollen, habe ich gesammelt. Als ich mit 12 endlich ein eigenes Zimmer hatte, dekorierte ich mit Hilfe von Reißzwecken eine ganze Wand. Da war schon Neugier auf Kunst geweckt. Das Taschengeld reichte in der Teenie-Zeit für die damals natürlich anders bezeichneten „SALE-Aktionen“ der Kölner Museen oder auch der Kaufhäuser. Zur Pop-Art passende Werke damals bekannter polnischer Graphiker gab es zum Beispiel bei Karstadt. Grelle Rottöne, fließende Formen, ein aufgerissener Mund als Werbung für Alban Bergs „Wozzeck“ – das Motiv von Jan Lenica aus Posen begegnet mir bis heute noch in Kunstbüchern. Übrigens: es war mühsam, die ganzen Plakate vorsichtig abzunehmen, um sie in einem leerstehenden Zimmer bei der Oma im Nachbarhaus wieder an die Wand zu bringen. Vorausgegangen war ein Streit mit den Eltern und der Umzug mit dem nötigsten in einer Reisetasche…und mit den Plakaten. Wenn ich mich richtig erinnere, zog ich am selben Abend wieder zurück.

Wer hatte damals nicht eine Korktafel mit schmalem Holzrahmen, an die sich so viel „pinnen“ ließ: Eintrittskarten, Urlaubsgrüße, Fotos aus dem Pass-Automaten am Bahnhof und Sprüche, Terminzettel, Zeitungsausrisse und Buttons. Vieles sammelte sich übereinander, vergilbte und war dann irgendwann nicht mehr „relevant“, wie es inzwischen heißt. Auch die Korktafel verschwand, inzwischen gibt es fürs „Homeoffice“ und Firma Nachfolgemodelle mit Magneten, aus Glas oder „gebastelt im DIY“-Verfahren (Do it Yourself) oder „upgecycelt“.  Dazu die Notizfunktionen des Handys oder Notebooks. Ein bisschen fader als früher ist das schon. Da bin ich nostalgisch und auch froh über meine Erinnerungs-Sammlung. Was Karin und Susanne mit meinem Sammeln zu tun haben, wird bald in Teil 2 zu lesen sein. CB

Steine – zu viele zum Sammeln am Strand von Puerto de la Cruz auf Teneriffa.   

600 Meter Köln: Hängeschlösser und ein Mahnmal, das bleiben soll

Gestern der Plan: mit dem Hund durch die Stadt spazieren statt bei Regenwetter in den Wald. Rechtsrheinisch aufgewachsen habe ich als Kind in der Straßenbahn immer einen Platz gesucht, von dem ich bei der Fahrt über den Rhein das Panorama der gar nicht so alten „Altstadt“ und den Dom sehen konnte.  Diesmal sollte es zu Fuß über die Hohenzollern-Brücke gehen. Über zehn Jahre ist es her, dass Funny als Welpe dort vor Schreck über das Vibrieren der Eisenkonstruktion durch die Züge keine Pfote mehr rührte.

Vor dem Aufgang zur Brücke eine Informationstafel „Römerstraßen – erlebbar und erfahrbar“. Mit dem Fahrrad oder zu Fuß soll Kulturlandschaft entdeckt werden – bis „Belgica“ oder die Eifel. In meiner Kindheit ging es „Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit“. Zum Beispiel unter dem Rathaus-Neubau. Da träumte ich von eigenen Entdeckungen, denn überall in Köln gab es in den 1960er Jahren fast täglich archäologische Sensationen.

Wenige Meter weiter ist Geschichte in den Asphalt eingefügt: Ein Hinweis auf das „Messelager“ neben der Brücke. Es war ab 1939 Sammel-, Auffang- und Gefangenenlager mitten im Messekomplex. Meine Großmutter erzählte, wie sie auf der Brücke aus dem Zugabteil heruntersehen konnte auf die Menschen im Lager. Ab Mai 1940 wurden auch Sinti und Roma von dort nach Polen deportiert. Was ich erst seit gestern weiß: die Stadt Köln selbst betrieb das Messelager als „Außenlager des KZ Buchenwald“.

Wer auf den Boden blickt, kann auch die Wege der Menschen verfolgen, die deportiert wurden im 2.Weltkrieg.

Auf dem Fußweg der Hohenzollernbrücke sind Leute jeden Alters unterwegs, Sprachfetzen geben Rätsel auf. In den Gesichtern lässt sich die ganze Palette der Gefühle erkennen: Neugierde, Freude, Nachdenklichkeit, Ärger, Verliebtheit oder Einsamkeit… Funny kassiert wie immer Lächeln der Entgegenkommenden. Auf der einen Seite geht der Blick über den Rhein, auf der anderen am Gitter zu den Gleisen hängen dicht an dicht „Liebesschlösser“ mit eingekratzten Namen und Daten. Ein Physiker hat schon 2015 ihre Zahl auf 450 000 geschätzt. Liegen die Schlüssel alle im Rhein? Emotionen, Versprechen, Nähe – was lässt sich überhaupt verschließen, was braucht Freiheit? Darüber ließe sich nachdenken, würde der Hund sich nicht gerade blitzschnell ein nicht zu identifizierendes Etwas einverleiben.

Weiß, wer die Liebesschlösser verkauft, um deren Haltbarkeit?

