Liebe deine Stadt so und so

Wer über die Hohenzollern-Brücke Richtung Dom geht, begegnet nicht nur immer eiligen älteren E-Bike-Fahrern sondern auch staunenden Touristen, die Fotos machen von den „Liebes“-Schlössern am Zaun zu den Gleisen. Wer hat diese Tradition begründet? Warum wird als Ausdruck überschwänglicher Gefühle ausgerechnet ein Schloss gewählt und Namen wie Daten vermerkt, um es dann abzuschließen und Schlüssel in den Rhein zu werfen? Um Sehnsucht und Suche für alle Zeiten für beendet zu erklären, allen Erfahrungen zum Trotz? Was für ein Kontrast zu Luftballons oder Tauben (beides bedenklich), die in himmlische Weiten entlassen werden oder Herzen, die in Baumrinden wachsen können. So manches Schloss rostet, stammen die „N“ von einem oder mehreren? Und bedeutet „R.I.P. Amy“ etwa ein ungewolltes tragisches Ende?

Genaueres Hinsehen macht nicht schlauer.
 

Am Rand der Hohe Straße mit immer mehr Candy-Stores statt „feiner“ Mode hat sich eine Musikgruppe aus Osteuropa niedergelassen. Zwei Saxofone, Akkordeon, Gitarre, Bass und Rhythmus. Die ersten Töne des Songs kleben mich am Pflaster fest und lassen mich zurücksinken ins Jahr 1985. „I just call to say I love you“ von Stevie Wonder. Heimlich verliebt war ich, mit ihm gemeinsam zu diesem Hit zu tanzen war magische Nähe. „Just“ anzurufen immer einen Versuch wert vor der Zeit der Handys. Eine elegante alte Dame neben mir scheint auch in anderen Welten oder ihr Innerstes versunken zu sein. Ein Paar hat die Koffer abgestellt und folgt wippend dem Rhythmus. Eine sehr farbig gekleidete junge Asiatin tanzt vor den Musikern mit dem Handy in der Hand. Entsteht gerade das Selfie einer Influencerin? Ihrem Publikum zuwinkend schwebt sie weiter, während die Straßenband „Volare“ intoniert.

Live-Musik am Straßenrand, die zufällig und vielstimmig viele erreichen kann
 

Auf dem Weg zum Neumarkt quere ich an einer Ampel die Nord-Süd-Fahrt, eine Schnellstraße mit hohem Stau-Potenzial, die seit 1962 historisch gewachsene Stadtviertel zerschneidet. Darüber spannen sich auch Gebäude –   auf einem Dach war von 2005 bis 2021 ein roter Schriftzug zu sehen: „Liebe deine Stadt“ – 4 Meter hoch und 26 Meter breit. Was für eine Ansage ausgerechnet über dieser als „autofreundlich“ gedachten Schneise. Dem 1974 in Graz geborene und in Köln lebenden Konzeptkünstler Merlin Bauer geht es mit solchen Arbeiten darum, Architektur als soziale Aufgabe zu verstehen und Gestaltungsspielräume zu nutzen. „Wir wollen, dass es unseren Kindern und Nachbarn gutgeht“, sagte er dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. „Das Projekt soll ein Aufruf und zugleich der Aufbruch zu einer Stadt-Debatte sein. Was kann jeder Einzelne von uns tun, um diese Welt um uns herum positiv zu gestalten“.

Fünf Minuten weiter: zwischen Geschäftshäusern in der Nähe des Neumarkts eine Szene der besonderen Art. Ein großer Herz-Luftballon, riesige Blumensträuße, bunt bemalte Plakate, Handys, ein kleines Kind, eine ältere Frau mit Kopftuch, rund zehn bestens gelaunte junge Frauen, einige Männer. Mit Lachen und Freude unterlegte deutsche, englische und andere fremdsprachige Wortfetzen. Ich erfahre, eine von ihnen hat die letzte Prüfung des Zahnmedizin-Studiums bestanden. Das sei fast noch wichtiger als Hochzeit, flüstert mir eine der jungen Frauen zu.

Öffentlich feiern bedeutet auch mit der eigenen Freude Passanten anzustecken

 

„An einem Ort überlagern und verweben sich heute vielfältige kulturelle Orientierungen und Erbschaften“, lese ich zuhause im Begleitmaterial zu einer Ausstellung, in der auch der große Schriftzug zu sehen ist. „Kultur ist nicht einheitlich, sondern vielstimmig, ein Zusammentreffen vieler kollektiver Gedächtnisse und Erinnerungsgemeinschaften.“ Schön formuliert, denn da passt alles hinein. Der Song „Liebe deine Stadt“ ebenso wie das Tattoo mancher FC-Fans oder Postkarten und Taschen mit dem roten Schriftzug. Und die Szenen eines Spaziergangs.  CB

Sehenswert das „official Video“ zum Song „Liebe Deine Stadt“, weil es nicht nur Mo Torres, Cat Ballou und Lukas Podolski präsentiert, sondern auch die Architektur und Vielfalt in Köln.

Die Webseite www.liebedeinestadt.de  mit vielen Informationen über die Konzeptkunst von Merlin Bauer, Interviews und Berichte über Aktionen und die aktuelle Ausstellung im KOLUMBA Museum Köln bis 14.August 2023.

Film-Komparsin(1): In andere Zeiten schlüpfen als lebendiger Hintergrund

Ich muss gestehen, einen Drehtag und rund ein Jahr später habe ich es wieder getan – mich als Komparsin bei „meiner“ Casting-Agentur beworben. Es geht diesmal um eine Ko-Produktion von ARD/WDR/Canal+. Es werden hunderte Komparsen gesucht, die im Gefängnis einsitzen, Bodybuilding oder Kampfsport erprobt sind, tätowiert, mit Narben und „Milieu“-Typen. Solche Erwartungen kann ich nicht erfüllen, aber sicher könnte ich als verzweifelte Verwandte vorm Gefängnistor warten oder einem SEK die Tür öffnen, die dem Verbrecher auf der Spur sind.

