Von wegen Schwarz-weiß – Erfahrungen und Erkenntnisse

Seit einigen Wochen geht mir manches, das ich gelesen habe, nicht aus dem Kopf oder taucht auf, wenn das Gender*sternchen Kapriolen schlägt in gesprochenen oder gedruckten Texten. Oder ich höre klassische Musik und stelle mir bildhaft das Orchester vor – wieviele darin sind nicht männlich, wie viele haben welche Hautfarbe…wann war das noch mal, dass die erste Frau Mitglied der Berliner Philharmoniker wurde?

Wie gut, dass es die Mediatheken gibt und diese erstaunte Freude noch bis zum 4.5. bei 3Sat abgerufen werden kann. „7 Leben für die Musik- die Familie Kanneh-Mason“, eine Dokumentation von Catharina Kleber führt mitten hinein in ein Haus in Nottingham, das summt und hallt von Tasten- und Streicherklängen der fünf Schwestern und zwei Brüder. Ob nun im Bad geprobt oder per Zuruf verhandelt wird, wann es Zeit zum gemeinsamen Essen ist. Die Eltern Kadiatu und Stuart mit Wurzeln in Jamaika und Sierra Leone wurden vom Talent und dem Ehrgeiz ihrer Kinder überrascht. Der Vater, ein Hotelmanager, und die Mutter, die als Englisch-Dozentin an der Hochschule gearbeitet hatte, sorgten sich um die Kosten für Instrumente und Unterricht. Längst gibt es Preise, Stipendien und Auftritte, auch gemeinsame der sieben.Die Mutter hat ein Buch über die Familie verfasst – im Film ist zu sehen, wie einige der Kinder mit Instrumenten unterwegs sind, um eine Lesung musikalisch zu begleiten. Oder wie die Rollen verteilt sind – der geigende Bruder als Konzertmeister- bei Aufnahmen im Tonstudio. Übrigens mag der Cellist Sheku dem einen oder der anderen bekannt vorkommen. 2016 hatte er den „BBC Young Musician Competition“ gwonnen und spielte während der Trauung von Prinz Harry und Meghan Markle. Schnee von gestern, in Corona-Zeiten fachsimpelt er mit Dirigent Sir Simon Rattle bei Orchester-Aufnahmen in einem Flugzeug-Hangar.

Wunderbar, so viele musikalische Geschwister – und doch eine normale Familie. Ist es für schwarze Musker*innen wirklich schwerer, sich in der Klassik-Szene zu etablieren, wie ein Programmhinweis fragt? Wahr ist, sie fallen auf, werden zu Repräsentanten in der derzeitigen „black live matters“-Epoche und können nicht so einfach in der Menge „untertauchen“ oder sich eingebettet fühlen in die wohlwollende Akzeptanz farbiger Jazzmusiker*innen oder Hiphopper*innen oder Reggae-Stars.

Rechts die Eltern Kanneh-Mason, daneben die sieben Schwestern und zwei Brüder. Neben der ZDF-Dokumentation in der 3SAT Mediathek waren Videos auf youtube darauf, gehört und gesehen zu werden. Foto: ZDF und Jake Turney.

Ganz schön kompliziert: „Afro-britisch“

„Was Rassismus betrifft, wird es hoffentlich einmal wissenschaftliche Essays über den Umgang dieses Romans mit ihm geben“, schreibt taz-Rezensent Dirk Knipphals. „Er ist für die Figuren so massiv vorhanden wie die Schwerkraft, geschildert wird er in allen möglichen Ausprägungen von handfester Ausgrenzung bis hin zum Wegrücken im Fahrstuhl.“ Bis diese Essays vorliegen führt uns Bernardine Evaristo in „Mädchen, Frau etc.“ im Roman durch völlig verschiedene schwarze Lebensläufe, die geprägt sind durch die Vernetzung mit anderen und die damit verbundene Unterstützung, Konflikte, Trennungen.

 „Afrobritisch“ wird umschrieben, wie heterogen diese durch zeitlich unterschiedliche Einwanderungswellen aus der Karibik oder Afrika entstandene Community ist und wie mühsam und oft über Generationen hinweg Veränderungen erfolgen: wie viel muss vermeintlich „cool“ weggelächelt werden, um als Bankerin Karriere machen. Wie mühsam ist der Weg bis zur Theaterpremiere im Londoner National Theatre.  Evaristo, die 1959 in London geboren wurde und als Professorin Creative Writing unterrichtet, hat mit ihrem Roman 2019 den Booker-Preis gewonnen und wird literarisch auch für ihre Sprache gewürdigt. Ohne Punkte enden die Wortketten oft vor dem Ende der Zeile-

Das hat Wirkung

Bernardine Evaristo: „Mädchen, Frau etc.“, 512 S., Tropen Verlag Stuttgart, 25 €

Nicht ohne mein Smartphone

Eine Generation jünger ist die 1989 geborene Candice Carty-Williams, die 2020 für ihren Debütroman „Queenie“ 2020 bei den British Book Awards als erste Schwarze überhaupt die Auszeichnung „Book oft he Year“ erhielt. Verloren zwischen den Kulturen fühlt sich die Titelheldin, die sich notorisch in weiße Männer verliebt und darüber den Job in einer Kulturredaktion vernachlässigt. Zum Lachen ist das oft nicht, wenn Queenie (der Name eine Reminiszenz an die britische Königin) als erste der Familie mit einem College-Abschluss immer tiefer in eine Depression gleitet, erniedrigenden Sex meint ertragen zu müssen und sich dem strengen Regiment der Großeltern unterwirft. Dating Portale haben zusätzlich Verwirrung geschaffen – der Verlauf der kurzen Mitteilungen ist Teil des Romans und die reale Konfrontation mit den übergriffigen Männern und ihren Erwartungen an schwarze Frauen. Zum Glück gibt es aber auch die Freundinnen und ihre Chat-Bemühungen, die Zuversicht zu verbreiten versuchen. „Traurig und verwirrt“ sei sie nach der Preisverleihung gewesen, wird Carty-Williams zitiert, gerade weil diese Premiere – aus erste Schwarze ausgezeichnet! – so überfällig gewesen sei. Nach Lektüre ihres Buches könnten weiße Leser hoffentlich besser verstehen, was sie meine. Und weiße Leserinnen auch, kann ich da nur ergänzen.                                                          CB

Candice Carty-Williams: „Queenie“ Roman, 544 S., Blumenbar Verlag

NS-Zeit: Eine Entschuldigung an die Jugendlichen der Gen Z  

Als sogenannte Babyboomerin trennen mich Jahrzehnte von der Gen Z, wie um die Jahrtausendwende geborenen Jugendlichen auch genannt werden. Vereinfacht werden sie so charakterisiert: stets online und mit dem Handy unterwegs, ihnen steht die Welt offen. Sie sind umweltbewusst und oft ungeduldig bis wütend auf die Älteren. Was haben die noch am Hut mit dem 2.Weltkrieg und dem Nationalsozialismus? Sie werden als die vierte Generation nach Kriegsteilnehmern, Kriegskindern und Kriegsenkeln gerechnet.

Jedes Jahr Ende Januar drängen die Ereignisse des Nationalsozialismus unweigerlich ins Licht der Gegenwart. Diesmal auch durch die Wannsee-Konferenz vor 80 Jahren am 20.Januar. Der gleichnamige ZDF-Film (in der Mediathek) zeichnet auf der Grundlage des Eichmann-Protokolls die Beratungen der seriösen Herren in Anzug oder Uniform nach, wie sie auch heute noch die Interessen ihrer Ministerien und Dienststellen vertreten könnten. Doch damals ging es um Absprachen zum Mord an 11 Millionen Juden. Am 27. Januar wird der Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz als Holocaust-Gedenktag begangen. Das Jahr über immer wieder kurze Zeitungsnotizen, dass hochbetagte Überlebende der NS-Verfolgung gestorben sind. Solange es ging, berichteten sie in Schulen und Gedenkstätten von dem erlebten Schrecken. Immer mit der Verpflichtung, auch Zeugnis abzulegen für die Ermordeten mit dem Ziel, dass sich diese Verbrechen nicht wiederholen dürfen.