Die Hohenzollern-Brücke wurde von 1907 bis 1911 errichtet, beschädigt im Zweiten Weltkrieg und bis 1959 wiederaufgebaut. Den Bau aus der Zeit der Preußenherrschaft zieren auch heute noch vier Reiterstandbilder. Richtung Dom spazieren wir auf die Kehrseite von Kaiser Wilhelm II. und seines Pferdes zu. Davor staune ich über ein nicht so monumentales Kunstwerk aus rostfarbenem Metall in Form einer Pyramide. Deren Spitze schneidet in einen beschädigten stilisierten Granatapfel. „Dieser Schmerz betrifft uns alle“, ist in drei Sprachen zu lesen Um den Sockel Berge welkender Blumen. Rhein-Kreuzfahrer*innen machen Fotos.

Das Mahnmal, dessen Standort an der Brücke bleiben soll. Es erinnert daran, dass – wie es ein Armenier sagte- jede Familie im Völkermord Verwandte verloren hat.

Was ich erfahre: das Mahnmal erinnert an den Völkermord an den Armeniern 1915 und stand zum 2018 zum ersten Mal an dieser Stelle. Im Juni 2016 erkannte der Bundestag den Völkermord trotz massiver Proteste der Türkei an. Parlamentspräsident Lammert wies in seiner Rede darauf hin, dass Deutsche Reich habe damals Mitschuld auf sich geladen. Aufarbeitung der Vergangenheit sei Voraussetzung für Versöhnung und Zusammenarbeit. Eine Woche nach der Aufstellung entfernte die Stadt Köln das Denkmal. Zum Gedenktag musste es auch vor dem 24.4.2022 per LKW herbeigeschafft werden. Diesmal soll das Mahnmal aber bleiben als „ein öffentlicher Ort des Erinnerns, der Trauer, des Gedenkens und der Abkehr von Rassismus und Nationalismus“  (mehr Informationen z.B. www.voelkermord-erinnern.de).

409,19 Meter ist die Hohenzollern-Brücke lang. Nur eine kleine Strecke in Köln. Aber was für eine Zeitreise durch die Geschichte, denke ich beim Vorbeigehen an dem Reiter-Standbild. Wie viele dicke Stränge, rostende Drähte und dünne Fäden, die sich kreuz und quer wie ein Netz durch die Zeiten und über die Erde ziehen.

Während ich den Text beende, sichert UNO-Generalsekretär Guterres die Untersuchung der Kriegsverbrechen in der Ukraine zu.

Kriegszeiten: Gedanken gegen die Ohnmacht

Über 50 Tage dauert der von Putin angezettelte Krieg gegen die Ukraine schon. Die viel beschworene „Zeitenwende“ löste und löst neben Hilfsbereitschaft hier bei manchen auch eine Art „Schockstarre“ aus. Nachrichten und vor allem Bilder brennen sich ein und hinterlassen Hilflosigkeit.
Wir waren Anfang April im Urlaub auf Texel. Ich muss gestehen, dass der Drang, „im Bilde zu sein“, schon vor dem Aufstehen dazu führte, die Handy-Nachrichten zu scrollen. Dünen, Wellen, Wind und stundenweise Sonne drohten zur Nebensache zu werden. Aber es blitzen auch Fragen, Gedanken und Erinnerungen auf, die im Widerspruch stehen zur Ohnmacht. Einige möchte ich teilen.

Veilchen, unscheinbar am Straßenrand. Veilchen-Sträuße verschenkten in Krakau vor Jahren KZ-Überlebende an die deutschen Gäste.

Lähmende Furcht vor einem nahenden „dritten Weltkrieg“ und dem Zusammenbruch der Energieversorgung sorgt für Schlaflosigkeit nicht nur bei denen, die den Zweiten Weltkrieg selbst erlebt haben, sondern erfasst auch sogenannte „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“. Doch geht es nicht auch um die Frage, was sich aus den vergangenen Kriegen lernen lässt? Wer es damals dank der Unterstützung von Nachbarn oder Fremden schaffte zu überleben? Wie viele Kinder in Zügen nach Großbritannien gelangten und die Kriegsjahre dort überstanden? Und was gelingt in diesen Tagen? Krebskranke Kinder werden aus der Ukraine auch in deutsche Kliniken gebracht. Einzelne ukrainische Überlebende des Holocaust finden hier Sicherheit. Ein Ehepaar stellt die gerade renovierte Mietwohnung geflüchteten Frauen und Kindern zur Verfügung. Eine deutsche Sportlerin nimmt eine ihrer international größten Konkurrentinnen auf und trainiert nun zusammen mit der Ukrainerin.
Beeindruckend ist auch die Kraft, die mitten im Krieg die Menschen in der Ukraine selbst aufbringen. Eine alte Frau kocht vor dem teilweise zerstörten Mietshaus auf offener Flamme Eintopf und Teewasser für die Mitbewohner. Auch Beschäftigte eines Museums haben sich auch aufs Kochen verlegt, andere versuchen ganze Straßenzüge „aufzuräumen“. Lehrerinnen und Lehrer erproben mit Handys, Tablets und Notebooks, ihre geflüchteten Schülerinnen und Schüler weiter zu unterrichten. Unterrichtsmaterial in ukrainischer Sprache war schnell auch hier digital abzurufen. Solcher Ideen-Reichtum scheint auch inspirierend für deutsche Bürokratie zu sein.

Ein Hubschrauber als neues Motiv der Kinder auf der Straße im Vorort. Tröstlich, dass es daneben weiter die Fabeltiere zu sehen gibt.

Eine Autorin und Schreiblehrerin empfahl gerade in ihrem Newsletter auf die Frage, was machen bei dieser Weltlage: Weiter schreiben und so im Austausch mit der Welt sein. Es gelte, in der Mitte von Macht und Ohnmacht seine Mitte zu finden. An diesem Gedanken ist etwas dran. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Euch die Möglichkeit für den Austausch gerade an diesen Tagen im Krieg – sie sind zugleich Ostern, Pessach, Ramadan und Ferien.

