Resilienz oder: Pippi Langstrumpf für den Karriere-Schub?

„Wir brauchen mehr resiliente Beschäftigte.“ Diese Aussage eines Chefs hat mich vor einiger Zeit auf die Palme gebracht. Es klang nach unbesiegbaren Heldinnen und Helden in schimmernder Rüstung, die nichts, aber auch gar nichts aus der Fassung bringen kann. Weder Überstunden noch wachsende Berge von Aufgaben. Als beherrschten sie Fachliches ebenso wie Personalführung und brauchten keine zusätzliche Qualifizierung. Im Internet werden inzwischen „Resilienz-Trainings“ für Führungskräfte angeboten, um „systemelastisch“ Teams in stürmischen Zeiten zu den gesetzten Zielen zu führen. Und Resilienz-Coaching lässt sich auch da und dort erlernen. „Kinder stark machen“ ist längst Thema nicht nur einer Reihe von Erziehungsratgebern, sondern auch Programm in Kitas.

Der Begriff Resilienz hat Karriere gemacht. Das englische „resilience“ bedeutet übersetzt Elastizität, Spannkraft und Unverwüstlichkeit. In der Psychologie wird mit Resilienz die Fähigkeit umschrieben, belastende Lebenssituationen ohne dauerhafte Beeinträchtigung zu bestehen. Als Vorbild wird in vielen Veröffentlichungen auf Pippi Langstrumpf verwiesen. Der Seeräuber-Vater der Halbwaisen meldet sich nur sehr sporadisch und muss eher von ihr unterstützt werden. Sie selbst lebt allein in einem großen Haus, muss sich um Pferd und Affen kümmern, kann nicht lesen, schreiben oder rechnen. Und doch schließt sie neue Freundschaften und stellt sich mit Spaß neuen Herausforderungen, die sie kreativ, schlau, mutig und bärenstark zu meistern versteht. Die pure Lebensfreude!

Bis heute geliebt: 1949 erwarb der Verleger Oetinger die deutschen Rechte an „Pippi Langstrumpf“, dem damals in Schweden noch umstrittenen Buch Astrid Lindgrens

2013 wurde das Sachbuch der Wissenschaftsautorin Christina Berndt mit dem Titel „Resilienz- das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft“ zum Bestseller. Vor allem die Ausgangsfrage der ersten Langzeit-Studien aus den 1950er Jahren hat mich fasziniert: warum gelingt es manchen Kindern beruflich und sozial erfolgreich zu sein, „etwas aus sich zu machen“ trotz schwieriger Herkunftssituation, Gewalterfahrungen, Armut, Flucht, Krankheit oder dem Tod naher Angehöriger? „Das Hervorragende des Resilienz-Blickwinkels besteht darin, auch in belasteten, krisenhaften Lebensläufen vorhandene Kompetenzen und Fähigkeiten zu beleuchten statt Defizite und Pathologie, auf die Frage einzugehen, was gesund hält statt auf die Entstehung von Krankheit“, betonte die Diplompsychologin Barbara Schickentanz, bei einer Fachtagung 2008 in Neuwied. So können Menschen, die ein Kind liebevoll unterstützen, eine schwierige Beziehung zur Mutter oder gar deren Abwesenheit kompensieren helfen. „Kinder stark machen“ ist längst Thema nicht nur einer Reihe von Erziehungsratgebern, sondern auch Programm in Kitas.

Wer am ersten Schultag so freundlich begrüßt wird wie hier an einer Kölner Grundschule, kann auf Unterstützung dafür hoffen, stark zu werden

Christina Berndt schildert in ihrem Buch verständlich, wie Erkenntnisse der Forschung über das Umfeld eines Menschen, aus Neurobiologie und Genetik dazu beitragen können, das „Geheimnis“ der Resilienz zu lüften. Und sie zieht Lehren für den Alltag daraus. So wie es erleichternd sein kann, den Blick auf die Kompetenzen und Fähigkeiten zu fokussieren, so ermutigend ist es auch, dass zwar Kinder in den ersten zehn Lebensjahren am besten „Bewältigungspotenzial“ aufbauen. Doch auch Erwachsene könnten ihre Widerstandsfähigkeit noch schulen, meint etwa der Kinder- und Jugendpsychologe Georg Kormann und rät, sich einen resilienten Menschen zum Vorbild zu nehmen.  Den, so Kormann, könne man mit einem Boxer vergleichen, „der im Ring zu Boden geht, angezählt wird, aufsteht und danach seine Taktik grundlegend ändert.“

Ob sich der erwähnte Chef so seine resilienten Mitarbeiter vorstellt oder ob er nur erwartet, dass sie stur weitermachen und nicht jammern? „7 Wege zur Resilienz“ listet Barbara Schickentanz auf: Soziale Kontakte aufbauen, Krisen als Herausforderung sehen, realistische Ziele entwickeln, von der Opferrolle zur Aktivität, Selbstvertrauen aufbauen, Perspektiven entwickeln und Selbstfürsorge. Und sie fasst ihre Erkenntnisse noch kürzer zusammen:

„Suche dir einen Freund und sei anderen ein Freund

Fühle dich für dein Verhalten verantwortlich

Glaube an dich selbst“

Pippi Langstrumpf hätte nicht so wohlgesetzte Worte gefunden. Aber die „Sachensucherin“ wäre auf ihrem „Kleinen Onkel“ mit den Freunden Tommy und Annika neuen Abenteuern entgegengeritten: chaotisch, aber immer freundlich, fürsorglich gegenüber Schwächeren und voller Streitlust gegenüber Erwachsenen. Dieses Vorbild hatte der Chef sicher nicht vor Augen auf der Suche nach resilienten Beschäftigten. Während die Psychologin Schickentanz über Pippi meint: „Eins können wir jedenfalls hier schon einmal lernen: Resiliente Kinder sind nicht immer die einfachsten Gesprächspartner.“ CB

Weiter lesenswert: Christina Berndt „Resilienz Das Geheimnis der psychischen Widerstandskraft“, dtv premium. Mit einigen Selbsttests.

Die Äußerungen von B. Schickentanz stammen aus dem Auswertungsreader einer Fachtagung über Resilienz, veranstaltet 2008 vom „Runden Tisch Rhein-Westerwald“

Frauenzimmer oder: wohin mit den Blumen?

Gänseblümchen und Vergissmeinnicht aus einer verschwitzten Kinderhand, üppige Arrangements der Floristinnen oder eine einzelne Rose – Frauen freuen sich über Blumen, suchen nach der passenden Vase und stehen vor der Frage: wohin mit dem Geschenk, mit meinem Strauß? Ins eigene Zimmer?

In Frankfurt am Main gleich neben dem gerade eröffneten Romantik-Museum habe ich in Goethes Geburtshaus das Zimmer seiner Mutter besichtigt: zierliche Möbel, bequeme Sitzgelegenheiten, wehende Gardinen. Ich stellte mir vor, dass sie dort nicht nur mit Näharbeiten und der Haushaltsplanung beschäftigt war oder Briefe an den berühmter werdenden Sohn schrieb. Hier konnte sie einfach ihren Gedanken nachgehen oder ungestört mit Freundinnen plaudern bei einer Tasse der damals kostbaren Schokolade. Doch gibt es mehr als 200 Jahre nach dem Tod von Catharina Elisabeth Goethe und in Zeiten von Homeoffice genug „Frauenzimmer“? Pläne von Wohnungen und Häusern weisen mitunter „Hauswirtschaftsräume“ aus neben Küche und Kinderzimmern.  Ein Architekt erzählte mir, dass er die Bäder großzügig plane, da sich Frauen gerne dorthin zurückzögen, „um mal hinter sich abschließen zu können“. Was sich auch in den Prospekten der Badgestalter wiederfindet.

Meine Großmutter auf dem Land legte mittags am Küchentisch den Kopf auf die Ellbogen und machte so ein kleines Nickerchen, bevor sie sich wieder hinter die Ladentheke stellte. Lange bevor ich das Wort buchstabieren konnte, wurde die „Chaiselongue“ der anderen Oma in ihrem Wohnzimmer auch zu meinem Rückzugsort, den allerdings nur ein Vorhang von der Wohnküche trennte. Später im neu erbauten Haus endlich das eigene Zimmer! Der Vater bekam einen Raum mit Klappbett und Schreibtisch für seine private Buchführung. Meine Mutter dagegen musste spätestens vor dem Abendessen den Küchentisch von ihren Näh- oder Bügelarbeiten befreien.

„Eine Frau muss Geld und ein eigenes Zimmer haben, um schreiben zu können“. konstatierte die britische Schriftstellerin Virginia Woolf in ihrem 1929 veröffentlichten Essay „Ein eigenes Zimmer“, der auf zwei Vorträgen vor Studentinnen zurückging.  Bei Woolf war es eine Tante, die ihr 1918 auf Lebenszeit 500 Pfund im Jahr hinterließ und damit materielle Sicherheit. Bis dahin, so schreibt sie, hatte „ich mir ein paar Pfund damit verdient, Umschläge zu adressieren, alten Damen vorzulesen, künstliche Blumen anzufertigen…“ und für Zeitungen über „eine Eselschau hier und eine Hochzeit dort zu berichten“.

Die 1986 geborene freie Autorin und Kolumnistin Margarete Stokowski („Untenrum frei“, Die letzten Tage des Patriarchats“, „Das Matriarchat lässt grüßen“) schreibt im Vorwort einer Neuauflage des Essays von Virginia Woolf: „Wenn man laut darüber nachdenkt, was Frauen alles schaffen könnten, wenn sie nicht permanent eingeengt und abgelenkt würden, wird immer jemand kommen und behaupten, eine Künstlerin müsse das alles eben aushalten und übergehen.“ Doch sich als Schriftstellerin gegen Widerstände Grundlagen für den Erfolg wie Handwerkszeug, Vorbilder und Bildung zu erarbeiten, koste Energie und schlicht Geld. Zu optimistisch sei Virginia Woolf gewesen, was das Tempo der Verbesserungen hin zu Gleichstellung angehe. „Auch heute noch werden Bücher von Frauen hauptsächlich von Frauen gelesen, von Kritikerinnen rezensiert, von anderen Autorinnen zitiert. Es tut der Kunst nicht gut, dass es so ist.“ Stokowski betont aber auch: „Jedes Buch, in dem heute eine Frau ihren eigenen Gedanken folgt, öffnet eine Tür für weitere Autorinnen“. Die Begründung hat schon Virginia Woolf geliefert: „Meisterwerke sind keine einzelnen und einsamen Geburten; sie sind das Erzeugnis vieler Jahre gemeinsamen Denkens.“