Im Ernst. Auch wenn ich letztes Jahr eine Verschwiegenheits-Klausel unterschrieben habe, Corona-Tests bestehen musste und der Spielfilm einer bekannten Regisseurin erst im Herbst in die Kinos kommen soll, geht mir doch einiges durch den Kopf:

Der Aufwand

LKWs mit Beleuchtung und Kamera-Equipment, Requisiten und rollbaren Kleiderständern warten am Drehort. Aufenthaltsräume für die Komparsen (aus dem italienischen „gemeinsam erscheinen“), die per definitionem „keine tragende Rolle spielen“ und oftmals stumm bleiben.  Getränke brauchen wir trotzdem, ein Catering für den Drehtag, der für mich rund acht Stunden dauerte. Wer alles mitarbeitet: jemand muss unsere Arbeitszeit registrieren -auch die Kostümprobe ein paar Tage vorher wird bezahlt-, jemand muss mit der Kamera am Drehort unsere Platzierung erfassen, wenn wir zwischendurch für einen Umbau von Kamera und Beleuchtung aus dem Raum müssen.

Kleider machen Leute

Um 1960 spielt der Film, für mich wird die Kostümprobe eine Zeitreise zurück in die Kindheit. Reihenweise hängen Kleider, Kostüme, Blusen und Röcke aus der Zeit auf den Kleiderstangen (plus Männer-Anzüge). Die Konfektions- und Schuhgrößen hat die Agentur, rasch bekomme ich einen knielangen Woll-Rock, einen ärmellosen dünnen Pulli (es war die Zeit vor den T-Shirts) und eine Strickjacke mit Zopfmuster verpasst. Dazu Schuhe, die eher ans Wandern denken lassen als an Bälle wie die Pumps jüngerer Komparsinnen in elegant schwingenden Kleidern mit grafischen Mustern. Nebenan „die Maske“. Eine der Expertinnen an transportablen Frisiertischen mit Spiegel verpasst mir mit Lockenstab und Spray eine Wellen-Frisur, mit der ich mich wie meine eigene Mutter fühle. „Abgenommen“ von einer Chef-Maskenbildnerin werden Fotos ausgedruckt in eine Klarsichthülle und gepackt zu meinem Outfit sortiert. Dazu strikt die Anweisung, bis zum Dreh die Haare nicht zu färben oder zu schneiden. Zur Erinnerung; ich war nur eine von schätzungsweise hundert Frauen und Männern, um in dieser einen Szene den „lebendigen Hintergrund“(Wikipedia) zu bilden hatten.

Die Casting-Agenturen schlagen der Produktionsfirma Menschen aus ihrer Kartei vor. Statt Urlaubsfotos benötigen sie dafür Aufnahmen vor neutralem Hintergrund.  Freiwillig sind Angaben über Sprachkenntnisse, Sportarten, das Haustier oder das Auto.

Mehr über den Film, die Stars und die Szenen, in denen ich vielleicht zu sehen sein werde, nach der Premiere im Herbst. Versprochen.

Am Ende noch drei der ganz persönliche Wünsche der Komparsin für einen Tag:

  • Mit meiner Hündin Funny eine Leiche im Bach oder unter einem Laubhaufen entdecken – das passiert schließlich jede Woche ähnlich mehrmals im Vorabendprogramm.
  • In der Schlange vor dem Eiscafé Zeugin eines Verbrechens werden.
  • Esel striegeln auf einem Kinder-Bauernhof z.B. für ein Familien- oder Tierquäler-Drama.
  • Im Sterne-Restaurant speisen oder selbst servieren(riskanter,) als ein handfester Streit ein paar Tische weiter ausbricht. CB

24/7 – gespeicherte Momente

Nicht ohne Grund heißt dieser Blog Zettelskrom. Ebensolcher begegnete mir während der Jahre in Nachrichtenredaktionen täglich: zu Beginn die hauchdünnen Durchschläge, die aus den rasselnden Fernschreibern quollen und verpackt in Kunststoff-Behältern durch die Rohrpostleitungen im Funkhaus sausten. Später erste Siemens-Computer auf den Schreibtischen mit grüner Schrift auf dunklen Hintergrund. Der mir gegenübersitzenden Sekretärin als erster Hörerin diktierte ich die Nachrichten, korrigierte mit Kuli die Durchschläge. Heute konkurrieren Twitter, klingelnde Eilmeldungen, Mails und der Nachrichtenfluss der einzelnen Agenturen und Dienste um Aufmerksamkeit auf zwei, drei Bildschirmen. Ausdrucke gehören noch gelegentlich dazu.

Doch was für ein Daten-Spektakel spielt sich in meinem Kopf und den Nervenbahnen ab? Welche Auswirkungen kann das auf meine Cortisol-Rezeptoren haben? Da rätseln die Forschenden noch. In meinem Bewusstsein kann neben „Einfällen“ jederzeit Gespeichertes auftauchen. 24/7 wie es jetzt nach einem populär gewordenen Begriff aus den USA heißt – also rund um die Uhr. Mit Folgen für den Schlaf. Doch wie und warum wurde der Suchbefehl eingegeben? Lässt sich der Suchpfad nachvollziehen? Wie stellt sich in mir der Delete-Befehl dar? Wie das Mülleimer-Symbol auf dem Bildschirm?