Funny im Wald auf Texel, wo wie überall auf der Insel Osterglocken blühen.

Stoppen, Denken und andere Ideen gegen die Angst

In Kriegszeiten kann der reißende Nachrichtenstrom nicht schnell genug kanalisiert werden in Richtung der „User“.  Denn dann prasselt es „Klicks“, Rekorde bei der Einschaltquote:  Manchmal liefern gleich zwei Laufbänder am Bildschirm-Rand unter den Sondersendungen im Fernsehen das Aktuellste – ein Superlativ, der sich mit der Schnelligkeit der Datennetze eingeschlichen hat in die Sprache, was kaum noch jemand stört. Das Wort „aktuell“ lässt niemanden mehr aufhorchen.

Vor der Konkurrenz in den Medien die Nachricht veröffentlichen – auf den Monitoren in der U-Bahn-Station, als „Push-Meldung“ oder im Netz.  Dabei wird hingenommen, dass Sekunden nicht reichen zu überprüfen, ob die Angaben- Ort, Zeit, Handelnde, Ereignis- stimmen. Gerade in Kriegszeiten gilt es auch zwischen Propaganda und Wirklichkeit zu unterscheiden. Gibt es eine zweite Quelle, die Angaben bestätigt oder eine andere Version schildert? Reicht die begrenzte Zeichen-Zahl, um wenigstens Einschränkungen einzufügen wie „nach Darstellung von“ oder „übermittelte Bilder sollen zeigen…“.

Zeit brauchen auch die Journalist*innen, die sich darauf spezialisiert haben, Manipulationen aufzudecken, indem sie Satellitenbilder, ältere Aufnahmen oder Fotos aus anderen Perspektiven auswerten, um Manipulationen nachzuweisen. Währenddessen werden Internet und soziale Medien wie Facebook, WhatsApp oder Instagram geflutet mit Fotos, Hilfsaufrufen, Karikaturen, klugen Sätzen und Aktionen für die Ukraine.  Was also tun? Den Strom der Bilder und Nachrichten vorbeirauschen lassen, den übernächsten Urlaub planen, die Angst unter die Decke kriechen lassen und auf dem Sofa zu verharren? Großzügig „likes“ und Herzchen verteilen und Beiträge teilen? Oder zum „Solidaritätskonzert“ gehen?

Ich bin auch reingefallen auf einen „europaweiten“ Appell. Es ging darum, an einem Abend die Lichter im Haus abzuschalten, um Putin zu zeigen, dass wir lieber im Dunkeln sitzen statt russisches Gas und Öl zu kaufen. Weder ein Datum noch ein Absender waren genannt. Doch Teilen ist ja einfach und geht in Sekunden. Die Lehre daraus: erst einmal innehalten und durchatmen, nachdenken.

Immerhin schafften es am 4.3. allein in Deutschland mehr als 200 Radioprogramme zur gleichen Zeit John Lennons „Give Peace a Chance“ zu senden. Ein Moment der Gemeinsamkeit, die Wirksamkeit dieses Songs von 1975 rührte an die Emotionen und schuf Gemeinschaft.

Die gelb-blaue Friedensdemo in Köln am Rosenmontag hat mich berührt wegen der überwältigenden Vielfalt der wohl 250 000 Menschen, die der Überfall Putins auf die Ukraine und seine Folgen nicht kalt lässt: die Karnevals“jecken“ mit den ernsten Mienen, die kreativen Pappschilder, die sehr alten Menschen, Familien und einzelne wie der Mann neben uns, der mit Paketschnur ein selbst kopiertes Putin-Foto mit einem roten Stopp-Schild übermalt hatte. Das ist tröstlich und lässt bescheiden werden. Es reicht zu unterstützen, was ich für sinnvoll halten. Den Expert*innen kann ich die Analysen überlassen und selbst mehr Wissen sammeln über die Geschichte der Ukraine und der gesamten Region. Gut, dass die öffentlich-rechtlichen Sender nicht nur ihr aktuelles Angebot erweitert haben, sondern auch eine Fülle an Dokumentationen aus den Archiven holen und ihr Streaming-Angebot erweitern.

Dankbar für mein bisheriges Leben ohne Kriegs-Erfahrungen werde ich endlich das Buch lesen „FLUCHT eine Menschheitsgeschichte“ von Andreas Kossert. Vorab hier schon einmal sein Resümee:

„Flüchtlinge und das, was sie erleben und erleiden, führen uns vor Augen, wie zerbrechlich unsere scheinbar so sichere Existenz ist. Sie verschieben die Sicht auf die Welt, weil sich mit jeder Fluchtgeschichte und jedem einzelnen Flüchtling die Frage stellt, wie fest wir wurzeln.“  

In eigener Sache:

Nach über einem halben Jahr „Zettelskrom“ ist Zeit für ein Zwischenbilanz. Es freut mich, wie viele meiner Einladung gefolgt sind und sich auf das Experiment „Zettelskrom“ einlassen. Danke auch für die Kommentare und das Nutzen der Abo-Funktion, für die mündlichen Reaktionen. Es war ein „Kaltstart“ mit WordPress, der nur mit Unterstützung des eng verbundenen IT-Experten, Fotografen, Bildbearbeiters, Kritikers und Ehemanns gelingen konnte.