Doch wohin nun mit dem Blumenstrauß? Ich kenne einige Frauen über 50, die sich ihre Freiräume im Wortsinn zurückerobern, wenn die Berufstätigkeit endet und die Kinderzimmer verwaist sind. Manche Paare machen die überraschende Erfahrung, dass die Spielräume wachsen, wenn jeder den Platz hat „zu sich zu kommen“. Doch bereits kleine Kinder, deren eigene Grenzen respektiert werden, akzeptieren den zeitweisen Rückzug der Eltern. Ein witziges Hinweisschild an der Zimmertür der Mutter signalisiert, dass sie gerade eine Pause vom turbulenten Alltagschaos einlegt oder Ruhe braucht für Pläne, Ideen oder ein inspirierendes „Nickerchen“. Auf dem Tisch oder der Fensterbank der Blumenstrauß. Schöne Aussichten eben.                                                CB                                                                                           

Viriginia Woolf, „Ein eigenes Zimmer“, Essay mit einem Vorwort von Margarete Stokowski, Fischer Taschenbibliothek, 2020, 12€

(Aktualisierter Zeitschriften-Artikel von 2004)

Zwei kurze Geschichten

Schwarze Gedanken

Sommerabend im Vorort auf der Terrasse der Pizzeria. Am Tisch auch unser kenianischer „Patensohn“, ein 19jähriger Kenianer, der vor fünf Jahren nach Deutschland ausreisen durfte. Auch durch die Unterstützung meines Mannes spricht er inzwischen fast perfekt deutsch. Neben und unter dem Tisch „Funny“, der schwarze Mischlingshund mit einem Weimaraner als Vater und der Golden-Retriever-Mutter.

Am Nachbartisch ein „mittelaltes“ Ehepaar, der Mann mustert uns unentwegt. Innerlich bereite ich mich auf einen Wortwechsel vor, in dem es um Rassismus geht und einen ganzen Schwall von Erwiderungen gegen Fremdenfeindlichkeit. Immer mehr vorauseilende Wut macht sich breit. Im wahrsten Sinne des Wortes schlagkräftige Formulierungen suche ich. Nach dem Salat gehe ich ins Restaurant und komme auf dem Rückweg am Tisch der beiden vorbei. Nun dreht sich der Mann auf seinem Stuhl auch noch zu mir und fixiert mich mit seinem Blick: „Was haben Sie für einen hübschen Hund. Ist das ein Mischling? Wir hatten auch einen, der fast genauso aussah. Leider ist er tot.“          CB                                                                                                        

Trauer in Rot

Am Stadtrand der Friedhof mit den hohen Kiefern auf sandigem Untergrund. Am sogenannten „Mauspfad“ befand sich der Rand des Ur-Rhein. Schon in der Eisenzeit entstanden erste Grabfelder. An die Straße grenzt nun ein Stück Friedwald, ganz ohne die üblichen Gestecke und Lichter.

Es ist Mittag. Durch die Kiefernadeln fallen Sonnenstrahlen auf eine gebeugte Gestalt. Vor dem Holzstamm, auf dem er sitzt, hockt ein schwarzer Hund, rückt näher und legt vorsichtig den Kopf auf sein Knie. In Zeitlupe hebt sich ein Arm, die Hand streicht über das Hundefell.

Ich warte auf den verspäteten Bus, als der alte Mann durch das Tor tritt. Er trägt eine Wander-Jacke, deren Rot sich schreiend von den Grün- und Brauntönen des Waldes abhebt. Im Abstand von zwei Metern folgt ihm ohne Leine die Hündin, deren Gesäuge unter dem Bauch schlenkert. Grau ist sie um die Schnauze, hat den Kopf gesenkt. „Der Hund gehörte meiner Frau“, murmelt der Mann zu mir – oder doch zu sich? Langsam gehen die zwei weiter Richtung Parkplatz. Ich bleibe mit der Frage zurück: Gehörte die rote Jacke auch seiner Frau?                                                                       CB                                                                                                        

Habe ich früher Nachrichten formuliert, habe ich mich hier an kleinen Geschichten versucht. In der Hoffnung, dass sie der angeblich kürzer gewordenen Aufmerksamkeitsspanne entsprechen. Als Kind habe ich die Anekdoten in „Das Beste aus Readers Digest“ verschlungen. Aus mir unbekannten Orten in den USA wurden sie von Menschen mit manchmal deutsch klingenden Nachnamen eingeschickt und gedruckt. In den Schul-Lesebücher fanden sich „Kalendergeschichten“ von Johann Peter Hebel wie die vom „Kannitverstan“ oder Bertold Brechts “Geschichten vom Herrn Keuner“. Dazu die Witze und Episoden auf den Rückseiten der Kalenderblätter, die tage- oder wochenweise abgerissen wurden bis zum Silvestertag.