Wie vernetzt, aber auch wie fest verbunden mögen da die Erinnerungsbahnen im Kopf sein…

Vor kurzem gab der Erinnerungs-Speicher zum Beispiel frei:

Kaufe ich weißen Spargel und reibe die Stangen aneinander, katapultiert mich das Quietschen in den Garten meines Großvaters. Der hatte in den 1920er Jahren ein rund 6 Quadratmeter großes Sand-Beet anlegen lassen. Als Kind hatte ich die Aufgabe, den gerade gestochenen Spargel in einem feucht gehaltenen Sand-Beet vom Format einer Obstkiste einzugraben – bis er am nächsten Tag in die Küche kam. Es dauerte Jahre bis zum Stolz am Ernten dann das Schälen hinzu kam und dann die andauernde Freude am Geschmack dieses Saison-Gemüses.

Vor einer Kiefer-OP mit einer Injektion „sedieren“ lassen. Die Augen schlug ich erst wieder auf, als die benutzten Materialien bereits rücksichtsvoll aus meinem Blickfeld entfernt worden waren. Alle Angst war umsonst gewesen. Doch im Alter von fünf Jahren war ich während einer Mandel-Operation aufgewacht! Geblieben sind „Fetzen“ von Stimmen und Farben. OP-Kittel? Instrumente? Alles als „blühende Fantasie“ eines Kindes abgetan. Fast 60 Jahre später erklärte mir eine Ärztin, durch den Einsatz der Äther-Maske sei es früher öfter mal zum Aufwachen während einer OP gekommen. Dann lieber die Spritze.

Nach der Mandel-Operation konnte ich jahrelang kein Gulasch essen. Auch nicht das leckere Kölner Krüstchen-Gulasch – vom Rind, meist mit Röggelchen serviert. Warum? Weil eine OP-erfahrene ältere Cousine mir versichert hatte, entfernten Mandeln würden dabei verwendet. Bis heute ist unsere Kommunikation durch tief sitzendes Misstrauen gestört. Aber neben dem Kölner Krüstchen-Gulasch liebe ich inzwischen das selbst gekochte Wiener „Fiaker-Gulasch“, ohne Pferdefleisch natürlich.

Es gibt auch archivierte Bilder, die niemals fotografiert oder digital aufbewahrt wurden:  zwei junge Männer, Zwillinge, bis auf Nuancen gleich gekleidet, stets nebeneinander und im Gespräch. Nach geschätzten 50 Jahren erkannte ich sie wieder: hintereinander gehend, stockend, schlurfend, leere Stoff-Einkaufsbeutel schlenkernd. Sie redeten immer noch miteinander, wobei sich einer umdrehen musste und sie dadurch noch langsamer vorankamen.

Langweilen will ich nicht mit weiteren Beispielen aus m e i n e m Datenspeicher. Künstliche Intelligenz kam nicht zum Einsatz. Mit ChatGPT habe ich auch keine „menschenähnlichen Konversationen“ darüber geführt oder führen lassen, wie mir im Internet angeboten wird. CB

Über kindliche Kraft und die Sehnsucht nach Glamour und Frieden

Als ehemalige Nachrichtenredakteurin scheitere ich in diesen Tagen an e i n e m Blog-Text. Zu rasch wechseln Themen und Perspektiven allein schon wegen des Plurals der Kriege. Dazu die Gewalt zwischen Palästinensern und Israelis, die „aufflammt“. Nein, es handelt sich nicht um ein Naturereignis wie ein Blitz oder das Wetterphänomen „El Nino“. Der russische Krieg gegen die Ukraine ist nicht „ausgebrochen“, sondern der Einmarsch über die Grenze war akribisch vorbereitet. Auf der Rückfahrt vom Texel-Urlaub sahen wir eine niederländische Panzer-Kolonne, die über eine Autobahn-Brücke rollt  –  blitzartig verdrängten Fragen nach dem Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine die Bilder von Meer, weitem Strand und blauem Himmel.

„Ferien vom Krieg“ – darüber hatte ich vor Jahrzehnten geschrieben. So konnten in der Eifel Kinder aus Nordirland in Gastfamilien ein paar Wochen verbringen, als in ihrer Heimat noch Mauern Stadtteile voneinander trennten und in fast jeder katholischen und protestantischen Familie Opfer von Anschlägen zu betrauern waren. Um Ferien vom Krieg bemühte sich auch ein eher kleiner Verein in und nach den Jahren des gewaltsamen Auseinanderbrechens Jugoslawiens. Kinder der verfeindeten Volksgruppen lernten sich vorsichtig tastend und spielerisch kennen. Sie waren untergebracht zum Beispiel in kroatischen Pensionen am Meer, denen damals die Touristen fehlten. Ich erinnere mich auch an die AWO in Düsseldorf, in deren Räumen sich jeden Sonntag bosnische Flüchtlingsfrauen treffen konnten, während im Backofen der Lehrküche Kaffeebohnen rösteten. Betreut von Therapeutinnen malten die Kinder in bunten Farben und schwarz oder grau, was sie erlebt hatten. Vor einigen Tagen stieß ich bei „arte“ auf eine Reportage über ein Netzwerk französischer Vereine, das ukrainische Flüchtlingskinder in Gastfamilien vermittelt. Die meisten werden wegen ihres nur vorübergehenden Schutzstatus nach einiger Zeit wieder gehen müssen. Die Dokumentation zeigt beispielhaft, wie schwierig die Situation für die ukrainischen Kinder, aber auch die Gastfamilien ist.

Bei der Verleihung des Karlspreises an das ukrainische Volk und dessen Präsident Selenskyj in Aachen war mehrmals die Rede von den Kindern und Enkeln, denen ein Leben in Freiheit und Frieden ermöglicht werden müsse.  

Was auffällt bei den hier lebenden Flüchtlingen aus der Ukraine wie aus anderen Ländern: Bei allen Einschränkungen und Ängsten eint sie die Sehnsucht nach ein bisschen Schönheit und Glamour. Die knallrot geschminkten Lippen der jungen Frau erzählen davon, eine mit Blumen bestickte Bluse oder eine Tüte Süßigkeiten, die geteilt wird. Ein Messing-Kerzenständer, ein paar Kristallgläser, ein ausgemusterter Kinderroller oder ein riesiges Plüschtier in pink und hellblau werden auf einem der Nachbarschafts-Flohmärkte für ein paar Münzen gekauft und mit einem Lächeln vorsichtig weggetragen.