Doch seit Donnerstag führt Putin Krieg gegen die Ukraine. Das blockiert alle Gedanken über andere Themen und Texte. Gelöscht habe ich die letzten Tage Überlegungen über die eigene katholische Vergangenheit und den Aschermittwoch zurückkehrenden Kardinal oder über die Idee des Kölner „Geisterzugs“. Selbst denen im Rheinland, die als Kind an von Weiberfastnacht bis Karnevalsdienstag nur zum Schlafen aus den diversen Kostümen kamen, bleiben die Töne der vertrauten Lieder im Hals stecken.

„Aus gegebenem Anlass“ diesmal ein „alter“ Text, der zeigt, wie nah uns die Menschen anderer Länder und Kontinente sind.

Herabschauender Hund

Aus einer Laune heraus haben wir im Ausland seit Jahren gerne in Haushalts- und Eisenwaren-Geschäften gestöbert, die es selbst in kleinen Orten noch gibt.  Obwohl wir weder Hund noch Garten hatten, haben wir oft Warnschilder vor Wach-Hunden gekauft. Eines der schönsten ist ein rot-weißes Emaille-Schild aus dem Laden im Untergeschoss eines Hauses an der Ringstraße, die sich um die Altstadt von Krakau zieht. Das edelste aus matt schimmerndem Edelstahl stammt von den Azoren. In Brighton Beach (NY) gab es nur eine Warnung aus Pappe, die rheinische Regengüsse nicht lange überstanden hat.

Seit unser Hund endlich eingezogen ist, gibt es an der Haustür eine italienische Variante aus Plastik mit der Silhouette eines Schäferhund-Kopfes. So abschreckend, dass ein Elternpaar gestand, am Abend des Martins-Singens (Süßes und Gesundes gegen Lieder und Laternen-Licht) deshalb nicht bei uns geklingelt zu haben. Dabei glaubt unser Hund wohl, selbst Mensch zu sein. Jedenfalls begrüßt er wedelnd und knicksend fast jeden. Erst bei freundlicher Reaktion widmet sie sich dann den hündischen Artgenossen jeder Größe. Es bleibt der Verdacht, dass Funny durchaus berechnend agiert. Tragen selbst große Hunde doch keine Jacken oder Mäntel, in denen sich Trockenfutter-Stückchen und andere so genannte „Leckerlis“ verbergen könnten.

An einem Morgen hatte ich Funny am Hauseingang angeleint, als ein älterer Mann mit asiatischen Gesichtszügen stehenblieb, den Hund genau beobachtete und dann breit lächelte: „Jetzt weiß ich endlich, wer hier wohnt. Darüber habe ich beim Vorbeigehen immer gerätselt.“  Das schwarze Wesen machte einen tiefen Knicks. Der „herabschauende Hund“ nennt sich das als Yoga-Übung. Kommt auch aus Asien.                                                  CB

Von wegen Schwarz-weiß – Erfahrungen und Erkenntnisse

Seit einigen Wochen geht mir manches, das ich gelesen habe, nicht aus dem Kopf oder taucht auf, wenn das Gender*sternchen Kapriolen schlägt in gesprochenen oder gedruckten Texten. Oder ich höre klassische Musik und stelle mir bildhaft das Orchester vor – wieviele darin sind nicht männlich, wie viele haben welche Hautfarbe…wann war das noch mal, dass die erste Frau Mitglied der Berliner Philharmoniker wurde?

Wie gut, dass es die Mediatheken gibt und diese erstaunte Freude noch bis zum 4.5. bei 3Sat abgerufen werden kann. „7 Leben für die Musik- die Familie Kanneh-Mason“, eine Dokumentation von Catharina Kleber führt mitten hinein in ein Haus in Nottingham, das summt und hallt von Tasten- und Streicherklängen der fünf Schwestern und zwei Brüder. Ob nun im Bad geprobt oder per Zuruf verhandelt wird, wann es Zeit zum gemeinsamen Essen ist. Die Eltern Kadiatu und Stuart mit Wurzeln in Jamaika und Sierra Leone wurden vom Talent und dem Ehrgeiz ihrer Kinder überrascht. Der Vater, ein Hotelmanager, und die Mutter, die als Englisch-Dozentin an der Hochschule gearbeitet hatte, sorgten sich um die Kosten für Instrumente und Unterricht. Längst gibt es Preise, Stipendien und Auftritte, auch gemeinsame der sieben.Die Mutter hat ein Buch über die Familie verfasst – im Film ist zu sehen, wie einige der Kinder mit Instrumenten unterwegs sind, um eine Lesung musikalisch zu begleiten. Oder wie die Rollen verteilt sind – der geigende Bruder als Konzertmeister- bei Aufnahmen im Tonstudio. Übrigens mag der Cellist Sheku dem einen oder der anderen bekannt vorkommen. 2016 hatte er den „BBC Young Musician Competition“ gwonnen und spielte während der Trauung von Prinz Harry und Meghan Markle. Schnee von gestern, in Corona-Zeiten fachsimpelt er mit Dirigent Sir Simon Rattle bei Orchester-Aufnahmen in einem Flugzeug-Hangar.

Wunderbar, so viele musikalische Geschwister – und doch eine normale Familie. Ist es für schwarze Musker*innen wirklich schwerer, sich in der Klassik-Szene zu etablieren, wie ein Programmhinweis fragt? Wahr ist, sie fallen auf, werden zu Repräsentanten in der derzeitigen „black live matters“-Epoche und können nicht so einfach in der Menge „untertauchen“ oder sich eingebettet fühlen in die wohlwollende Akzeptanz farbiger Jazzmusiker*innen oder Hiphopper*innen oder Reggae-Stars.