Im hessischen Arolsen befindet sich das weltweit größte Archiv mit Dokumenten der Opfer und Überlebenden. Noch immer werden dort Angehörigen Auskünfte erteilt, aber die „Arolsen Archives“ befassen sich auch mit der Zukunft und neuen Formen der Bildungsarbeit, um das Interesse der Gen Z zu wecken. Eine Studie des Rheingold Instituts in Köln mit zweistündigen tiefenpsychologischen Interviews der 16- bis 26-jährigen im Vergleich zu 40 bis 60jährigen ist zu überraschenden Ergebnissen gekommen:

„Befreit vom Gefühl persönlicher Schuld an der NS-Zeit“ sei der Zugang der Jüngeren unbeschwerter, erläutert Institutsleiter Stephan Grünewald. Von der NS-Zeit gehe aber auch eine gewisse Faszination und Angst aus wie die Frage: Vielleicht hätte ich auch auf der Seite der Nazis gestanden, mich der Dominanz eines völkischen Plans unterworfen? Dagegen lebten Jugendliche heute in einer „multioptionalen Bereitstellungskultur“, zu der aber auch Ansprüche und individueller Druck gehörten, etwas aus sich selbst zu machen. Insgesamt, so Grünewald, sensibilisiere die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit für heutige gesellschaftliche Probleme vom Rassismus, über die Zahl der Fake News bis hin zur Radikalisierung.

Die Interviews offenbaren aber auch die Barrieren, die eine Beschäftigung mit der NS-Zeit blockieren können. Neben der Angst, von Gefühlen überwältigt zu werden, zählt dazu die Angst vor einer „Überkomplexität“ von Sachverhalten (etwa im Unterricht) fern der eigenen Lebenswirklichkeit. Oder wenn den Jugendlichen Moral „verordnet“ werde, statt sich ein eigenes Resümee zu erarbeiten. Jede Generation reklamiere für sich, selbst zu denken und sich ein Bild zu machen, meint auch Oliver Figge von den Arolsen Archives.  Es gelte die Verknüpfung mit heutigen Entwicklungen zu schaffen, „denn die Gründe der Verfolgung sind nicht Geschichte“.  Eine der Befragten wird so zitiert:

Der Gen Z Schlüssel in die Hand zu geben, wünscht sich auch Floriane Azoulay als Archiv-Direktorin. Aus der Studie ergeben sich erste Ansätze wie die Verschmelzung von digitalen und analogen Formen für die Nachbearbeitung von Begegnungen oder dem Besuch von Gedenkstätten, eine Diskussionskultur ohne moralischen Zwang. Auch die Kompetenzen und Wahlmöglichkeiten der Gen Z ließen sich nutzen, um Themen zu vertiefen oder globale und regionale Bezüge herzustellen wie durch die „Stolpersteine“.

Eine persönliche Schlussbemerkung

Mit 24 Jahren würde ich heute zur Gen Z gerechnet. Doch es war 1982 und ich junge Redakteurin. Wegen des Kriegsrechts in Polen und den Einreisebeschränkungen für Journalisten musste ich noch einmal in die Rolle der Studentin schlüpfen. Ich sollte über Auschwitz und die Gedenkfeier mit deutschen Laien und Bischöfen aus Polen und Deutschland für den heiliggesprochenen Maximilian Kolbe berichten. Der folgende, leicht gekürzte Text entstand neben den Nachrichten, Reportagen und Pressefotos als wir am Nachmittag zu zweit oder dritt mit KZ-Überlebenden über das Gelände des Stammlagers und des Vernichtungslagers Birkenau gegangen waren.

„Bekannter Schrecken. Die Frau neben mir hat überlebt, spricht zum ersten Mal seit der Befreiung wieder deutsch, will Sprachrohr für die Toten sein. Kein Vorwurf in der Stimme. Sie teilt Wohnung und Essen mit uns; erinnert sich an die eine freundliche Aufseherin, die ihr ein Stück Brot zusteckte. Als wir aus einer der Baracken auf dem riesigen Gelände des Vernichtungslagers Birkenau kommen, atmet sie tief durch und sagt: „Hier war nur Dreck, kein Gras. Hier haben die Vögel nicht gesungen.“

Warum nur blitzt dieses Bild auch heute noch auf – wenn ich Fernsehnachrichten über Flüchtlingslager in Griechenland oder im Libanon sehe? Wenn jemand im Kleider-Container an der Ecke wühlt und vor dem Tisch der „Tafel“ ansteht?                                                                             CB

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Quelle der Bilder:

Die Screenshots stammen von der Einladung und der Online-Präsentation der Studie am 25.1.2022 durch die Arolsen Archives und das Rheingold Institut. Auf den Webseiten finden sich auch ausführlich die Inhalte der Studie.

Was Dinge und Menschen verbindet

Hier soll es nicht um die Weihnachtsbäume gehen, die auf den Bürgersteigen nadelnd in diesen Tagen auf die letzte Fahrt warten. Ihre Verweildauer in warmen Stuben ist ohnehin auf wenige Wochen begrenzt. Nur einige können in den Garten umsiedeln und auf ein Comeback im nächsten Dezember warten. Es steht auch mehr Sperrmüll als sonst herum. Voll gestopfte Mülltonnen mit halb aufgeklappten Deckeln verraten, was sonst so ausgemustert wurde. Ich behaupte, derzeit finden Dokumentationen über die richtige Ordnung in Schränken und Regalen, über minimalistisches Leben in „Tiny Houses“ oder in Wohnmobilen besonders viel Interesse. Aber auch die vielen neuen Ordnungs-Hilfen in Schaufenstern, Prospekten und natürlich im Internet. Nach wie vor ein Renner: die Aufräum-Empfehlungen von Marie Kondo.

Nur für wenige war die Weihnachtszeit im beheizten Raum ein Ausflug aus dem Garten-Beet

Egal zu welchem Termin lösen Wohnungswechsel Schrecken aus angesichts der gestiegenen Zahl benötigter Umzugs-Kartons. Soll ich mich nicht endlich von dem Steiff-Hund trennen, dessen Plüschbein Verbrennungsspuren von einer Heizung aufweist? Was ist mit dem nach einer Lesung in Stuttgart signierten Buch einer chinesischen (!) Schriftstellerin aus den 1980er Jahren? Schwer fällt es mir vor allem, mich von Gedrucktem zu trennen, so froh ich über die öffentlichen Bücherschränke bin und den regen Tauschbetrieb. Manchmal träume ich, dass ein dort zurückgelassenes Buch nach mehreren Jahren und einigen Leser*innen mir in einem der Schränke wieder begegnet. Wobei ich einige „gespendete“ Titel nach längerer Zeit wieder so sehr brauchte, dass ich sie in Büchereien suchen oder antiquarisch kaufen musste. Im Internet natürlich.

Vielleicht wartet ein Buch, das ich im Bücherschrank entsorgt hatte, auf mein wieder erwachtes Interesse

Überhaupt die digitalen Möglichkeiten:  Blogs wie dieser „Zettelkrom“, die Mail-und WhatsApp-Kontakte, Recherchen, Buchungen und Bestellungen gehören dazu. Die Schreibtische vieler sind leerer und kleiner als meiner, weil sie a l l e s einscannen und archivieren statt Ordner mit Ausdrucken zu füllen. Da bleibe ich skeptisch, von Steuererklärungen und ähnlichen Inhalten einmal abgesehen. Wobei auch E-Books in bestimmten Situationen Sinn machen: auf Reisen zum Beispiel. Oder neben dem Bett oder unter dem Kopfkissen, um nachts Schlafpausen zu überbrücken.  Das geht besser als sich mit einem schweren 700-Seiten-Roman hin- und her zu wälzen – um wieder hellwach zu sein, wenn das Buch aus den Händen fällt und auf den Boden knallt.