Die Sehnsucht nach Glamour und Freiheit drückt nicht nur der ESC aus. Sie findet sich auch in einem Spielfilm wieder, der ab den 1990er Jahren im Gazastreifen spielt. Wer nicht gleich wegklickt  wird überrascht und verzaubert. Die wahre Geschichte:  Schon als Kind will Mohammed Sänger werden. Er, seine Schwester und Freunde versuchen listig und mit großer Willenskraft gegen alle Widerstände an Geld für Instrumente zu kommen, verkaufen Fisch am Strand, werden von einem Schmuggler betrogen. Der Tunnel nach Ägypten ist ein Szenenbild für den schwierigen Alltag im jahrzehntelangen Konflikt mit Israel. Dagegen setzt der Film die Kraft der Kinder und ihrer Familien. Mohammed bringt es als Sänger auf Hochzeiten nur zu lokalem Ruhm, unterstützt von Schwester Nour, die schwer erkrankt. Später muss sich Mohammed als Student und Taxifahrer durchschlagen. Ermutigt durch eine Freundin schafft er es trotz aller Schwierigkeiten in ein Vorab-Casting für die zweite Staffel der panarabischen Fernseh-Show „Arab Idol“ – und steht dann mit 22 Jahren im Finale. Da nutzt der Film die Originalaufnahmen von 2013, als alle im Gazastreifen mitfiebern für „ihren“, den einzigen Palästinenser im Finale. Eine wahre Geschichte über die Kraft der Musik und eines Sängers, die völlig andere Bilder und Emotionen der Menschen im Gazastreifen hinterlassen als die aktuellen Nachrichten.    CB

Sehenswert und aufzufinden in der arte-Mediathek:
„Ein Lied für Nour“ – Spielfilm von Hany Abu-Assad, nur noch bis 6.6. abrufbar
„RE: Zurück in die Ukraine? – Was wird aus den minderjährigen Flüchtlingen?“ 30 Min. Reportage

Ein Film und ein Buch…

…sind diesmal Thema. Erfundene Geschichten in Wochen, in denen die Schrecken der Welt die Nachrichten dominieren. Und eingestreute Wörter wie „offenbar“, „gewiss“ und „tatsächlich“ die Zweifel übertünchen sollen an der Sorgfalt, der Tiefe und der Zeit für umfassende Recherchen.

Dagegen setzte ich diesmal einen Ausflug in die Welt des früheren Hollywoods und die Bergwelt.

Der Film „The Ordinaries“

Allen, die bei Produktionen aus Deutschland erst mal die Nase rümpfen – zu viel Gerede, zu wenig überraschende Szenen, Längen – werden überrascht sein. Die Abschlussarbeit an der Filmhochschule Babelsberg von Regisseurin Sophie Linnenbaum, sprengt nicht nur mit dem englischen Titel solche oft eng gesetzten Grenzen.  Alles spielt sich ab im Milieu der Hollywood-Produktionen ohne eindeutig festgelegt zu sein auf eine der Epochen der 1930er- bis 1950er-Jahre. (Filmfans werden eine Menge Anspielungen entdecken.)

Diese Welt ist streng unterteilt in die wenigen Haupt- und die vielen Nebenfiguren, die jeden Tag ihre kasernenartigen Hochhauswohnungen verlassen. Busse kutschieren sie auf das Studio-Gelände, wo sie den Lautsprecher-Durchsagen gehorchen. Die junge Paula, deren Mutter auch zu diesen Figuren im Hintergrund gehört, will Hauptfigur wie ihr angeblich verschwundener Vater werden. Sie kann sich als Klassenbeste in Zeitlupe bewegen, panisch losschreien, in Tränen ausbrechen, scheitert aber an emotionaler Musik. Eine ihrer Freundinnen lebt in einer schlossartigen Villa und gehört zu einer Familie von Hauptfiguren, die hinreißende Musical-Szenen mit Tanz und Gesang mal eben um den Esstisch hinlegen. Ihre Suche führt Paula auch weg vom Filmset und in Archive. Sie entdeckt weitere Randgestalten wie die Doubles, die Schwarzweißen, die Asynchronen und diejenigen, die beim Filmschnitt ausgemustert wurden.

Der auch als „kleines Fernsehspiel“ vom ZDF geförderte Film ist eine Parabel, deren „erzieherische Wirkung“ eher beiläufig daherkommt. Und nachdenklich macht über die Haupt- und Nebenfiguren und die unsichtbar Gewordenen in der Gegenwart.

Der Roman „Ein ganzes Leben“

In den Bergen ist alles kompliziert geworden. Der Klimawandel sorgt dafür, dass immer mehr Kunstschnee produziert werden muss. Die dafür geschaffenen Wasser-Reservoirs sind im Sommer eingezäunt und müssen umwandert werden auf kahlen Flächen, die keine Ähnlichkeit mehr mit bunten Alpenwiesen haben.

Das 2014 erschienene und jetzt wieder gelesene Buch „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler ist berührend in seiner Schlichtheit. Auf 185 Seiten schildert er das harte Leben von Hans Egger, der es als Adoptivkind eines Bauern zum Hilfsknecht bringt und sich später einem Trupp anschließt, der Elektrizität und Bergbahnen in das Tal bringt. Momente des Glücks sind selten, die einzige Liebe seines Lebens bleibt nicht ewig. Aber er bleibt in der Gegend und beobachtet den Wandel.

Das Buch war für mich kein nostalgischer Ausflug in gute alte Zeiten, keine Flucht vor den Auswüchsen des Alpen-Tourismus, sondern das richtige um einmal innezuhalten. Und ein einziges Menschenleben in den Blick zu nehmen, das im Film „The Ordinaries“ sicher dem Cut zum Opfer gefallen wäre.