Rechts die Eltern Kanneh-Mason, daneben die sieben Schwestern und zwei Brüder. Neben der ZDF-Dokumentation in der 3SAT Mediathek waren Videos auf youtube darauf, gehört und gesehen zu werden. Foto: ZDF und Jake Turney.

Ganz schön kompliziert: „Afro-britisch“

„Was Rassismus betrifft, wird es hoffentlich einmal wissenschaftliche Essays über den Umgang dieses Romans mit ihm geben“, schreibt taz-Rezensent Dirk Knipphals. „Er ist für die Figuren so massiv vorhanden wie die Schwerkraft, geschildert wird er in allen möglichen Ausprägungen von handfester Ausgrenzung bis hin zum Wegrücken im Fahrstuhl.“ Bis diese Essays vorliegen führt uns Bernardine Evaristo in „Mädchen, Frau etc.“ im Roman durch völlig verschiedene schwarze Lebensläufe, die geprägt sind durch die Vernetzung mit anderen und die damit verbundene Unterstützung, Konflikte, Trennungen.

 „Afrobritisch“ wird umschrieben, wie heterogen diese durch zeitlich unterschiedliche Einwanderungswellen aus der Karibik oder Afrika entstandene Community ist und wie mühsam und oft über Generationen hinweg Veränderungen erfolgen: wie viel muss vermeintlich „cool“ weggelächelt werden, um als Bankerin Karriere machen. Wie mühsam ist der Weg bis zur Theaterpremiere im Londoner National Theatre.  Evaristo, die 1959 in London geboren wurde und als Professorin Creative Writing unterrichtet, hat mit ihrem Roman 2019 den Booker-Preis gewonnen und wird literarisch auch für ihre Sprache gewürdigt. Ohne Punkte enden die Wortketten oft vor dem Ende der Zeile-

Das hat Wirkung

Bernardine Evaristo: „Mädchen, Frau etc.“, 512 S., Tropen Verlag Stuttgart, 25 €

Nicht ohne mein Smartphone

Eine Generation jünger ist die 1989 geborene Candice Carty-Williams, die 2020 für ihren Debütroman „Queenie“ 2020 bei den British Book Awards als erste Schwarze überhaupt die Auszeichnung „Book oft he Year“ erhielt. Verloren zwischen den Kulturen fühlt sich die Titelheldin, die sich notorisch in weiße Männer verliebt und darüber den Job in einer Kulturredaktion vernachlässigt. Zum Lachen ist das oft nicht, wenn Queenie (der Name eine Reminiszenz an die britische Königin) als erste der Familie mit einem College-Abschluss immer tiefer in eine Depression gleitet, erniedrigenden Sex meint ertragen zu müssen und sich dem strengen Regiment der Großeltern unterwirft. Dating Portale haben zusätzlich Verwirrung geschaffen – der Verlauf der kurzen Mitteilungen ist Teil des Romans und die reale Konfrontation mit den übergriffigen Männern und ihren Erwartungen an schwarze Frauen. Zum Glück gibt es aber auch die Freundinnen und ihre Chat-Bemühungen, die Zuversicht zu verbreiten versuchen. „Traurig und verwirrt“ sei sie nach der Preisverleihung gewesen, wird Carty-Williams zitiert, gerade weil diese Premiere – aus erste Schwarze ausgezeichnet! – so überfällig gewesen sei. Nach Lektüre ihres Buches könnten weiße Leser hoffentlich besser verstehen, was sie meine. Und weiße Leserinnen auch, kann ich da nur ergänzen.                                                          CB

Candice Carty-Williams: „Queenie“ Roman, 544 S., Blumenbar Verlag

NS-Zeit: Eine Entschuldigung an die Jugendlichen der Gen Z  

Als sogenannte Babyboomerin trennen mich Jahrzehnte von der Gen Z, wie um die Jahrtausendwende geborenen Jugendlichen auch genannt werden. Vereinfacht werden sie so charakterisiert: stets online und mit dem Handy unterwegs, ihnen steht die Welt offen. Sie sind umweltbewusst und oft ungeduldig bis wütend auf die Älteren. Was haben die noch am Hut mit dem 2.Weltkrieg und dem Nationalsozialismus? Sie werden als die vierte Generation nach Kriegsteilnehmern, Kriegskindern und Kriegsenkeln gerechnet.

Jedes Jahr Ende Januar drängen die Ereignisse des Nationalsozialismus unweigerlich ins Licht der Gegenwart. Diesmal auch durch die Wannsee-Konferenz vor 80 Jahren am 20.Januar. Der gleichnamige ZDF-Film (in der Mediathek) zeichnet auf der Grundlage des Eichmann-Protokolls die Beratungen der seriösen Herren in Anzug oder Uniform nach, wie sie auch heute noch die Interessen ihrer Ministerien und Dienststellen vertreten könnten. Doch damals ging es um Absprachen zum Mord an 11 Millionen Juden. Am 27. Januar wird der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als Holocaust-Gedenktag begangen. Das Jahr über immer wieder kurze Zeitungsnotizen, dass hochbetagte Überlebende der NS-Verfolgung gestorben sind. Solange es ging, berichteten sie in Schulen und Gedenkstätten von dem erlebten Schrecken. Immer mit der Verpflichtung, auch Zeugnis abzulegen für die Ermordeten mit dem Ziel, dass sich diese Verbrechen nicht wiederholen dürfen.