Der französische Philosoph Jean-Paul Sartre schrieb: „Wir wissen, wer wir sind, wenn wir betrachten, was wir besitzen.“ Er, der die meiste Zeit in wechselnden Hotelzimmern verbrachte, redete damit nicht denen das Wort, die in Hallen Oldtimer horten, vier verschiedene Ess-Services auftischen oder zumindest jedem Mode-Stil folgen. Aber: „Ohne Objekte würde ich womöglich haltlos davontreiben“, notierte die heute in Schottland lebende Autorin und Bloggerin Lee Randall. Sie scheint vor allem stolz auf die Bücher zu sein, die überall in ihrem Haus Platz beanspruchen. „Ein jedes von ihnen ist ein autobiografischer Datenspeicher meiner selbst, eine Erinnerung, wer ich war, als ich es las, was ich an ihm liebeswert fand, wohin es mich trug.“ Auch andere Gegenstände speicherten Erinnerungen, Werte und Erfahrungen, um sie vor dem Vergessen zu bewahren.

Im Regal oder auf dem Schreibtisch liegt seit 1986 dieser unbearbeitete Stein von der Insel Krk als Zeichen für Veränderung

Entrümpeln, Möbelrücken oder durch Umzüge den Lebensraum zu verändern ermöglicht neue Perspektiven und Veränderungen. Es gibt aber auch die These, nach der Menschen, die mit einem Minimum an Gegenständen auskommen, der Sinn für das eigene Maß abhanden zu kommen droht. (Wie auch den Sammlern, deren Häuser überquellen von den ergatterten Objekten.)

Mein Großvater soll mit weit über 80 Jahren begonnen haben, sich vieler Dinge zu entledigen. Es waren wohl auch Adressen darunter von ausgewanderten Verwandten, die nach dem 2.Weltkrieg Care-Pakete geschickt hatten. Gegen Ende des Lebens wollte er „reinen Tisch“ machen, sich von überflüssig gewordenen Dingen trennen. Es mutet an wie eine Station kurz vor dem endgültigen Abschied. Auf dem Nachtisch meines Vaters im Krankenhaus lagen bis zuletzt ein kleiner Block, ein „feiner“ Kugelschreiber und stand ein Bild seiner Frau. Als sie starb, lag auf dem Tisch eine Schale mit bunten Ketten und einer Uhr, eben die Tochter eines Goldschmieds und Uhrmachers.

Es braucht, denke ich, nicht das Gedankenspiel, welche Dinge man auf eine einsame Insel mitnehmen will. Nur Aufmerksamkeit und eine Portion Dankbarkeit für die vielen Erinnerungen. Sie sind das Gerüst des bisherigen Lebens und liefern Erfahrungen, Kraft und Fantasie für die kommende Zeit.

PS: Frage nach dem Lesen

Welches Objekt schafft es bei jedem Umzug mitzukommen? Vielleicht möchten Du/Sie uns ja mit Hilfe der Kommentarfunktion daran teilhaben lassen? Bei mir zerbrach leider voriges Jahr die dünn gewordene Klinge eines kleinen Küchenmessers, mit dem Oma und Mutter schon hantierten als Kartoffelschälen für mich noch zu gefährlich war.     C.B.                                                                

Am Ende wird alles gut sein…

Der tröstliche Beginn dieses Spruchs lässt sich für einen Text zum Jahresende noch gut an. Doch dann wird es so kompliziert wie so vieles im Jahr 2021 war:

„Am Ende wird alles gut! Und wenn es nicht gut ist, ist es noch nicht das Ende.“

Woher stammt diese Erkenntnis? Im Internet finden sich massenhaft handgezeichnete Spruchtafeln, aber wer hat die Worte als erster zu Papier gebracht? Die Auswahl ist groß – angefangen bei Oscar Wilde und dem brasilianischen Schriftsteller Fernando Sabino, über John Lennon und Anselm Grün bis hin zu Angaben wie asiatische Weisheit oder der Name eines Yoga-Instituts in München.

Dann doch lieber unterschiedliche Texte darüber, wie lose Enden verbunden werden können über Länder und Zeiten hinweg. So wie auch vergangene Jahre und sogar Jahrhunderte sich verknüpfen lassen mit der Gegenwart und damit Chancen auf Veränderung.

manchmal ist die Richtung vorgegeben, doch das Ziel ungewiss

„Ich muss noch Happy Ends machen“

Mit dieser Ankündigung verzieht sich mein Mann mit schöner Regelmäßigkeit an seinen Schreibtisch. Ehrenamtlich ist er für eine kleine Tierschutzorganisation zuständig, die nicht erst seit den Zeiten von mehr Homeoffice und Corona-Einsamkeiten Hunde aus Ungarn vermittelt. Im Web-Auftritt gibt es dann die Rubrik „Happy Ends“, kurze Berichte über erfolgreichen Vermittlungen. Vor allem sind Fotos zu sehen, die glückliche Menschen und zufrieden blickende Hunde zeigen – jeden Alters und jeder Größe.

Was für ein Kontrast: Für mich war vorher das Happy End nur als singuläres und umwerfendes Ereignis zu begreifen. Mit einem Regen aus goldenem Glitter, einem Rosenstrauß vor dem lachenden Gesicht, einem Fallschirm-Sprung ins Glück. Oder vor einer Park- oder Schloss-Kulisse scheppernde Dosen am Auspuff für die Fahrt in die Flitterwochen. Was sich an mehr oder weniger kitschigen Klischees so ansammelt im Lauf eines Lebens mit Fotos in den Illustrierten des Friseursalons, in den Schaufenstern von Fotogeschäften, im Fernsehen und den „sozialen Medien“… Die „Happy Ends“, die mein Mann dokumentiert, sind anders: sie zeigen eher wetterfest gekleidete Menschen, deren Gesichter ohne Makeup von ihrem bisherigen Leben erzählen. Manchmal ähnelt die Frisur der „old Lady“ dem Fell des kleinen Pudels mit dem Grau um die Schnauze. Strahlende Kinder scheinen im adoptierten Hund den Beweis zu sehen, dass hartnäckiges Wünschen sich lohnen kann – Gassi-Gehen im Regen und durch Matsch inklusive.

OPEN END

Vor mehr als 20 Jahren hatte sie als kinderlos gebliebenes Paar die Patenschaft über einen neunjährigen äthiopischen Jungen namens Haftamu übernommen. Es war eine seriöse Organisation, die nicht nur das einzelne Kind, sondern die Lebensumstände der gesamten Familie berücksichtigte. Es ging darum, den Lebensunterhalt und den Schulbesuch Haftamus zu sichern, der ohne Mutter mit dem erblindeten Vater zusammenlebte. Das Foto, das ihnen zugeschickt wurde, zeigte einen schmalen Jungen mit ernstem Gesicht. Da Englisch nicht zum Lehrplan gehörte, schickten Lehrer*innen einmal im Jahr den beiden „foster parents“ einen knappen Brief mit stereotyp sich wiederholenden Informationen und Grüßen. Immerhin erfuhren sie, dass Fußball Haftamus größtes Hobby ist.