Hinweis: „Ein ganzes Leben“ von Robert Seethaler ist als Taschenbuch im Goldmann-Verlag erschienen.

Von wegen nur ein Hund

In den Tiefen des Internets existiert  noch das Video mit schwarzen und blonden Welpen in einem Garten, „geboren am 5.3.2011“ . Zwei Monate später lernten wir sie in Viersen kennen und nahmen eine gleich mit.  Ihr Name „Funny“ ist ihr Lebensmotto, spontan verkündet von meinem Mann, als es um den Eintrag in den Hunde-Ausweis ging. Nun ist sie 12 Jahre alt, wie immer wartet der Futternapf, denn die beiden streifen noch kilometerweit durch den Wald und entlang der Felder am Stadtrand.

Welpe und Junghund 2011

Wünschen lohnt sich

Als Kind hatte ich keinen Teddy, sondern den Steiff-Plüschhund „Floppy“ und sammelte Hundepostkarten. Wenn jetzt Kinder im Bus Funny treffen und streicheln, frage ich, ob sie auch gerne einen Hund hätten. Sie listen die Gründe dagegen auf – von Zeit- und Platzmangel bis zu Tierarzt-Kosten, Urlauben und Allergie. Was natürlich alles zu bedenken ist. Trotzdem rate ich: „Haltet fest an dem Wunsch nach einem Hund. Seht mich an. Über 50 musste ich alt werden, bis es klappte und Funny in unser Leben kam.“

Einfach öfter schütteln und gähnen

Neulich ein Vortrag über Stress und belastende Arbeitsbedingungen im Journalismus durch die dauernde Konfrontation mit Gewalt und Katastrophen. Die Referentin verwies darauf, dass Hunde sich heftig schütteln, um Spannungen abzubauen oder ungeniert gähnen. Ausschütteln kenne ich nur nach Gymnastik- oder Atemübungen. Da sollte ich mir ein Beispiel am Hund nehmen. Und mich nicht länger ärgern, dass Funnys schwarze kurze Haare sich selbst in zwei Meter Höhe im Buchregal finden.

Funny first

Funny braucht kein Narrativ wie das derzeit beliebte vom Säbelzahntiger, um sich auf alles Fressbare zu stürzen als gäbe es kein Morgen. Weggeworfene Brötchen, das Stück Kuchen auf einem Trafo-Kasten, die umgekippte Tüte Trockenfutter. Zuhause werden der gefüllte Napf oder der Knochen verteidigt. Da zählt nur der Augenblick, auch wenn sie längst tägliche Routinen und Rituale kennt wie das Stück altes Brot zum Frühstück. Funny first- das ist für sie klar, wo ich oft Gedankenknäuel entwirren muss.

Freundlichkeit zahlt sich aus

Kaum ein Spaziergang morgens oder abends, ohne dass wir jemand aus der Nachbarschaft treffen. Da macht Funny gerne einen Knicks, lässt sich begrüßen. Ab und zu staubt sie Leckerchen ab oder wird gestreichelt. Dafür nimmt sie auch missgünstige Blicke anderer Hunde oder Katzen in Kauf. Für mich fallen Gespräche ab. Es gab für uns Menschen aber auch schon das Wild-Angebot eines Jagdpächters oder vom Nachbarn Stauden-Ableger für den Garten.

Kläffer einfach ignorieren

Kleine Hunde haben öfter als große die Angewohnheit, mehr oder weniger hysterisch zu kläffen, wenn sie Funny sehen. Die würdigt sie keines Blickes oder gar Bellens, sondern schreitet gelassen weiter. An Gründe wie dem, dass die kleinen Kläffer auf den Arm genommen werden und sich dann für den größten Hund der Welt halten, verschwendet Funny keinen Gedanken. Auch mich lassen pöbelnde Menschen im Gedränge oder in Schlangen immer öfter kalt.

Niemand geht verloren

Mit den Eltern, einem Weimaraner und einer Golden Retrieverin ist Funny genetisch disponiert für die Jagd, bevorzugt aber die Menschensuche – das sogenannte Mantrailing mit meinem Mann am anderen Ende der langen Leine. Ein kurzes Schnüffeln an einer getragenen Socke und sie stürmt los, die vermisste Person aufzustöbern. Ob hinter Müllcontainern, im Buschwerk, in einem Tierkostüm oder in der Einkaufspassage – Funny findet alle, kassiert die Belohnung und lässt sich loben. Übrigens hat sie ein- oder zwei Mal auch eine Hundefreundin gefunden.

Such-Hund bei der Arbeit

Ohne Vorurteile – der richtige Riecher

Funny hat ihr eigenes hündisches System Menschen zu begegnen. Schrille Bemerkungen und abwehrende Gesten gegen die eigene Spezies lassen sie auf Distanz gehen. Anderen begegnet sie freundlich und neugierig: Menschen, die ihre Habe in Taschen mit sich führen, die auf einer Bank mit einem Bier auf ein anderes Leben zu warten scheinen oder solche, die mit ihren Worten durcheinandergeraten. Die unvoreingenommene Nähe und die Berührungen tun beiden gut.

Tiere trösten

Seit Funny hier lebt, fällt uns im Fernsehen auf, wenn in Trümmern ukrainischer Straßen Hunde herumstreunen oder Flüchtende eine Katze auf dem Schoß halten. Zu einer  Demonstration gegen den Überfall auf die Ukraine hatte ich im Mai Funny mitgenommen, die viele Blicke auf sich zog. Ich erfuhr Flucht-Geschichten über zurückgelassene Verwandte und Haustiere. Funny stand ruhig in der Menge und ließ sich streicheln. Ein junger blinder Mann fragte mich auf Englisch über den Hund aus, den er währenddessen abtastete.