Im hessischen Arolsen befindet sich das weltweit größte Archiv mit Dokumenten der Opfer und Überlebenden. Noch immer werden dort Angehörigen Auskünfte erteilt, aber die „Arolsen Archives“ befassen sich auch mit der Zukunft und neuen Formen der Bildungsarbeit, um das Interesse der Gen Z zu wecken. Eine Studie des Rheingold Instituts in Köln mit zweistündigen tiefenpsychologischen Interviews der 16- bis 26-jährigen im Vergleich zu 40 bis 60jährigen ist zu überraschenden Ergebnissen gekommen:

„Befreit vom Gefühl persönlicher Schuld an der NS-Zeit“ sei der Zugang der Jüngeren unbeschwerter, erläutert Institutsleiter Stephan Grünewald. Von der NS-Zeit gehe aber auch eine gewisse Faszination und Angst aus wie die Frage: Vielleicht hätte ich auch auf der Seite der Nazis gestanden, mich der Dominanz eines völkischen Plans unterworfen? Dagegen lebten Jugendliche heute in einer „multioptionalen Bereitstellungskultur“, zu der aber auch Ansprüche und individueller Druck gehörten, etwas aus sich selbst zu machen. Insgesamt, so Grünewald, sensibilisiere die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit für heutige gesellschaftliche Probleme vom Rassismus, über die Zahl der Fake News bis hin zur Radikalisierung.

Die Interviews offenbaren aber auch die Barrieren, die eine Beschäftigung mit der NS-Zeit blockieren können. Neben der Angst, von Gefühlen überwältigt zu werden, zählt dazu die Angst vor einer „Überkomplexität“ von Sachverhalten (etwa im Unterricht) fern der eigenen Lebenswirklichkeit. Oder wenn den Jugendlichen Moral „verordnet“ werde, statt sich ein eigenes Resümee zu erarbeiten. Jede Generation reklamiere für sich, selbst zu denken und sich ein Bild zu machen, meint auch Oliver Figge von den Arolsen Archives.  Es gelte die Verknüpfung mit heutigen Entwicklungen zu schaffen, „denn die Gründe der Verfolgung sind nicht Geschichte“.  Eine der Befragten wird so zitiert:

Der Gen Z Schlüssel in die Hand zu geben, wünscht sich auch Floriane Azoulay als Archiv-Direktorin. Aus der Studie ergeben sich erste Ansätze wie die Verschmelzung von digitalen und analogen Formen für die Nachbearbeitung von Begegnungen oder dem Besuch von Gedenkstätten, eine Diskussionskultur ohne moralischen Zwang. Auch die Kompetenzen und Wahlmöglichkeiten der Gen Z ließen sich nutzen, um Themen zu vertiefen oder globale und regionale Bezüge herzustellen wie durch die „Stolpersteine“.

Eine persönliche Schlussbemerkung

Mit 24 Jahren würde ich heute zur Gen Z gerechnet. Doch es war 1982 und ich junge Redakteurin. Wegen des Kriegsrechts in Polen und den Einreisebeschränkungen für Journalisten musste ich noch einmal in die Rolle der Studentin schlüpfen. Ich sollte über Auschwitz und die Gedenkfeier mit deutschen Laien und Bischöfen aus Polen und Deutschland für den heiliggesprochenen Maximilian Kolbe berichten. Der folgende, leicht gekürzte Text entstand neben den Nachrichten, Reportagen und Pressefotos als wir am Nachmittag zu zweit oder dritt mit KZ-Überlebenden über das Gelände des Stammlagers und des Vernichtungslagers Birkenau gegangen waren.

„Bekannter Schrecken. Die Frau neben mir hat überlebt, spricht zum ersten Mal seit der Befreiung wieder deutsch, will Sprachrohr für die Toten sein. Kein Vorwurf in der Stimme. Sie teilt Wohnung und Essen mit uns; erinnert sich an die eine freundliche Aufseherin, die ihr ein Stück Brot zusteckte. Als wir aus einer der Baracken auf dem riesigen Gelände des Vernichtungslagers Birkenau kommen, atmet sie tief durch und sagt: „Hier war nur Dreck, kein Gras. Hier haben die Vögel nicht gesungen.“

Warum nur blitzt dieses Bild auch heute noch auf – wenn ich Fernsehnachrichten über Flüchtlingslager in Griechenland oder im Libanon sehe? Wenn jemand im Kleider-Container an der Ecke wühlt und vor dem Tisch der „Tafel“ ansteht?                                                                             CB

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Quelle der Bilder:

Die Screenshots stammen von der Einladung und der Online-Präsentation der Studie am 25.1.2022 durch die Arolsen Archives und das Rheingold Institut. Auf den Webseiten finden sich auch ausführlich die Inhalte der Studie.

Was Dinge und Menschen verbindet

Hier soll es nicht um die Weihnachtsbäume gehen, die auf den Bürgersteigen nadelnd in diesen Tagen auf die letzte Fahrt warten. Ihre Verweildauer in warmen Stuben ist ohnehin auf wenige Wochen begrenzt. Nur einige können in den Garten umsiedeln und auf ein Comeback im nächsten Dezember warten. Es steht auch mehr Sperrmüll als sonst herum. Voll gestopfte Mülltonnen mit halb aufgeklappten Deckeln verraten, was sonst so ausgemustert wurde. Ich behaupte, derzeit finden Dokumentationen über die richtige Ordnung in Schränken und Regalen, über minimalistisches Leben in „Tiny Houses“ oder in Wohnmobilen besonders viel Interesse. Aber auch die vielen neuen Ordnungs-Hilfen in Schaufenstern, Prospekten und natürlich im Internet. Nach wie vor ein Renner: die Aufräum-Empfehlungen von Marie Kondo.