Das Paar zog in eine andere Stadt, mit dem Ende des Schulbesuchs – war es mit 15 oder 18 Jahren? endete auch die Patenschaft. Das Foto Haftamus verschwand irgendwann in den Tiefen eines Schrankes. In der nächstgelegenen Bäckerei arbeitet nun seit einigen Monaten ein hoch aufgeschossener junger Mann mit einer Vorliebe für Fußball-Trikots aus aller Welt. Sein strahlendes Lächeln hilft über die kleiner werdenden sprachlichen Lücken. Nach Auskunft einer Kollegin soll er aus Äthiopien stammen. Wie andere Kunden freut sich das Paar über seine gute Laune. Und jedes Mal verschieben sie die Frage, wie er nun heißt, auf den nächsten Einkauf.

auch die Landschaft ist nicht statisch – Vulkan-Gegend auf La Palma

Endlos

Buchhandlungen stehen für Kultur und damit für Überraschungen jeder Art, auch der Laden im Westerwald. Der Landwirt bestellt hier „Don Quichotte“ in der spanischen Originalsprache, der Disco-Betreiber einen bebilderten Prachtband über eine in unzählige Scherben zersprungene chinesische Epoche lange vor der Zeit der Mao-Bibel.

Ein nicht mehr junger Kunde trägt eine Sportkappe mit der Aufschrift „Dubai“– Urlaubsort oder nur eine Zwischenlandung? Der Buchhändler reicht ihm einen Stapel der in dieser Woche erschienen Illustrierten. Für die Mutter oder die Nachbarin, die das Schicksal der armen Reichen interessiert? Der Buchhändler fragt sich laut selbst, warum er sich nicht früher, sondern erst heute nach dem osteuropäisch klingenden Namen des Kunden erkundigt. Nun erfährt er, dass es adelige Vorfahren in Prag gab und dort noch ein Palais mit dem Familiennamen existiert. Und: Im gleichnamigen Theaterbau sei Mozarts „Don Giovanni“ uraufgeführt worden. Ein Moment der Stille – ein Schlussakkord klingt über Jahrhunderte, Kulturen und Lebensformen hinweg. CB      

eine Sicht auf Köln und der Strom der Zeiten


Nicht nur zur Weihnachtszeit

Beim Aufräumen fand ich eine Reihe von kurzen Texten, die vor langer Zeit für einen Verlag entstanden, der sie zum Abdrucken in lokalen Zeitschriften und anderen Blättern anbot. Manches hat seine Aktualität behalten, finde ich.

Der leere Stuhl

In diesem Jahr

soll an unserem Tisch

ein Stuhl frei bleiben

für die Fragenden

für die Suchenden

für die Sprachlosen

für die Fremden

für die Resignierenden

für die Weinenden

für die Verletzten

für die Frierenden

in diesem Jahr

soll an unserem Tisch

ein Stuhl frei bleiben.

Der Text von 1983 erinnert an den Brauch in Polen, beim ausgiebigen Weihnachtsmahl einen Platz freizulassen für den unerwarteten Gast. 1982 während des Kriegsrechts in Polen durfte ich das erste Mal die ganzjährige Gastfreundschaft der Polen selbst erfahren, als ich in Krakau bei einer älteren Frau und ihrer Tochter einige Tage übernachtete. Der Ehemann und Vater, ein Arzt, war 1940 in einem Wald bei Katyn ermordet worden – einem der Orte für die von Stalin angeordneten und erst 1990 von Gorbatschow offiziell eingeräumten Verbrechen an polnischen Offizieren.

Ob die im Grenzgebiet von Belarus zu Polen ausharrenden Menschen einen Platz finden?

wir wollen

die ewig zweifelnden bekehren

wir wollen

in fernen ländern missionieren

wir wollen

die skeptiker überzeugen

wir wollen

die hoffnungslosen aufmuntern

wir wollen die ganze welt verbessern

uns selbst ändern

wollen wir nicht

zwischen den zeilen

zwischen den beurteilungen

zwischen den programmen

zwischen den versprechungen

wartet versteckt die lösung

auf ihre entdeckung

Die Weihnachtskarte stammt aus meiner Kindheit und erinnert an Bastelarbeiten mit gebügelten Strohhalmen, die oft anbrannten…

das kind

klein von gestalt

groß im vertrauen

arm an besitz

reich anlachen

schwach an kräften

stark an gelassenheit

voller liebe

also kein grund

darauf

herabzusehen

Schöne Weihnachtstage, ruhige und nachdenkliche Tage „zwischen den Jahren“ und ein 2022, in dem sich manche Wünsche erfüllen und Überraschungen erfreuliche sind.
Christel Boßbach

Texel oder Insel-Leben in Corona-Zeiten

Mitte September dieses Jahres war die Sehnsucht groß und die Inzidenz-Zahl so gesunken, dass wir wieder nach Texel gefahren sind. Nicht nur, aber auch wegen des Hundes, der jedes Mal schon auf der Fähre vor Vorfreude ganz hibbelig wird. Texel war spätestens seit Oktober 2020 keine niederländische Insel der Glückseligen mehr.  Wegen der gestiegenen Infektionszahlen verließen die deutschen Touristen (sie stellen rund 25 Prozent aller Urlauber) fluchtartig die Insel wegen Maßnahmen wie einer erweiterten Maskenpflicht und Beschränkungen für Restaurant-Besuche. Wir konnten wie geplant bleiben, im Appartement selbst kochen und weiter barfuß am Rand der Nordsee balancieren und den Hund über den leer gefegten Strand flitzen zu lassen. Wie dieses Jahr auch. Geblieben sind Notizen, wie sich die Natur in und um die Insel treu bleibt – und was sich weiter ändert durch den Tourismus. Dazu die Hoffnung auf nächstes Jahr, gerade wird die Lage in den Niederlanden täglich dramatischer wie hier auch.

Flaschenpfand und Supermarkt

Besser als nie: im Sommer führten die Niederlande ein Rückgabe-Pfand für Plastikflaschen ein. Und 2022 sollen auch leere Dosen öfter in den entsprechenden Automaten der Supermärkte landen, die dann den entsprechenden Bon auswerfen. Dumm nur, wenn nach der Rückkehr nach Hause der Automat im Supermarkt dort regelmäßig Alarm schlägt, wenn wieder die eine mitgereiste niederländische Flasche mit dem falschen Rückgabe-Emblem zwischen den anderen gelandet ist.

Noch eine Beobachtung zum Einkaufen: Urlaub scheint die Zeit des Rollentauschs zu sein. Männer sieht man meist wenig gezielt durch die Gänge des Supermarkts streifen, um die Aufträge abzuarbeiten. Dieses Jahr kam hinzu, dass viele mit Scan-Geräten in der Form vorzeitlicher Handys ihre Einkäufe registrierten, um sie dann in einem eigenen Bereich ohne KassiererInnen selbst abzurechnen. Was am frühen Morgen im Gedränge vor den gläsernen Fächern der Brot- und Brötchenabteilung gar nichts so einfach ist. Denn jede Sorte hat einen eigenen Strichcode, der mehrmals gescannt werden muss, wenn nicht nur eine-r satt werden soll. Einen jungen Vater hatte der Ehrgeiz gepackt, denn er ließ seine 2-3-jährige Tochter mit dem Gerät hantieren.  Sollte sie früh an die MINT-Fächer herangeführt werden. Gut nur, dass eher eine Klein- als eine Großfamilie zu versorgen war.

Den ganzen Tag das Spiel mit den Elementen

Strandgang

Wenn die Herbstsonne gnädig ist und reichlich Vitamin D spendiert, zieht sich eine unregelmäßige Kette den Strand entlang, hin und wieder unterbrochen von mehreren spielenden Hunden verschiedener Rassen – die reine Lebensfreude und Energie. Den Kontrast bilden die langsam gehenden Paare, die eine oder der andere unterstützt von einem Wanderstock. Sie gönnen sich Pausen und vielleicht die eine oder andere Erinnerung. Vereinzelt entkleiden sich asketisch wirkende Männer neben dem unsichtbaren Weg und führen ihre Gymnastikübungen vor. Familien scheren aus, graben Kuhlen oder packen Bälle aus. Während jüngere Menschen ihre Surfbretter unter den Arm geklemmt haben und zielgerichtet am Wasser entlangeilen – als wüssten sie genau, wo sie die perfekte Welle erwartet.