Im 17. und 18.Jahrhundert waren die kurzen Erzählungen in den „Volkskalendern“ neben Bibel und Gesangbuch für viele die einzige Lektüre. Darin fanden sich etwa Wetterregeln, Gesundheitstipps und Kochrezepte.  Wikipedia weiß: „Die zur Steigerung ihres Unterhaltungswerts eingefügten Erzählungen handelten von „merkwürdigen Begebenheiten“ und belustigenden Ereignissen im Alltagsleben der einfachen Leute.“

Alle aufgeführten Kategorien finden sich heute im Smartphone und auf dem Tablet wieder. Und wie im Kalender postet auf Facebook der Bundespräsident an so manchem Gedenktag, erinnert die Supermarkt-Kette an die Kürbis-Ernte und liefert Rezepte, wird vor Autobahn-Baustellen am kommenden Wochenende gewarnt und für eine Tinktur mit Wunder-Kraft geworben.  Nur dass die Aufmerksamkeit der Leserschaft anders als früher mit viel mehr „Posts“ geteilt werden muss als je in Bibel und Gesangbuch früherer Jahrhunderte gepasst hätten.                                                           CB

Vom Wasser und vom Rheinschwimmen

 „Der Sommer war sehr groß“  Teil 2

Machtvoll ist das Wasser und umspielt doch sanft die Füße oder lässt mich auf seinen Wellen schaukeln. Federleicht, manche zentnerschwere Lasten sinkt hinab auf einen gekachelten Beckenboden, auf verschlammte Steine oder ins nirgendwo. Ein mächtiges Gefühl, das Wasser mit Armen und Beinen zu teilen und voranzukommen. Oder die eigenen Grenzen zu spüren, wenn sich die Strömung den Anstrengungen entgegenstemmt. Kinder können im Sommer stundenlang am Bach-Rand hocken, Steine versetzen und mit den Augen der Strömung und den Licht-Reflexen folgen.

Aufzuhalten sind weder das Rinnsal auf der Wiese noch das Meer oder der Regen. Die zerstörerische und mitunter tödliche Kraft des Wassers haben in diesem Sommer viele in Rheinland-Pfalz und NRW erfahren müssen.  Anderswo lässt Trockenheit die Wüste wachsen. Immer neue Weltraum-Missionen suchen auf anderen Planeten nach Spuren von Wasser als Grundvoraussetzung allen Lebens.

Wie schön die Formulierung in der deutschen Sprache, dass sich sowohl Kraft als auch Wasser schöpfen lassen. Doch bedenklich, wie leicht das Wasser verrinnt – wenn das Glas zerbricht und die Staumauer dem Druck nicht mehr standhält. Was Kräfte raubend ist und Vorbilder aus dem Rampenlicht verschwinden lässt, erschöpft im wahrsten Sinne des Wortes.

Selbst schon mal im Rhein geschwommen? Seit Kindertagen prasselten bei allen Spaziergängen den Fluss entlang und bei jedem Panorama-Blick von einer der Kölner Brücken vorbeugend Verbote auf mich nieder. Ich erinnere mich, dass es am Ufer nicht besonders gut roch und seltsame Teile aus dem Schlamm ragten. „Einmal am Rhein und dann zu zweit allein sein…“- der Wunsch des Schunkel-Liedes ließ sich noch während der Schulzeit erfüllen, schließlich lag das Gymnasium in der Nähe des Rheins. Aber darin schwimmen? Nicht nur Eltern, sondern auch Behörden warnten flussauf und flussab vor der Wasserverschmutzung und weiteren Risiken wie der Strömung, dem Schiffsverkehr, der unterschätzten Anstrengung des Schwimmens im Rhein.

Noch 1988 wagte der deutsche Umweltminister Töpfer (CDU) nur im Schutz von Neopren-Anzug und mit Flossen öffentlichkeitswirksam den Sprung in die trüben Fluten bei Mainz.  Ende 1986 hatte bei Basel der Brand eines Chemielagers von Sandoz zum Fischsterben im Rhein geführt, in den tonnenweisen Chemikalien und verseuchtes Löschwasser geflossen waren. „Taten statt Baden“ hieß die Forderung auf einem Greenpeace-Plakat, das Schwimmer Töpfer empfing. Der räumte später ein, der wahre Grund seiner Aktion sei eine verlorene Wette gegen den SPD-Kandidaten im gemeinsamen Wahlkreis gewesen.