Schwäche zeigen dürfen

Als junger Hund pflegte Funny neben uns auf dem Balkon das Silvester-Feuerwerk und die Knallerei zu beobachten. Mit den Jahren ist sie ängstlich geworden, drückt sich an Mitternacht im dunklen Zimmer in den kleinsten Spalt und zittert. Zu aufgeregt für Leckerchen. Streicheln und Nähe helfen. Vor Elefanten oder Kamelen, denen sie auf dem Gelände um einen Zirkus begegnet, fürchtet sie sich nicht. Aber Fliegen oder brummende Bienen nerven sie, und wir sind zu mehr oder erfolgreichen Kammerjägern für sie geworden.

Eine Bushaltestelle, das Erdbeben und drei Rosen

Vorbemerkung

Wer mich kennt, weiß, dass ich Geschichten über Begegnungen liebe, die nicht geplant waren und die Folgen haben. Diesmal stammt der Text von einem türkischen Autor, der seine Heimat vor einigen Jahren verlassen musste, nun hier wohnt und Deutschland erlebt: CB

Vor einigen Wochen hatte ich zwei Freunde nach Hause eingeladen, die wie ich die Türkei verlassen mussten und nach Deutschland kamen. Die beiden sind jünger als 40, der eine lebte in derselben Stadt wie ich, der andere in einem rund 20 Kilometer entfernten Ort. Ich selbst bin 50. Während des Abendessens nutzten wir die gemeinsame Zeit, um über alle möglichen Themen zu diskutieren.

Dann brachen wir auf, der eine musste nur zur Bushaltestelle, den anderen wollte ich ein paar Straßen weiter nach Hause fahren.  Zusammen warteten wir an der Haltestelle, weil der Bus Verspätung hatte.  Es war kalt und regnete – eben ein deutscher Winterabend.  Als der Bus endlich kam, wollte hinter dem Freund auch eine wartende Frau einsteigen, die ihm aufgeregt Fragen stellte. Er verwies sie an mich und bat mich, ihr zu helfen. Sie sah erschöpft und nass aus, war wohl über 70 Jahre alt.

Ich bekam heraus, dass die Frau hier umsteigen wollte, um nach Hause in eine rund 15 Kilometer entfernte Stadt zu kommen. Die Ortsangabe auf dem Bus-Schild aber war eine andere. Sie hatte an der Haltestelle auf der falschen Straßenseite gestanden. Ich sagte ihr, diesen Abend werde kein Bus mehr in Richtung ihrer Stadt fahren und bot an, sie in meinem Auto nach Hause zu bringen. Sie wirkte verunsichert. Was mich nicht überraschte, weil sie mich ja nicht kannte. Aber in unserer Kultur wird gestrandeten Menschen immer geholfen – auch wenn der Strand eine Straße ist. Ich erzählte ihr kurz von mir, meiner Familie und versicherte, sie brauche sich keine Sorgen zu machen. Um nicht noch mehr nass zu werden, bat ich sie, auf der Bank in der überdachten Bushaltestelle zu warten, während ich den Freund nach Hause fuhr und in fünf Minuten zurück war. Beim Einsteigen in mein Auto schien es, als wäre ihre anfängliche Nervosität verflogen. Vielleicht hatte sie Bekannte oder ihren Mann angerufen und die Situation geschildert.

Während der Fahrt unterhielten wir uns. Auch darüber, warum wir nach Deutschland kommen mussten. Die Frau war im Bus in eine andere Stadt gefahren, in der ihr Mann im Krankenhaus lag, und wollte nun hier auf der Rückfahrt nach Hause umsteigen. Er hatte eine Krebs-Diagnose erhalten. Die Kinder lebten inzwischen in anderen Städten. Einmal hätten sie und ihr Mann Urlaub in der Türkei gemacht. Wie sie über Bodrum redete, spiegelte für mich die Wärme dieses Ortes wider.

Als wir ihre Wohnung erreichten, konnte sie mir nicht genug für die Fahrt danken. Auch wenn ich ihr sagte, dass es nichts gebe, wofür sie dankbar sein müsse. Ich wusste, dass es Gott war, der uns an diesem Abend zusammengebracht hatte. Wir tauschten noch unsere Telefonnummern aus. Ich lud sie zu uns nach Hause zu einem türkischen Essen ein, wenn es ihrem Mann besser gehe. Auf meiner Heimfahrt klingelte das Handy, ich hielt am Straßenrand an. Es war wieder mein Fahrgast. Sie bedankte sich auch im Namen ihres Mannes noch einmal bei mir.

Ein paar Tage später schrieb ich der Frau eine SMS und erkundigte mich, wie es ihrem Mann gehe. Sie antwortete, der Krankheitsprozess schreite voran, ihre Tochter und ihr Sohn seien gekommen. Wir würden für ihren Mann beten, versicherte ich. Nachdem ich kurz darauf eine weitere Nachricht geschickt hatte, blieb eine Antwort aus, und ich machte mir große Sorgen um ihren schwerkranken Mann. Wir sollten uns leider nie persönlich begegnen. Denn zehn Tage später schrieb sie, er sei am vergangenen Sonntag verstorben. „Glücklicherweise konnte ich ihn in seinen letzten Tagen zu Hause pflegen“.

Diese Nachricht erreichte mich am 6.Februar, dem Tag des Erdbebens in der Türkei und Syrien. Obwohl sie um ihren Mann trauerte, erinnerte sie sich an unsere Begegnung und rief mich an. Ob sie uns helfen könne, fragte sie. Ich dankte ihr für ihr Mitgefühl, das für uns eine besondere Bedeutung hatte. Denn Verwandte meiner Frau waren nach dem ersten großen Beben rund zehn Stunden in dem beschädigten Gebäude eingeschlossen, das ihr Zuhause gewesen war. Aus eigener Kraft und mit der Unterstützung von Nachbarn hatten sie sich befreien können. Inzwischen sind sie in Ankara in Sicherheit.