Nur eine einzelne Frau geht quer zum Strand direkt auf das Meer zu. Weißgraue Haare, ein unauffälliger blau-grün gemusterter Badeanzug, entschlossen ihr Schritt, auch als ihr das Wasser schon bis zu den Oberschenkeln reicht. Sie beginnt parallel zum Strand zu schwimmen. Es sieht nicht aus wie ein Ritual nur für Sonnentage. Was wird sie im Winter machen?

Im Speedboot zur Seehundbank?

Texel macht mobil – den Eindruck gewinnt man angesichts hunderter E-Bikes, die an Regentagen ordentlich in ihren Gestellen ruhend auf den Verleih warten. Wo sind all die Vorgänger-Modelle geblieben, mit denen die UrlauberInnen mit purer Muskelkraft trotzig gegen den Wind antraten? Zur Erinnerung: die Insel ist 23,7 Kilometer lang und 9,6 Kilometer breit. Mit 19,6 Meter ist eine Düne mit Namen „Bertusnol“ die höchste Erhebung, der „Hohe Berg“ kommt nur auf 15 Meter über dem Meeresspiegel. Aber auch E-Motorroller und E-Mofas sind im Angebot. Fehlen nur noch Jeeps, die an die Steckdose müssen, um über den Strand zu rasen wie im Süden Europas. Doch schon kreisen vereinzelt Drohnen über die Insel.

Im Hafen Oudeschild liegen alten Segel- und Lotsenschiffen, die zu den Sandbänken um Texel schippern, auf denen sich die Seehunde sonnen und fotografieren lassen. Daneben ankert jetzt ein Speedboot, auf dem sich Menschen in Overalls zwängen, in denen sie wie das Michelin-Männchen wirken. Sie müssen sich anschnallen.  Den 12 Kunden wird neben dem „echten Speedboot-Feeling“ mit 75 km/h eine „99-prozentige Robbengarantie“ versprochen.

Der Besuch eines „Stillen-Örtchens“ kann bilden

Heuler, Wattwürmer im WC und der Griff nach dem Wal-Wirbel

An einem Regentag dann statt des Speedboots endlich ein Besuch im „ecomare“, dem Aquarium auf Texel. Da gibt es Seehunde, Kegelrobben und die „Heuler“, die aufgepäppelt werden müssen. Neben den Aquarien finden sich Szenarien über Land- und Luftbewohner. Forschungsarbeiten erläutern, wie sich die durch den Klimawandel veränderten „Zeitfenster“ etwa für Brut und Aufzucht auf Zugvögel auswirken. Skelette gestrandeter Wale imponieren durch ihre Größe. Ein Wirbel wurde herausgelöst und darf berührt werden. Eigene Räume sind für Kinder konzipiert. Und hinter der Toilettentür mit den aufgemalten Wattwürmern, informieren mehrsprachige Kacheln: „Alle Wattwürmer zusammen scheiden in einem Jahr die ganze obere Wattschicht aus.“ Wieder was gelernt! Und der Wunsch nach einem „Lupen-Glas“ aus dem „ecomare“-Shop wegen der Wattwürmer und anderem Getier.

Sie wird ins Meer entlassen werden, kranke und alte Robben finden auf Dauer Asyl

Seehunde für Zuhause

Ob es daran liegt, dass in Corona-Zeiten viele Balkon oder Garten verschönert haben? Mit Plastik-Pools, Teichen, Springbrunnen oder Seerosen in einem alten Topf. In der Fußgängerzone von De Koog drängen sich die UrlauberInnen vor einem der Läden. Eine ganze „Herde“ runder Seehund-Köpfe scheint dort auf engstem Raum im Wasser zu schwimmen. Bei näherer Betrachtung erweisen sie sich als körperlose Plastik-Köpfe zum Preis von rund zehn Euro. Offenbar das Souvenir der Saison. Soll ich nach dem Namen des Herstellungslandes suchen? Es wird wohl dasselbe sein wie für hölzerne Segelschiffe und Möwen, deren Flügel sich mit dem Wind drehen können.

Begehrtes Souvenir

Trendshopping Anfang Oktober fuhren wir wieder nach Hause. Das ist die Zeit, in der für die Läden auf Texel das Weihnachtsgeschäft beginnen soll. Dann wandern Badehosen in Schubladen oder Kisten, während Wollsocken und -decken neben Schaffellen platziert werden. Aber Corona hin oder her – auch neueste Trends vom Festland sind auf der Insel angekommen. Da räkeln sich Krokodile auf Teppichen, Bärenfelle fühlen sich nach synthetischem Plüsch an, aus Dschungel-Gegenden scheinen Stoffe und Pflanzen zu stammen. Die sind auch schon in dem ein oder anderen „In“-Lokal zu finden, wo bisher weiß-bläulich lackierte Bretter und Euro-Paletten zu einem Vintage-Look gehörten, der sich auch in den Binnen-Küchen der Urlauber gut machten. Für die Insel wird der „Urban Jungle“ bald zu wohl zu klein. Wir werden sehen – im nächsten Jahr.                                                                          CB         

Ein Lied davon singen

Dass Zettel mich begleiten, ist bekannt. Aber Noten eben auch. Damit sind nicht Schulnoten, Banknoten oder mehr oder weniger diplomatische Schriftstücke gemeint. Sondern die musikalischen Noten, die sich zur Melodie verdichten. Der stete Strom der Atemluft sorgt dafür, dass Worte und Töne für mich untrennbar zusammengehören.

Gemeinsam mit anderen zu singen – was für ein Erlebnis, das nach 18 Monaten Corona-Zeit längst zu etwas besonderem geworden ist. Und gefährlich – vom Tübinger BachChor wurden vor kurzem nach einer Probe 30 Mitglieder positiv auf Corona getestet, obwohl die 2 G-Regeln galten und auch sonst alle Bestimmungen eingehalten worden waren. In Köln war bei der Fernsehübertragung zu sehen und zu hören, wie zaghaft so eine Saison-Eröffnung am 11.11. um 11 Uhr 11 klingen kann. Und wie es ist, wenn das Dreigestirn eine Lücke auf der Bühne hinterlässt, weil der Prinz am Vorabend positiv getestet wurde.

Erinnerung an Karneval und zugleich schöne Aussichten

Mein Gesangskurs kann derzeit nur per Zoom stattfinden: Die Leiterin Ellen Schneider am E-Piano, wir einzeln im Bild, aber auf stumm gestellt – denn noch hat es kein Digital-Künstler geschafft, die Übertragungswege zu synchronisieren. Oder wir sind in Breakout-Sessions zu zweit oder dritt zusammengeschaltet- für einen kurzen Austausch und das Üben der neuen Lieder. Fast eine halbe Stunde Körper- und Atemübungen stehen am Anfang: wir pressen unser Gesicht wie eine Zitrone zusammen, weiten nicht nur wie ein Luftballon Augen und Mund, sondern drücken unsere Atemluft bis tief in den sich nach außen blähenden Bauch – nur Mut! Wir müssen nicht für einen Auftritt proben und uns dem Urteil der Zuhörenden stellen. Wir singen für den Moment, lassen Luft, Worte und Noten herausströmen. Es wird immer leichter, die Harmonien schweben zu lassen. Dabei schont uns Ellen Schneider nicht: wir können zweistimmig ein finnisches Wiegenlied zum Klingen bringen – „Tuu, tuu, tuppakkarulla…“, die Gedanken frei sein lassen und in der westafrikanischen Sprache Balanta ein Mädchen erzählen lassen. Aber uns auch wie Carole King versichern: „You’ve got a friend“. Ab und zu ist auch ein Song des Duos „Aileen“ mit Ellen Schneider darunter. Da strengen wir uns besonders an. (Mehr über sie auf ihrer Webseite www.ellen-schneider.net)