Rheinschwimmen in Basel Fotos: Privat

Erst im August letzten Jahres ging mein Wunsch endlich in Erfüllung. Wozu sonst habe ich Frei- und Fahrtenschwimmer geschafft und ab dem Alter von 10 mit zwei Stoff-„Wapperln“ auf den Badeanzügen angeben können? An einem Montag gegen 12 Uhr nutzte ich in Basel die Möglichkeit des „Rheinschwimmens“ – ein offiziell genehmigtes Sommervergnügen, dass sich die Einheimischen und immer mehr Gäste zu tausenden am Wochenende gönnen. Oder werktags in der Mittagspause. In einem um den Bauch gebundenem „Wickelfisch“ aus Kunststoff lassen sich Kleidung und Handy trocken transportieren. Am Kleinbaseler Ufer bin ich ins Wasser und habe mich schwimmend treiben lassen. Etwa ein Drittel des Flusses ist mit Bojen dafür reserviert, jenseits dann der ohnehin nicht allzu rege Schiffsbetrieb. Ausstiege am Ufer, Duschen und der „gastronomische Buvette-Betrieb“ warten auf hungrig gewordene Wasserratten. Ungefähr seit der Jahrtausendwende reichten die Freibäder am Rheinufer den Schwimmfans nicht mehr aus, und die gestiegene Wasserqualität war ein starkes Argument.

Zweifel, dass ich tatsächlich im Rhein geschwommen bin? Schließlich war ich allein im Zug angereist.  Aber einem jungen Paar – beide zu Besuch aus London – hatte ich am Kleinbaseler Ufer einen Zettel mit meiner Mail-Adresse in die Hand gedrückt. „Thanks a lot“. Denn sie haben tatsächlich am nächsten Tag ein paar Fotos vom Rhein mit dem Panorama Basels und mir gepostet. Wie weiter oben zu sehen ist.

Wenn ich jetzt in Köln an seinem Ufer bin, lasse ich „Vater Rhein“ in Ruhe. Nur ab und zu störe ich seinen Fluss, wenn ein Stück Treibholz in die Wellen platscht – und der Hund begeistert das Apportieren übernimmt.                                                                                                                          CB

(In der vorigen Woche ging es im ersten Teil um Sommer-Stress und die Sehnsucht nach vertrauten Orten mit viel Freiraum)

„Der Sommer war sehr groß“ (1)

Mal ehrlich: Was Rainer Maria Rilke in seinem Gedicht „Herbsttag“ konstatiert, kommt uns nur schwer über die Lippen. Dabei ist genügend Impfstoff gegen Corona vorhanden, die eine oder andere Reise konnte gewagt werden, Schwimmbäder waren geöffnet, und die Gärtnereien hatten ein reichhaltiges Angebot für Balkon und Garten. Und doch ist ein erschöpfter Grundton in vielen Gesprächen vernehmbar: zu kalt dieser Sommer, Regentage, die Arbeit, zu viel Unsicherheit. Wird es weiter Tage im Homeoffice geben und Präsenzunterricht in den Schulen? Immer neue Power-Drinks und exotische Super-Beeren versprechen Abhilfe, „intuitives Essen“ muss noch gelernt werden, bevor die Diätbücher in die Papiertonne wandern. Das E-Bike verlangt nach Touren, das Unkraut droht die „Bienen-freundlichen“ Stauden zu überwuchern, vorletzte Grillabende und Picknick-Vorbereitungen rücken im Kalender näher. Seufzer sind fällig angesichts der To-Do-Liste, wo doch die Tage schon kürzer werden.

Ob es an der geographischen Lage liegt, dass hierzulande fast alle versuchen, die Sonnenstunden optimal auszunutzen? In Südeuropa gehen die Menschen verschwenderisch mit dem Sommer um.

Sie halten Siesta, dösen im Schatten, verlangsamen ihre Schritte.

Regungslos die Beine im See und einfach ins Wasser starren, fast stundenlang: Funny im Lungau

Die Sehnsucht, still zu werden und die eigenen Wünsche wieder zu vernehmen, meldet sich auch hier mitten in der Hektik des Alltags und im Freizeit-Stress. Auf der Suche nach mehr Ruhe landen viele dann doch in künstlichen Paradiesen und großen Urlaubszentren – und müssen entdecken, dass der abseits gelegene „Geheimtipp“ aus dem Reiseführer oder der Fernsehsendung jeden Tag noch hunderte andere Urlauber anzieht. Dazu volle Parkplätze und Souvenirs mit einem winzigen Hinweis auf die Herstellung in China – auf der Unterseite eines Gips-Leuchtturms in Spanien, eines hölzernen Segelboots auf Capri oder des Keramik-Seehunds von der Ostsee.

Das Häuschen im Grünen

Es war während einer Wanderung: Wir traten heraus aus dem Wald, vor uns eine Wiese, darin eingebettet ein Dorf. „Hier müsste man leben“, seufzte mein Mann. Jahre später hatten wir rund hundert Kilometer südlich von Köln genau an dieser Stelle ein kleines Haus mit grünen Fensterrahmen. Viele Steine haben wir aus dem Boden klauben müssen, bis Kartoffeln und Sträucher wachsen konnten. Wir freuten uns immer wieder über noch nicht gegangene Wege und Ausblicke rund um das Dorf und den nahen See, der eigentlich ein Fischweiher ist. Und die alte Residenzstadt mit der Buchhandlung.