Am Ende des Telefongesprächs lud die Frau uns zur Bestattung ihres Mannes ein. Für meine Frau und mich das erste christliche Begräbnis. Wir fragten eine deutsche Freundin, wie wir uns verhalten sollten.  Auf dem Friedhof warteten wir, weil zunächst Verwandte und enge Freunde der Frau ihr Beileid aussprachen. Schließlich waren auch wir an der Reihe. Als wir sie umarmten, kamen uns allen die Tränen. Drei weiße Rosen legte meine Frau auf das Grab. Sie könnten ein Symbol der Verbundenheit sein zwischen Menschen unterschiedlicher Religionen, die sich nahegekommen sind über Grenzen der Fremdheit hinweg. Wir haben wohl auf die Stimme unseres Herzens gehört.

Was da 2023 im Kreis Lippe geschehen ist, erinnert mich jedenfalls an die Worte des berühmten islamischen Dichters und Mystikers Mevlana aus dem 13.Jahrhundert: „Nicht diejenigen, die dieselbe Sprache sprechen, können miteinander auskommen, sondern diejenigen, die dieselben Gefühle teilen.“

Mert Ender Sarpca im Februar 2023

„Maat üch Freud su lang et jeht…“ – Nicht nur an Karneval

Nach der Corona-Pause, in der Masken mit den Bezeichnungen FFP2 und „OP“ allgegenwärtig waren wie Papp-Publikum bei Fernsehsitzungen, ist diese Karnevals-Session eine besondere. Fast überall überschießende Ausgelassenheit, die Sanitäter-Einsätze erfordert und Müll hinterlässt, aber auch von der Freude am Verkleiden und Ausprobieren erzählt.   

Am Karnevals-Freitag eine Beerdigung im Bergischen. Die Trauernde trug rote Schuhe zum Schwarz – darüber hatten sie und ihr Mann einmal gesprochen. Auf ihre Mütze hatte sie drei kleine rote Herzen gestickt – je eins für sich und ihre Söhne. Der kalte Wind verwehte die Tulpenblätter in vielen Farben wie Konfetti vom Urnengrab auf den umliegenden Rasen. Viele waren gekommen sich zu verabschieden.

„Maat üch Freud su lang et jeht, denn dat Levve duurt keen Ewigkeit!“ *) – dieser Ratschlag nicht nur für die Karnevalszeit, wo hier im Rheinland „jeck“ sein offiziell genehmigt ist, geht mir nicht aus dem Kopf seit wir den Freund ein letztes Mal im Hospiz besucht haben. Es war noch Januar und doch dröhnte am Vormittag durch den Gemeinschaftsraum Karnevalsmusik. Darunter auch seit Jahrzehnten vertraute Melodien und Texte wie der kölsche Stammbaum, in dem es von Zugereisten aus aller Herren Länder nur so wimmelt, oder das Lied über die Stadt Köln, die herrlich lachen und auch Rotz und Wasser heulen kann. Wie gesagt, es war noch Januar und mir entfuhr der Satz: „Das ist aber doch noch früh für Karneval“. Eine Frau mit Rollator erwiderte: „Das ist keine Minute zu früh…“ Ich schämte mich, auch noch, als ich später miterlebte, wie Besuch kam und wie herzlich die Begrüßungen waren. Denn wer weiß schon, ob es ein Wiedersehen geben wird. Wenn das Leben schwindet, geht es um den Moment und die kleinen Freuden – wie das dauernd verfügbare Vanille-Eis, das Rauchen einer Zigarette am offenen Fenster, den Schluck Bier, um die Tabletten hinunter zu spülen, die Besuche, Berührungen und den Blick auf Vertrautes wie das mitgebrachte Bild an der Zimmer-Wand. Es gibt keine lange Bank mehr, auf die die Zukunft geschoben werden kann.

In Erinnerung bleibt mir der große Holztisch im Hospiz, um den immer wieder Menschen saßen, miteinander sprachen, eine Kleinigkeit aßen, einen Kaffee bekamen. Es schien, als hätten viele schon Spuren ihres Lebens hinterlassen in der zerfurchten Platte des Tisches. Auch wenn sie schon gegangen waren und andere nun dort saßen.

Spuren der Zeit und der Leben: Detail der Tischplatte im Hospiz

Im Trauergottesdienst am Karnevalsfreitag wurden Stationen dieses einen Lebens nachgezeichnet, auch von den beiden Söhnen, die liebevolle Erinnerungen an ihren Vater mit allen teilten: Seine Neugierde, das Interesse an Menschen unterschiedlicher Kulturen, seine Hilfsbereitschaft, die Freude am gemeinsamen Feiern und Essen. Therapeuten sprechen inzwischen von „transgenerational“, wenn sie im Verhalten Spuren früherer Generationen einer Familie entdecken. Von diesem Abschied bleibt jedenfalls neben der Trauer eben auch die Hoffnung auf viel Lebensfreude. Nicht nur an Karneval.

*) „Macht euch Freude solange es geht, denn das Leben dauert keine Ewigkeit“ – wer so immer seine Büttenreden im Kölner Karneval beendete, ließ sich auf die Schnelle nicht herausfinden. Wird aber nachgeliefert.

Feiern gegen die Dystopie?

Vorbemerkung: Dystopische Texte haben derzeit Konjunktur. Kein Wunder. Angesichts der Umweltschäden in Folge des Klimawandels und des anhaltenden russischen Angriffskrieges in der Ukraine lässt sich eine Zukunft der Katastrophen und Zerstörungen zeichnen. Keine Zeit für die Utopie eines guten Lebens friedfertiger Menschen in schönem Ambiente. Dabei fällt doch gerade die Masken-Pflicht der Corona-Epoche. Deshalb ein leicht aktualisierter Text von mir, sozusagen ein Ausblick auf die kommende Zeit des Karnevals und der zurückkehrenden Freiheiten.