Die Hoffnung, uns jenseits aller Corona-Beschränkungen ganz einfach treffen und zusammen singen zu können, geben wir nicht auf. Schließlich liebt es schon jedes Kind zu singen, zu trällern, Melodien zu lauschen und sie nachzuahmen. So ließ sich zuhause das gemeinsame Spülen nach dem Essen nutzen- ob für einen Kanon oder den Gefangenen-Chor aus „Nabucco“. Diese schwere, sorgenvolle Melodie brachten die Eltern von einem Opernbesuch mit. Später dann deutsche Schlager und mit wachsenden Englisch-Kenntnissen die „Beatles“, „Simon and Garfunkel“, Donovan oder Joan Baez. Beim Sprachurlaub in Kent kauften wir mit 14 beim London-Ausflug in der Shaftesbury Avenue Songbooks vom gesparten Taschengeld. Dazu aus dem Musikalien-Laden im Vorort kleine Hefte mit aktuellen Song-Texten von Elton John und anderen. Meine Schwester bekam Gitarren-Unterricht, einige einfache Akkorde schaffte ich auch. So konnten wir gemeinsam unsere „greatest hits“ schmettern, sangen im Jugendchor der Pfarrgemeinde. Im Gefängnis traten wir – nach vielen Kontrollen auf, gaben „Gastspiele“ in Kirchen der Umgebung und sogar in den Niederlanden. Einmal sangen wir nachmittags während einer Karnevals-Sitzung direkt nach einer Band, deren Mitglieder ungeschminkt und nicht im Kostüm mitten im Februar tatsächlich barfuß von der Bühne kam.

Die längst berühmt gewordenen „Bläck Fööss“ waren es dann, die 2000 „Unsere Stammbaum“ (Komponist Hans Knipp) herausbrachten. Das Lied erzählt von Römern, Franzosen, Bauern, Schreinern, Griechen, Türken, von Moslems, Buddhisten und vielen anderen. Nach Köln gekommen sprechen heute alle dieselbe Sprache und haben dadurch viel gewonnen, die „Jecken am Rhing“. Und gesungen wird das Lied hier eben nicht nur zur Karnevalszeit. Zum Beispiel 2017 während einer Demo von Muslimen gegen den islamistischen Terror unter dem Motto „Nicht mit uns!“, zu der Lamya Kaddor, jetzt Bundestagsabgeordnete der Grünen aus Duisburg, aufgerufen hatte. Berührend war für mich, dass eine Kneipe nahe dem Gürzenich die Türe weit geöffnet hatte. Heraus schallte der „Stammbaum“ und die vielen muslimischen Frauen um mich herum – mit und ohne Kopftuch – sangen aus vollem Herzen mit.

gefahrloses Singen in alle Richtungen

Übrigens singe ich auch in Corona-Zeiten gefahrlos fast überall, ob im Auto, auf den Spaziergängen mit dem Hund, bei der Gartenarbeit und danach auf der Liege oder mit dem Einkaufs-Rucksack auf dem Rücken. Das Gehirn scheint ein Musik-Archiv für mich angelegt zu haben, auf das ich jederzeit zugreifen kann. Gezielt oder als Mix aus allen möglichen Genres (– ja, ich habe auch mal Klassisches wie die „Vier Jahreszeiten“ von Haydn im Chor aufgeführt). Wer weiß, vielleicht werde ich in Zukunft auch neue Töne und Worte archivieren können, wenn wir ein Lied davon singen können, wie es in den Corona-Zeiten war. „Those were the days…“                                                                        CB

Nicht nur zur Novemberzeit

Flugangst

Die eine oder andere Unfall-Meldung weckt die Erinnerung. Es war in einem Mai wie aus dem Bilderbuch, als Slowenien noch Teil Jugoslawiens war und eine Tagung des internationalen Jugendverbandes in Ljubljana/Laibach etwas ganz Besonderes. (Als ich später als Reporterin dorthin musste, war ich auf dem Frankfurter Flughafen erschrocken, wie klein die Maschine neben den riesigen Passagierflugzeugen wirkte.)  Der 24-jährige Student hatte Flugangst und brauchte im Auto lange, auch wegen der Wartezeiten an den Grenzen, der Realität des Eisernen Vorhangs. Auf der letzten Etappe dann der Zusammenprall mit einem Lastwagen. Er starb direkt am Unfallort. Im Mai! So jung! Seitdem traue ich zwölf Monaten alles zu.

Trauer-Spezialist

Die Nachbarin war uns vertraut geworden.  Über Jahre hatte sie in kurzen, zufälligen Gesprächen viel erzählt aus ihrem inzwischen 70-jährigen Leben. Vermutlich war sie selbst überrascht, als der Tod nach dem schweren Herzinfarkt nicht an ihr vorüberging. (Wobei eine lange Genesungszeit wäre auch nicht ihr Ding gewesen). In der Kirche würdigte der uns unbekannte Pfarrer ausführlich ihr Leben, umschrieb mit herzlichen Worten, wie sie sich – nicht nur, aber auch – für Kirchenprojekte engagiert habe. Mir schien, von dem großen Foto im Altarraum sah sie erfreut und stolz auf den Redner am Pult und die Menschen im Kirchenschiff. Die nickten immer wieder bestätigend. Nach der Beisetzung sprach ich den Pfarrer an, wie gut er sie gekannt und beschrieben habe. Seine Antwort: „Ich kannte sie gar nicht persönlich. Ihre Angehörigen haben mir kurz etwas erzählt.“ Ich war sprachlos.

Auf einem Stuttgarter Friedhof

Mehr lebendig als tot

Der Tote war bis zum Ende überzeugt davon, dass er seine gleichaltrige Frau überleben werde. War sie es doch, die sich immer wieder Operationen hatte unterziehen müssen, deren Medikamenten-Packungen mehr Raum auf dem Küchentisch einnahmen als seine Pillen. Dazu ihre Demenz, die er lange leugnete. Immer öfter verbarg er sie dann, um peinliche Situationen zu vermeiden. Endlich stimmte er nach eigenen Krebs-OPs ihrem Umzug in eine Demenz-Wohngemeinschaft im Pflegeheim zu. An seiner Beerdigung nahm sie teil, im Rollstuhl. Die Trauer-Rituale der Kirche, die Gebete waren ihr noch vertraut – mehr als die Angehörigen, die früheren Kollegen ihres Mannes, die Nachbarn. Eine unsichtbare Barriere schien alle daran zu hindern, sie zu begrüßen, ihre Hände zu ergreifen, sie anzulächeln, ohne eine passende Antwort zu erwarten. Besuch „im Heim“ war sehr rar. Dabei ließ sich entdecken, wie fröhlich sie sein konnte, wenn junge Pflegekräfte mit ihr scherzten oder Lieder und Fragen unvermittelt aus ihr heraussprudelten. Am Leben eben.