Unspektakulär diese Gegend, der Westerwald ist nun mal Mittelgebirge. Doch hier verwehte der Wind in kurzer Zeit die Probleme im Beruf und im Leben. Das Haus barg keine alten, schmerzhaften Erinnerungen und bot Platz für Neues. Für andere ist es das Ferienhäuschen, in das sie (fast) jeden Sommer zurückkehren, auf einem Bauernhof das Zimmer mit dicken, schweren Plumeaus auf dem Bett. Oder die Hütte oben am Steilufer eines Meeres. Ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl – ohne den Ballast des Alltags entsteht freier Raum.

„Refugio do Pico“ auf den Azoren: Betont schlichte Ausstattung und doch alles, was man braucht.

Das Häuschen im Westerwald gehört seit über zehn Jahren nicht mehr uns. Es soll zeitweise ein Ehepaar beherbergt haben, dessen Haus abgebrannt war. Aber es gibt die die Hundsrosen-Sträucher, die mitgezogen sind und im milderen Klima des Rheintals noch wilder wachsen.  Und einen Sessel, ein Kochbuch mit Rezepten auch vom Adel der Region … vor allem aber einige Freundschaften und viele Erinnerungen, die „wunderschön“ sind, aber in keiner Sendung mit dieser Bezeichnung jemals auftauchen werden. Privatbesitz eben, für den wir keine Schränke und Koffer brauchen.  CB                               

Zwanzig Jahre Sehnsucht nach der Abwesenheit

Für mich gibt es einen Platz, an dem waren alle dem Himmel näher als irgendwo sonst auf der Welt.

Dort begegneten sich Tag für Tag Menschen jeden Alters und von allen Kontinenten: Im Jahr 2000 sah ich sie auf der 410 Meter hohen Aussichts-Plattform des „World Trade Center“ in New York:

Staunende japanische Kinder und ihre Eltern, die anderen Besuchern eine Kamera in die Hand drückten und sie baten, ein Erinnerungsfoto zu machen.

Orthodoxe Juden in schwarzem Kaftan und mit langen Schläfen-Locken unter dem breitkrempigen Hut wiesen ihren Enkelkindern die Blickrichtung zur Insel der Freiheits-Statue und weit über das Meer. Dort waren sie hergekommen.

Junge, modisch gestylte Chinesen zeigten einem zerbrechlich wirkenden alten Paar offenbar ihre neue Heimat.

Die September-Sonne verlieh allen Gesichtern unabhängig von Herkunft und Hautfarbe einen freundlichen Ausdruck.

Auf dem Dach der Welt, dem „Top of the world“, waren sie alle vereint im Staunen, gingen nebeneinander oder mit Abstand umher.  Die meisten ruhig, als konzentrierten sie ihre Kraft auf das Schauen, emotional angerührt von der Einmaligkeit des Daseins in schwindelnder Höhe. Denn nichts war zu hören, nichts zu spüren von dem Gedränge in den Straßenschluchten tief unten, dem Hupen der Autos, dem Schreien und Schimpfen der Menschen, die schneller vorwärtskommen wollen. Irgendein Ziel gilt es immer zu erreichen nicht nur in Manhattan.

Vor fast 20 Jahren haben die Terroranschläge vom 11. September 2001 mit den Zwillings-Türmen auch die Aussichts-Plattform in den Abgrund gerissen. Die kleine Kirche, in die sich die Bergungskräfte an den Tagen, Wochen und Monaten danach flüchten konnten um Ruhe zu finden, wurde jahrelang zu einer rührenden, weil improvisierten Gedenk-Stätte mit Kinderzeichnungen, Bitten und Gebeten.  Heute erinnern zwei riesige Wasserbecken an den Standort der beiden Türme. „Reflecting Absence“ – was für ein tiefsinniger Name.

Mit der Bezeichnung des neu zu errichtendem Gebäude tat sich die Stadt schwerer. Bis 2009 kursierte der Name „Freedom Tower“. Doch das sei den Behörden zu emotional gewesen, habe ich nachgelesen. Jetzt windet sich das metallische „One World Trade Center“ mit seinen scharfen Kanten in die Höhe. Natürlich mit einer Aussichts-Plattform in 381 Metern Höhe.

Wenn sich um 9/11 wieder die Bilder der einstürzenden Türme verbreiten, löst das jedes Mal Entsetzen in mir aus. Aber es bleibt auch nach zwanzig Jahren die leise und nicht auszulöschende Sehnsucht nach dieser für immer verschwundenen Plattform, auf der ich der Weite der Welt so nahe war wie sonst nie. Durch die Menschen, die dort oben zusammen mit uns waren: jede und jeder einzigartig.                   CB

Foto: Joachim Heine

Das Alltägliche ist das Unglaubliche…

… in diesen oft unerträglich erscheinenden Tagen der Katastrophen:  Hochwasserschäden, Klimaerwärmung, die gefährdeten Menschen in Afghanistan, die Trägheit des politischen Lebens hierzulande und das dumpf-drohende Stichwort “2015“*). Trotzdem blühen Sonnenblumen neben verwüsteten Häusern, fallen die ersten reifen Äpfel vom Baum, enden die Sommerferien.

Siesta im August

Die Balkone hängen träge

in der stehenden Luft

Das Laub der Bäume hält still

für einen unsichtbaren Maler

Die Blüten verharren

mit starrem Blick in die Sonne

Der Atem verlangsamt sich

im ruhenden Körper

eine Stunde Ruhe

vor den Wolken der Gedanken

vor dem Wirbel der Termine

vor dem Sturm der Ängste

vor der Unruhe jeden Lebens.