Nur für wenige war die Weihnachtszeit im beheizten Raum ein Ausflug aus dem Garten-Beet

Egal zu welchem Termin lösen Wohnungswechsel Schrecken aus angesichts der gestiegenen Zahl benötigter Umzugs-Kartons. Soll ich mich nicht endlich von dem Steiff-Hund trennen, dessen Plüschbein Verbrennungsspuren von einer Heizung aufweist? Was ist mit dem nach einer Lesung in Stuttgart signierten Buch einer chinesischen (!) Schriftstellerin aus den 1980er Jahren? Schwer fällt es mir vor allem, mich von Gedrucktem zu trennen, so froh ich über die öffentlichen Bücherschränke bin und den regen Tauschbetrieb. Manchmal träume ich, dass ein dort zurückgelassenes Buch nach mehreren Jahren und einigen Leser*innen mir in einem der Schränke wieder begegnet. Wobei ich einige „gespendete“ Titel nach längerer Zeit wieder so sehr brauchte, dass ich sie in Büchereien suchen oder antiquarisch kaufen musste. Im Internet natürlich.

Vielleicht wartet ein Buch, das ich im Bücherschrank entsorgt hatte, auf mein wieder erwachtes Interesse

Überhaupt die digitalen Möglichkeiten:  Blogs wie dieser „Zettelkrom“, die Mail-und WhatsApp-Kontakte, Recherchen, Buchungen und Bestellungen gehören dazu. Die Schreibtische vieler sind leerer und kleiner als meiner, weil sie a l l e s einscannen und archivieren statt Ordner mit Ausdrucken zu füllen. Da bleibe ich skeptisch, von Steuererklärungen und ähnlichen Inhalten einmal abgesehen. Wobei auch E-Books in bestimmten Situationen Sinn machen: auf Reisen zum Beispiel. Oder neben dem Bett oder unter dem Kopfkissen, um nachts Schlafpausen zu überbrücken.  Das geht besser als sich mit einem schweren 700-Seiten-Roman hin- und her zu wälzen – um wieder hellwach zu sein, wenn das Buch aus den Händen fällt und auf den Boden knallt.

Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre schrieb: „Wir wissen, wer wir sind, wenn wir betrachten, was wir besitzen.“ Er, der die meiste Zeit in wechselnden Hotelzimmern verbrachte, redete damit nicht denen das Wort, die in Hallen Oldtimer horten, vier verschiedene Ess-Services auftischen oder zumindest jedem Mode-Stil folgen. Aber: „Ohne Objekte würde ich womöglich haltlos davontreiben“, notierte die heute in Schottland lebende Autorin und Bloggerin Lee Randall. Sie scheint vor allem stolz auf die Bücher zu sein, die überall in ihrem Haus Platz beanspruchen. „Ein jedes von ihnen ist ein autobiografischer Datenspeicher meiner selbst, eine Erinnerung, wer ich war, als ich es las, was ich an ihm liebeswert fand, wohin es mich trug.“ Auch andere Gegenstände speicherten Erinnerungen, Werte und Erfahrungen, um sie vor dem Vergessen zu bewahren.

Im Regal oder auf dem Schreibtisch liegt seit 1986 dieser unbearbeitete Stein von der Insel Krk als Zeichen für Veränderung

Entrümpeln, Möbelrücken oder durch Umzüge den Lebensraum zu verändern ermöglicht neue Perspektiven und Veränderungen. Es gibt aber auch die These, nach der Menschen, die mit einem Minimum an Gegenständen auskommen, der Sinn für das eigene Maß abhanden zu kommen droht. (Wie auch den Sammlern, deren Häuser überquellen von den ergatterten Objekten.)

Mein Großvater soll mit weit über 80 Jahren begonnen haben, sich vieler Dinge zu entledigen. Es waren wohl auch Adressen darunter von ausgewanderten Verwandten, die nach dem 2.Weltkrieg Care-Pakete geschickt hatten. Gegen Ende des Lebens wollte er „reinen Tisch“ machen, sich von überflüssig gewordenen Dingen trennen. Es mutet an wie eine Station kurz vor dem endgültigen Abschied. Auf dem Nachtisch meines Vaters im Krankenhaus lagen bis zuletzt ein kleiner Block, ein „feiner“ Kugelschreiber und stand ein Bild seiner Frau. Als sie starb, lag auf dem Tisch eine Schale mit bunten Ketten und einer Uhr, eben die Tochter eines Goldschmieds und Uhrmachers.

Es braucht, denke ich, nicht das Gedankenspiel, welche Dinge man auf eine einsame Insel mitnehmen will. Nur Aufmerksamkeit und eine Portion Dankbarkeit für die vielen Erinnerungen. Sie sind das Gerüst des bisherigen Lebens und liefern Erfahrungen, Kraft und Fantasie für die kommende Zeit.

PS: Frage nach dem Lesen

Welches Objekt schafft es bei jedem Umzug mitzukommen? Vielleicht möchten Du/Sie uns ja mit Hilfe der Kommentarfunktion daran teilhaben lassen? Bei mir zerbrach leider voriges Jahr die dünn gewordene Klinge eines kleinen Küchenmessers, mit dem Oma und Mutter schon hantierten als Kartoffelschälen für mich noch zu gefährlich war.     C.B.                                                                

Am Ende wird alles gut sein…

Der tröstliche Beginn dieses Spruchs lässt sich für einen Text zum Jahresende noch gut an. Doch dann wird es so kompliziert wie so vieles im Jahr 2021 war:

„Am Ende wird alles gut! Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“

Woher stammt diese Erkenntnis? Im Internet finden sich massenhaft handgezeichnete Spruchtafeln, aber wer hat die Worte als erster zu Papier gebracht? Die Auswahl ist groß – angefangen bei Oscar Wilde und dem brasilianischen Schriftsteller Fernando Sabino, über John Lennon und Anselm Grün bis hin zu Angaben wie asiatische Weisheit oder der Name eines Yoga-Instituts in München.