Garten im September

Schmetterling

Die Mutter starb im September, die reiche Ernte des alten Apfelbaums und die Küchenmesser beschäftigten die Hände, während wir am Tisch auf der Terrasse saßen. Zeit, über sie, die heutige Beerdigung, viele Erlebnisse mit ihr und Fragen zu sprechen. Ich weiß nicht mehr, wer zuerst den Schmetterling sah. Von wegen Kohlweißling oder Pfauenauge, groß wie eine Hand war er. Lange flatterte er zwischen dem lila blühenden Sommerflieder und der Terrasse hin und her. Ich bin nicht der esoterische Typ, aber seltsam war es schon. Eine Botschaft? Genießt das Leben und nehmt es leicht? Einen solchen Schmetterling hatten wir schon einmal gesehen: vor einem Blumengeschäft in Manhattan auf einem großen Strauß, nur einen Block vom Central Park entfernt. Am nächsten Tag berichtete das Lokalfernsehen darüber, wie eine Grundschulklasse bei uns im Vorort über Wochen Schmetterlingsraupen gefüttert und beobachtet hatte. Gestern waren die Schmetterlinge geschlüpft und losgeflattert. Handtellergroß. CB                                                                        

Auf der Suche nach noch mehr „Unbeugsamen“

Angela Merkel kam zur Uraufführung des Dokumentarfilms „Die Unbeugsamen“ in Berlin. Erst vorige Woche war ich endlich auch im Kino – mit Abstand und Impfnachweis vor der Leinwand, umgeben von sehr wenigen Männern und vielen Frauen, die meisten in meinem Alter. Wir haben kollektiv den Kopf geschüttelt, uns empört, gefreut und manchmal auch mit Beifall bedacht, was der Regisseur und Journalist Torsten Körner in den Archiven gefunden hat und wie die Politikerinnen von damals heute kommentieren, was sie erlebt haben. Welch wüster und höhnischer Kritik der männlichen Kollegen sie ausgesetzt waren. Entstanden ist keine herkömmliche Chronik von den 1950er Jahren bis zur Wiedervereinigung, sondern ein Kaleidoskop, das den kollektiven Geschichts-Bildern die Erfahrungen der „Unbeugsamen“ im Bonner Parlament: ihr Engagement und die Hindernisse, die ihnen die machtbesessenen Politiker in den Weg legten.  Manche bittere Erkenntnis stellt sich von selbst ein, wenn die Kamera über prachtvolle Bauten an Straßen mit Politiker-Namen entlangfährt, um erst in einem Neubaugebiet auf Schilder zur Erinnerung an Politikerinnen zu stoßen.

Nach dem Film ging mir durch den Kopf, wie vielen unbeugsamen Frauen ich schon begegnen durfte neben den Politikerinnen im Film wie Rita Süßmuth (84) oder Herta Däubler-Gmelin (78). Im Film erwähnt wird auch die 2013 verstorbene Eva Rühmkorf, die u.a. als Gleichstellungsbeauftragte Hamburgs und damit als erste bundesweit gilt, die in Schleswig-Holstein Landesministerin für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur war. Ich erinnere mich, wie engagiert und lebhaft die Sozialdemokratin mit Ehrenamtlichen der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands stundenlang weniger über Gott als über feministische Reformen der Welt diskutierte. Die Locken flogen nur so um ihren Kopf. Vermutlich nahm an der Tagung auch Ursula Männle (77) teil, die als langjährige CSU-Bundestagsabgeordnete von den informellen Kontakten der „Unbeugsamen“ berichten kann.

„Die Unbeugsamen“ Politikerinnen haben mit dem Film auf sich aufmerksam gemacht und dienen als Vorbilder. Vielleicht sollte die Suche einfach weitergehen, um von Erfahrungen der „Vorgängerinnen“  in anderen Lebensbereichen zu profitieren und ihnen dankbar zu sein für, dass sie Steine aus dem Weg geräumt und neue Wege aufgezeigt haben.  Spontan fallen mir drei Namen ein:

Christel Neudeck

Die 1942 geborene Sozialpädagogin hat gemeinsam mit ihrem Mann, dem Journalisten Rupert Neudeck, das Komitee „Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte e.V.“ gegründet, später auch die „Grünhelme“. Von 1979 bis 1987 konnten mehr als elftausend vietnamesische „boatpeople“ vor dem Ertrinken im Südchinesischen Meer bewahrt werden. Und die humanitäre Hilfe ging weiter- mit der Zentrale im Wohnzimmer der Familie, was ich einmal miterleben durfte. Ebenso wie die Trauerfeier für den 2016 verstorbenen Rupert Neudeck in einer der großen romanischen Kirchen Köln. Sie war voller Vietnamesen, vom Greis im Rollstuhl bis zum Baby. Wie hätte das Kirchenschiff ausgesehen ohne das Engagement für die „Cap Anamur“? Was ist heute mit der Seenotrettung am Rande Europas? Letztes Jahr sagte Christel Neudeck dem “Stern“: „Das Leben macht mehr Spaß, wenn man Gutes tut. Und nicht nur davon spricht.“

Annelie Keil

Die 1939 geborene Soziologin und Gesundheitswissenschaftlerin hatte keine guten Voraussetzungen für den Start ins Leben: unehelich geboren, fünf Jahre Waisenhaus, die misslungene Flucht mit der Mutter in den Westen. Doch schaffte sie es zu studieren, sich an der Gründung der Universität Bremen zu beteiligen. Eigene Erkrankungen führten zum Forschungsgebiet der Psychosomatik. Doch das ist nur ein kleiner Ausschnitt ihres bunten Lebens, zu dem etwa 2016 ein Buch mit Henning Scherf gehörte: „Das letzte Tabu. Über das Sterben reden und den Abschied leben lernen“. Sie malt, engagiert sich in der Hospizbewegung, betreibt eine Suppenküche und mischte auch einmal einen Gynäkologenkongress mit ihrem Vortrag auf. Da hatte ich mich eingeschlichen. Am besten selbst mal über ihre Webseite streifen: www.anneliekeil.de 

Hertha Kraus

Vor kurzem wurde in der „Märchensiedlung“ des Kölner Vororts Holweide ein „Stolperstein“ eingefügt zur Erinnerung an Dr. Hertha Kraus, die hier einige Jahre gelebt hatte. Sie ist auch eine der 18 Frauen (Heilige mitgezählt neben 106 Männern), die heute als Stein-Skulpturen den restaurierten Kölner Rats-Turm zieren. 1897 geboren arbeitet sie nach dem Studium der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zunächst bei den Quäkern, denen sie sich angeschlossen hatte. Als Oberbürgermeister holte Konrad Adenauer die damals 26-jährige Dr. Kraus nach Köln, wo sie die Leitung des neuen Wohlfahrtsamtes übernahm, sich für verschiedene Einrichtungen engagierte. So ließ die Sozialdemokratin in leerstehenden Kasernen eine Anlage mit Wohnstift, Pflegeheimen und Versorgungseinrichtungen nicht nur für Senior*innen errichten– bis heute existieren die „Riehler Heimstätten“.  1933 musste Hertha Kraus auf Druck der Nationalsozialisten wegen ihrer jüdischen Herkunft die Leitung des Wohlfahrtsamtes abgeben und konnte wenig später in die USA emigrieren, wurde Dozentin und Professorin. Immer wieder reiste sie zu Fortbildungskursen und Vorträgen über amerikanische Sozialarbeit über den großen Teich. 1963 nahm sie an einer US-Mission teil, die zwischen den beiden deutschen Staaten zu vermitteln versuchte, verhandelte dabei auch mit Walter Ulbricht und Willy Brandt. 1968 starb Hertha Kraus in Haverford, Pennsylvania. Wie gerne hätte ich sie kennengelernt!

DIE UNBEUGSAMEN vor der Villa Hammerschmidt – v.l.n.r. Helga Schuchardt, Sabine Gräfin von Nayhauß-Cormons, Christa Nickels, Roswitha Verhülsdonk, Renate Faerber-Husemann, Ursula Männle, Herta Däubler-Gmelin, Ingrid Matthäus-Maier, Renate Hellwig, Marita Blüm, Hannelore Siegel, Monika Wulf-Mathies, Elisabeth Haines, Carola von Braun ©Majestic / AnnetteEtges

Im Film „Die Unbeugsamen“ werden immer wieder Bilder von Kabinettsmitgliedern eingeblendet – „amtstrunken“ nennt sie der Pressetext, jedenfalls fein gemacht ( von wem wohl? ) im schwarzen Anzug und weißem Hemd. Unauffällig ebenfalls in schwarz-weiß irgendwann auch e i n e Ministerin am Tisch. Berührend ist deshalb eine der letzten Einstellungen: die unbeugsamen Protagonistinnen des Films sortieren sich auf der Treppe, auf der sich früher Regierungen nach ihrer Vereidigung in Bonn der Fotograf*innen stellten. Unterschiedlich und kunterbunt ihr Kleidungsstil, überstrahlt von Selbstbewusstsein, Vertrautheit jenseits aller Parteigrenzen und guter Laune.                       CB