Christel Boßbach

*) Naive-Frage: Wer, der hierzulande bereits als Bürger*in lebte, hatte eigentlich ein einziges Butterbrot weniger im Jahr 2015?

Foto: Umbrien/ Joachim Heine

Afghanistan, die Frauen und ein Fernsehtipp

Eine Bemerkung vorab: Schwer ins Wanken geraten ist mein Vorsatz, durch den „Zettelskrom“-Blog keine besserwisserischen Ansichten zu vertreten oder Kontroversen weiter anzufeuern. Aber Schweigen ist auch falsch angesichts der Bilder der sich drängenden Menschen auf dem Flughafen von Kabul, dem Eingeständnis einer falschen Einschätzung der Lage und dem angeblich bereits monatelangen Arbeiten an Verfahren zur Evakuierung gefährdeter afghanischer Ortskräfte (Auswärtiges Amt am 16.8.2021).

Ein Déja Vu: die Forderungen von EU-Politiker*innen, den Menschen in Afghanistan ein Leben in Sicherheit und Würde zu ermöglichen. Die Rechte der Frauen seien zu schützen. So schon gehört vor 20 Jahren – nach den Anschlägen vom 11. September. Das klang positiv und ermutigend bei allem Kriegslärm. Ich erinnere mich an Berichte über Schulen für Mädchen, die erste Fahrschule für Frauen und nicht zu vergessen Porträts mutiger Politikerinnen und Kooperationen mit Hilfsorganisationen. Prominente Frauen hierzulande starteten Spenden-Aktionen. In den Jahren danach einzelne verstörende Nachrichten über Anschläge auf Frauenrechtlerinnen. So gut wie nichts mehr über den Alltag der afghanischen Flüchtlinge im benachbarten Pakistan, über die Koranschulen, die sich für zuständig hielten, Bildung zu vermitteln.

„Afghanistan. Unser verwundetes Land“ – dieser 90-minütige Dokumentarfilm von 2020 entfaltet mit Archiv-Material, das bis in die 1970er-Jahre reicht, die Vielfalt des Lebens zwischen Moderne -Hippies und Modenschauen in Kabul- und Tradition in den ländlichen Gebieten. Die erste afghanische Frauenministerin kommt zu Wort, eine Ärztin und „Miss Afghanistan“. Es geht um die Vielfalt der Schicksale afghanischer Frauen. Was ich wegen ihrer jahrzehntelangen Leidensgeschichten auch für ein Stück ausgleichende Gerechtigkeit halte.

Sendetermin z.B. NDR in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch, 18.August 2021, 0:00 bis 1:30 Uhr

und in der 3Sat-Mediathek. Noch ausführlicher – und mit mehr männlichen Protagonisten –  der Vierteiler „Afghanistan. Das verwundete Land“, ebenfalls von NDR und Arte koproduziert. Aus aktuellem Anlass derzeit in verschiedenen Programmen.

Witwe vor den von den Taliban zerstörten Villen in Kabul.                                    (c)U.Meissner/Kabul 2001

Das Foto aus dem Jahr 2001 hat mir Ursula Meissner zur Verfügung gestellt, die seit Jahrzehnten auch in Afghanistan arbeitet. Sie nennt sich auch „Kriegsfotografin“ und ist überzeugt, dass trotz der Flut der Fotos manchmal ein Bild, ein einzelnes Gesicht die ganze Geschichte eines Konflikts erzählen kann.

Nein, in Afghanistan war ich selbst nie. Aber habe am 21.März 1986 in Paris das afghanische Neujahrstag, Nauruz, feiern dürfen. Ein afghanischer Student hatte eine polnische Freundin aus dem Sprachkurs und mich eingeladen dazu. Es war fröhlich, laut und etwas anstrengend, was an meinem Französisch lag. Einmal hat der Student auch für uns gekocht in der wohl repräsentativeren Wohnung eines Bekannten. Der Kamin im Wohnzimmer diente als Grill für das Kaninchen, im Reis verbargen sich Rosinen.
Heute stammt mein Internist im Kölner Vorort aus Afghanistan. In Kabul hat er das deutsche Realgymnasium besucht bevor er zum Studium hierherkam. Er gehört zur Minderheit der Hindus in Afghanistan, was schon wieder eine andere Geschichte ist…

Fundsache: Was ich dir wünsche

Im „Zettelskrom“ habe ich diese Wunsch-Liste entdeckt, geschrieben als das Patenkind 18 wurde. Inzwischen denke ich: der Anlass, das Datum, das Alter – ist das alles nicht völlig egal? Wie lang sähe so eine Liste meiner über 90jährigen Tante aus? Gibt es eine Hierarchie erfüllter – und eben auch unerfüllter – Wünsche im Rückblick auf ein Leben?