Dann doch lieber unterschiedliche Texte darüber, wie lose Enden verbunden werden können über Länder und Zeiten hinweg. So wie auch vergangene Jahre und sogar Jahrhunderte sich verknüpfen lassen mit der Gegenwart und damit Chancen auf Veränderung.

manchmal ist die Richtung vorgegeben, doch das Ziel ungewiss

„Ich muss noch Happy Ends machen“

Mit dieser Ankündigung verzieht sich mein Mann mit schöner Regelmäßigkeit an seinen Schreibtisch. Ehrenamtlich ist er für eine kleine Tierschutzorganisation zuständig, die nicht erst seit den Zeiten von mehr Homeoffice und Corona-Einsamkeiten Hunde aus Ungarn vermittelt. Im Web-Auftritt gibt es dann die Rubrik „Happy Ends“, kurze Berichte über erfolgreichen Vermittlungen. Vor allem sind Fotos zu sehen, die glückliche Menschen und zufrieden blickende Hunde zeigen – jeden Alters und jeder Größe.

Was für ein Kontrast: Für mich war vorher das Happy End nur als singuläres und umwerfendes Ereignis zu begreifen. Mit einem Regen aus goldenem Glitter, einem Rosenstrauß vor dem lachenden Gesicht, einem Fallschirm-Sprung ins Glück. Oder vor einer Park- oder Schloss-Kulisse scheppernde Dosen am Auspuff für die Fahrt in die Flitterwochen. Was sich an mehr oder weniger kitschigen Klischees so ansammelt im Lauf eines Lebens mit Fotos in den Illustrierten des Friseursalons, in den Schaufenstern von Fotogeschäften, im Fernsehen und den „sozialen Medien“… Die „Happy Ends“, die mein Mann dokumentiert, sind anders: sie zeigen eher wetterfest gekleidete Menschen, deren Gesichter ohne Makeup von ihrem bisherigen Leben erzählen. Manchmal ähnelt die Frisur der „old Lady“ dem Fell des kleinen Pudels mit dem Grau um die Schnauze. Strahlende Kinder scheinen im adoptierten Hund den Beweis zu sehen, dass hartnäckiges Wünschen sich lohnen kann – Gassi-Gehen im Regen und durch Matsch inklusive.

OPEN END

Vor mehr als 20 Jahren hatte sie als kinderlos gebliebenes Paar die Patenschaft über einen neunjährigen äthiopischen Jungen namens Haftamu übernommen. Es war eine seriöse Organisation, die nicht nur das einzelne Kind, sondern die Lebensumstände der gesamten Familie berücksichtigte. Es ging darum, den Lebensunterhalt und den Schulbesuch Haftamus zu sichern, der ohne Mutter mit dem erblindeten Vater zusammenlebte. Das Foto, das ihnen zugeschickt wurde, zeigte einen schmalen Jungen mit ernstem Gesicht. Da Englisch nicht zum Lehrplan gehörte, schickten Lehrer*innen einmal im Jahr den beiden „foster parents“ einen knappen Brief mit stereotyp sich wiederholenden Informationen und Grüßen. Immerhin erfuhren sie, dass Fußball Haftamus größtes Hobby ist.

Das Paar zog in eine andere Stadt, mit dem Ende des Schulbesuchs – war es mit 15 oder 18 Jahren? endete auch die Patenschaft. Das Foto Haftamus verschwand irgendwann in den Tiefen eines Schrankes. In der nächstgelegenen Bäckerei arbeitet nun seit einigen Monaten ein hoch aufgeschossener junger Mann mit einer Vorliebe für Fußball-Trikots aus aller Welt. Sein strahlendes Lächeln hilft über die kleiner werdenden sprachlichen Lücken. Nach Auskunft einer Kollegin soll er aus Äthiopien stammen. Wie andere Kunden freut sich das Paar über seine gute Laune. Und jedes Mal verschieben sie die Frage, wie er nun heißt, auf den nächsten Einkauf.

auch die Landschaft ist nicht statisch – Vulkan-Gegend auf La Palma

Endlos

Buchhandlungen stehen für Kultur und damit für Überraschungen jeder Art, auch der Laden im Westerwald. Der Landwirt bestellt hier „Don Quichotte“ in der spanischen Originalsprache, der Disco-Betreiber einen bebilderten Prachtband über eine in unzählige Scherben zersprungene chinesische Epoche lange vor der Zeit der Mao-Bibel.

Ein nicht mehr junger Kunde trägt eine Sportkappe mit der Aufschrift „Dubai“– Urlaubsort oder nur eine Zwischenlandung? Der Buchhändler reicht ihm einen Stapel der in dieser Woche erschienen Illustrierten. Für die Mutter oder die Nachbarin, die das Schicksal der armen Reichen interessiert? Der Buchhändler fragt sich laut selbst, warum er sich nicht früher, sondern erst heute nach dem osteuropäisch klingenden Namen des Kunden erkundigt. Nun erfährt er, dass es adelige Vorfahren in Prag gab und dort noch ein Palais mit dem Familiennamen existiert. Und: Im gleichnamigen Theaterbau sei Mozarts „Don Giovanni“ uraufgeführt worden. Ein Moment der Stille – ein Schlussakkord klingt über Jahrhunderte, Kulturen und Lebensformen hinweg. CB      

eine Sicht auf Köln und der Strom der Zeiten