„Kein Ring, kein Gold …“

Im zweiten Corona-Jahr ist normal, dass mein wöchentlicher Gesangskurs mit bis zu 18 Menschen im Saal über einem Kindergarten nun eine Zoom-Veranstaltung ist. Immer noch besser als allein bekannte Melodien zu singen oder gar zu verstummen. Also ein neues Lied: „Zeit zu leben“ singen wir Reinhard Mey nach und wünschen uns dabei vor den Schulferien mehr unbeschwertes mit Frikadellen im Biergarten, Schwimmen mit dem Hund in einem Alpen-See und Dösen ohne Blick auf die Uhr im Garten. Jahre vor Corona wurde der Refrain getextet: „Kein Ring, kein Gold, kein Leid. Nichts bleibt, nichts bleibt, nichts bleibt.“

Da blitzt kindlicher Widerstand in mir auf, das stolze Gefühl an Großeltern mit eigenem Ladengeschäft für Schmuck, Uhren, Porzellan, Kristall und durch den Einstieg des Onkels auch Brillen. Mitten im Dorf bei Köln gegenüber der romanischen Kirche kam die fromme Kundschaft auch nach der Messe sonntags durch den Hintereingang und saß bei Kaffee mit uns am großen Tisch in der Wohnküche neben der Werkstatt. Bewegungslos gewordene Uhren kamen in Reparatur, das Goldarmband zur Silberhochzeit wurde einem Tresor entnommen, Wanduhren tickten wieder und ließen sich nach Zahlung unter den Arm packen.

Eine Dreiviertelstunde Busfahrt vom Kölner Vorort war das glitzernde Paradies entfernt, Wochenenden und Ferien dort machten mich zum „Weech“, also der Tochter „vom Ries Mia“. Ihr Ehename interessierte nicht, Meine Mutter brachte mich seit ich drei, vier Jahre alt war zum Linienbus, sie kannte meist den Fahrer. Nur durch den Gang von ihm getrennt konnte ich in der vordersten Sitzreihe mitfahren bis zum Dorf, wo mich die Tante erwartete. Es gab viel zu tun: Porzellan und Glas aus Kisten und Kartons voller Holzwolle befreien. Die Perlen einer gerissenen Kette in der Rinne eines Holzbretts so anordnen, dass die Tante sie nach Geschäftsschluss neu auffädeln und mit Knoten sichern konnte. Ein Fernseher kam erst später.

Vor zwei Jahren ist die Tante, die weit über das reguläre Renteneintrittsalter im Geschäft gearbeitet hatte, gestorben. Bei meinem letzten Besuch im Krankenhaus war sie schon sehr geschwächt. Doch sie griff sie nach dem Ehering an meiner rechten Hand. „Der ist doch echt, ist das Platin?“ flüsterte sie, ganz Fachfrau. Ich musste sie enttäuschen. „Nur Edelstahl mit einem schmalen Goldstreifen in der Mitte.“ Ob sie die Erklärung noch hörte? Mein Mann hat seinen ersten Goldring beim Gestikulieren auf dem Balkon in das Gestrüpp vor einem Motel an der US-Ostküste geschleudert, unabsichtlich. Aus Gold auch die beiden Nachfolge-Ringe, von denen seiner vom kalten Finger ins Meer vor La Gomera rutschte. Ich hatte mehr Glück mit einem verlorenen Saphir-Ring, den ich nicht oft trug. Beim Umschichten des Komposthaufens lag er Monate später völlig unspektakulär auf der Schaufel.

Ein besonderes Foto von der Reise entlang der US-Ostküste. Suche nach einem Ring

Seit über zwanzig Jahren sitzt nun die Edelstahl-Variante der Eheringe unerschütterlich fest an unseren Fingern. Und das, obwohl ich durch den Laden schon als Kind und durch das Vorbild der Großeltern und Tanten eine kritische Distanz zu „Modeschmuck“ hatte. (Einmal abgesehen von einer Zeitspanne ab 12, als nicht nur indische Wickelröcke und -blusen, sondern auch bunte Ketten mit winzigen Perlen chic waren. Schon Jahrzehnte vor allen Influencerinnen hatte ich in Kindergarten und Schule für das Geschäft der Großeltern geworben: Am Pullover für einen goldenen Marienkäfer mit rot emailliertem Panzer, am Handgelenk die erste winzige goldene Uhr. Und gern erzählt wird, dass ich auf den Stufen vor der Ladentür saß und Vorübergehenden die Frage stellte: „Wie wär’s denn mit einer Brille?“

Übrigens, kein, aber auch wirklich kein weibliches Familienmitglied trug Ohrringe. Auch ich hatte Angst vor dem Stechen der Löcher. Denn ab und zu sah ich den „Tick-Tack-Opa“ aus dem Laden in die Werkstatt stürzen und nach der Salmiak-Flasche greifen. Der starke Geruch holte dann ein Mädchen aus der Ohnmacht. Da begleitete ich doch lieber die zierliche

„Tick-Tack-Oma“ mit der großen schwarzen Tasche bei ihrer wöchentlichen „Dienstreise“ per Bus nach Köln.  Dort orderte sie bei den Großhändlern neue Ware – ich schaffte es immer, mich graziös zu bewegen zwischen den niedrigen Ausstellungs-Tischen auf Augenhöhe mit Kristall und Porzellan. Danach der Besuch in einem Café, bevor wir den Bus zurück bestiegen. Und einmal das Einzelexemplar eines rosa Leinenkleids, in dem ich – und später meine Schwester- mich vom Doppelpack identischer Kleider und Kostüme abhob, die meine beiden Cousinen und wir beide zu tragen hatten. Nur einmal ist mir eine schwere Kristallschale voll Sand heruntergefallen. Darin sollten Blumen sicher vor Böen sein. Denn Ende Juni wurde am Altar unter einer alten Linde der Schlussgottesdienst der Dorfprozession gefeiert. Geschimpft hat niemand. es gab mehrere dieser Schalen.

Geerbtes, Verlorenes und Neues

Den Laden gibt es schon Jahrzehnte nicht mehr, geerbte Stücke ruhen ungetragen in Schmuckschatullen. Aber wie gut, dass es auch heute Goldschmiede gibt, die Neues aus vergessenen Erinnerungsstücken.  Ab und zu kommt mir selbst eine Idee:

Die winzigen Diamanten stammen aus einem Ring, den meine Schwester und ich vor unserem Haus gefunden haben und den wir nach einem Jahr im Fundbüro behalten durften. Also Augen auf!

Ketten mit echten Perlen oder Zuchtperlen passen nicht zu mir- es fehlen zum Beispiel die blauen und schwarzen Kostüme. Aber mit dem eingefügten Frosch aus dem Museumsshop in Umbrien, dessen Urform von den Etruskern stammt,  gibt es Gesprächsanlässe auch dann, wenn mich keiner kennt.

Ähnlich – eben kein Dirndl- und Trachtenmoden-Typ- geht es mir mit der Perlenkette der „Tick-Tack-Oma“. In Bad Aussee verschönert eine Künstlerin von der Taufkerze bis zum T-Shirt vieles mit ihren Miniaturen. Der auf einer Hirschhorn-Scheibe porträtierte Hund muss eigentlich bekannt sein.

Übrigens trägt Reinhard Meys Lied aus dem Jahr 2016 einen Titel, der mir sympathischer ist als die Zeilen „Kein Ring, kein Gold, kein Leid. Nichts bleibt…“. Denn der lautet „Es wird Zeit zu leben, endlich Zeit…“ Dem kann ich nur zustimmen, und noch eins:  Schmuckstücke, die ich trage, sind schöne und manchmal auch traurige Erinnerungen an Menschen, Orten und Zeiten. Sonst blieben sie in der Schatulle. CB