Bereits bei ihrer ersten Kabinetts-Sitzung hatte die Regierung ein Wahlversprechen eingelöst. Sie verfügte, dass Feiern erste Bürgerpflicht sei. Die Verwaltungsbehörden wurden angewiesen, gleich nach Inkrafttreten der entsprechenden Gesetzesbestimmungen ein Kontrollsystem einzuführen und ähnlich der Verkehrssünder-Kartei Strafpunkte zentral zu registrieren.

Die Teilnahme an drei Festen pro Woche musste von da an mit Stempeln in einem passähnlichen Papier quittiert werden. Bei der Auswahl hielt sich die Regierung an ihr Wahlversprechen: „Freie Wahl der Feste“. Die Folge war, dass die sozialen Medien mit ihren Nachbarschafts-Netzwerken überquollen von Hinweisen auf Feiern von Kindergärten, und Tierschutzvereinen, vom Verband der Installateure oder der Initiative für Senioren-Waldbetreuung und vom Berufsverband der Dirigentinnen von Amateurkapellen. Die Bekleidungs-Branche verzeichnete steigende Umsätze, denn wer wollte schon gern im Abendkleid zum Grillfest der Texas-Freunde oder in der Jogginghose zum Cocktailempfang der Philatelisten. Mancher Alleinunterhalter ließ Verstärker und E-Piano gleich im Auto, da er von Termin zu Termin eilen musste. Die Friseurinnen und Friseure waren so gestresst, dass sie als besondere Note für ihre eigenen Feste vereinbarten, dort alle ungekämmt zu erscheinen. Da private Feiern nur ab 40 Gästen als Fest im Sinne der Gesetzesregelung galten, wurden erste Hochzeiten bereits ins Ausland verlegt oder ein kleiner Kreis traf sich heimlich nach Büroschluss.

Bald kam es zu ersten Zwischenfällen, weil etwa Straßenbahn-Personal oder Polizei wegen Übermüdung ein Verkehrschaos verursachten. Kinder nutzten den Unterricht, um einmal ohne die Anleitung eines professionellen Animateurs zu spielen. Proteste wurden laut. Eine Bürgerinitiative wies durch Mund-zu-Mund-Propaganda auf bestimmte Veranstalter hin. Hinter festlich dekorierten Fassaden boten die – unbemerkt von staatlicher Kontrolle – Raum, sich auszuruhen, zu lesen, ins Gespräch zu kommen. Ähnlich Wünsche äußerten auch immer mehr Menschen in den Meinungsumfragen der Regierung. Die nächste Kabinettsrunde will nun über eine mögliche Lockerung der Gesetzes-Regelungen beraten, ohne erneut die Gefahren von Einsamkeit und Alltagstrott heraufzubeschwören.                                                                                              CB

Geduldsprobe Januar

„Gefühlt minus drei Grad“ meldet die Wetter-App. Der über den gesamten Himmel reichende graue Bezug verhindert, dass der Nachbar endlich die erste Kilowatt-Ernte durch seine gerade installierten Solar-Paneele einfahren kann. Im Haus strecken sich Tulpen aus der Vase, um Farbe in die Tristesse zu bringen. Wieder einmal entpuppt sich der Januar als Herausforderung für alle, denen nur die Erinnerung geblieben ist, an knirschenden, frisch gefallenen Schnee, der in der Sonne vor himmelblauer Kulisse glitzert. Über den die Kufen des Davos-Schlitten den Hügel des Kölner Vororts herunter gleiten.

Doch auch das ist nur eine der Illusionen im Januar. Denn länger als das Weiß hielt sich auch vor Jahrzehnten das Grau des mit Salz und Dreck vermischten Matsches, der nach Frostnächten die Sturz-Neigung der Schulkinder vergrößerte. Nicht zu vergessen die Zusammenstöße bei den Schlitten-Abfahrten. Wer unten lag, hatte den Mund voll Schnee und Steinchen, über sich womöglich die Last des fehl-gesteuerten Erwachsenen. Jahre später dann Fahrstunden, in denen gefrorene Schneeberge am Straßenrand das Einparken nicht gerade erleichterten.

Bis jetzt habe ich mehr oder weniger tapfer durchgehalten und versucht, den Januar positiv zu sehen. Es konnte so nicht weitergehen mit den schwindenden Vorräten an Weihnachtsplätzchen und der Parade von Nikoläusen und anderen Artikeln aus dem Schokoladen-Sortiment. Das Dunkel der Nacht weicht früher dem Grau, der schwarze Hund braucht schon gegen acht Uhr keine LED-Blinker um den Hals. Abends sehen wir an der Haltestelle vereinzelt Menschen, die rot-weiß Gestreiftes, glitzernde Turnschuhe und Federhüte tragen. Der Sitzungskarneval hat begonnen.

Bald ist der Januar nur noch ein umgeschlagenes Kalenderblatt.  Endlich habe ich die Zettel sortiert und abgeheftet, auf denen Koch-Ideen aus den Corona-Jahren notiert sind. Einige wanderten zum Altpapier. Die Birnen-Gorgonzola-Quiche geriet zu matschig. Vier Rezepte für Bananenkuchen sind drei zu viel. Schwarzwurzel, Grün- und Rotkohl sind diesen Winter neu im Repertoire dank des wöchentlichen Bio-Kisten-Abos. Orangen und Apfelsinen liegen in der Obstschale. Nicht zu vergessen eingemachtes Quitten- oder Apfelkompott und im Garten der Rosmarin-Strauch, der frierende Thymianbusch und die kleinen Oregano-Blätter. Sie haben den Januar auch bald überstanden. So grau ist der eigentlich gar nicht gewesen.                                                                                           CB