  • Immer Gummistiefel und ein feines Kleid in Koffer oder Schrank.
  • Ein Päckchen Pflaster und Aufmerksamkeit andere zu trösten.
  • Bilder im Kopf von überstandenen Schwierigkeiten und plötzlichem Glück.
  • Die Gabe zu Lach-Anfällen über Kleinigkeiten.
  • Einen Menschen, der auf eine Bitte oder Nachricht reagiert.
  • Freie Hände zu greifen oder zu schenken.
  • Eine warme Decke für dich selbst.
  • Den Geschmack des Guten auf der Zunge, aufregend fremd oder tröstlich vertraut.
  • Schuhe für bergige Strecken und auch ein Paar zum Tanzen.
  • Flüstern, Singen, Schreien, um gehört zu werden von anderen.
  • Die eigenen Atemzüge als Lebenszeichen zu schätzen und die Ruhe dazwischen.
  • Immer genug Wörter für den Versuch, einen Moment Wirklichkeit zu fassen.
  • Mut, der Fantasie nachzulaufen und einzelne Ideen zu fangen.
  • Offene Ohren mit Filtern für das, was dir egal sein kann.
  • Eine Kiste, um Bedenken einzupacken und loszugehen.
  • Den offenen Blick zwischen Buchdeckel, hinter Türen und um die Ecken.
  • Die Kraft, nach jedem Stolpern wieder aufzustehen.
  • Einen wachsenden Stapel Erinnerungen, um weiter und näher sehen zu können.

Nicht gemeint habe ich solche Wünsche wie den, einmal Karneval im Funkemariechen-Kostüm auf einer Bühne durch die Luft gewirbelt zu werden und sicher zu landen. Oder unfallfrei über eine Eisfläche zu gleiten, was heute nur noch mit einem Kunststoff-Pinguin zum Festhalten funktionieren könnte (dazu passt Ziffer 4). Da bleibt nur ein Achselzucken beim Blick zurück auf die eigene Kindheit und die Hoffnung, dass möglichst viele Kinder heute so etwas unfallfrei erleben können. Wenn es denn ihre eigenen Wünsche sind und nicht die anderer.

Ich fürchte ohnehin, meine Wünsche und damit meine Erwartungen ans Leben sehen morgen schon wieder anders aus als heute oder gestern oder übermorgen. Auch „Querschlägern“ wie Missverständnissen, Wut, Empörung und Traurigkeit lässt sich nicht immer ausweichen. Alles kann eben passieren an 365 Tagen im Jahr.          CB                                                                

Outdoor und maßgeschneidert

Mein Kleiderschrank ist nie so voll wie die Waschmaschine, deren Tür sich nur mit rückwärtigem Körper-Einsatz schließen lässt. Ich weiß, wann es Zeit ist, auszusortieren, den Oxfam-Laden zu beliefern oder nähende Neu-Großmütter mit Stoffresten zu inspirieren. 

Neben den weißen Blusen ein glänzender Gehrock mit Meereswogen als Fotoprint – der Entwurf soll noch von Yves Saint Laurent sein. Sagte die Designerin, bei der ich landete, nachdem ich mit dem Hund aus dem Wald gekommen und ins Stadtzentrum gefahren war. Im Maß-Atelier besann sich der Hund sofort auf seine (halbe) Weimaraner-Abstammung und drapierte sich vor dem großen Ledersofa auf einen Teppich. Ich schälte mich zum Maßnehmen aus meiner Wanderjacke und der Outdoor-Hose mit den Taschen, in die auch fettendes Trockenfutter passt. Das akzeptiert der Hund seit Welpentagen als Belohnung. Während sich andere in der Hundeschule nur noch mit Trockenfleisch von Strauß oder Känguru zu “Sitz” und “Bleib” herabließen.

Wieder einmal geht es um den Hund – dabei will ich doch spontan, um keine Zweifel zu bekommen, einen Gehrock kaufen, der passt. Maßgeschneidert wurde für mich zuletzt ein kariertes Kleid. Mit vier stand ich dafür auf dem Küchentisch einer Schneiderin im Dorf der Großeltern. Um starr stehen zu bleiben, durfte ich fernsehen. Wohl zum ersten Mal überhaupt. Zu sehen war ein Kamel, das in der Wüste zu verdursten droht. Heute frage ich mich, ob mein Bild-Gedächtnis nicht neu formatiert werden muss.

Maßgeschneidert wird auch das “Servietten-Kleides” sein. Für mich Inbegriff einer Welt, die jenseits des Alltags ihre Pracht entfaltet. Spöttisch soll die Bezeichnung sein, um meine Bewunderung für diese schmalen, ärmellosen Cocktailkleider herunterzuspielen. Ewige Göttin dieses Kleiderschnitts ist und bleibt Audrey Hepburn.  Gäbe es Zeitsprünge zurück, hätten dagegen meine kräftigen Oberarme der bergischen Großmutter sicher den Waschtag erleichtert. Jetzt soll sie der Gehrock bedecken. Die Designerin meint, Sneaker und ein langärmeliges Ringelshirt würden auch das Kleid „alltagstauglich“ machen.

Das passt wieder zu mir. Ich leiste die Anzahlung, während sich gerade zwei kleine Mädchen beim Anblick des Hundes die Nasen am Schaufenster plattdrücken. Wer wie ich Anfang der 1970-er Jahre den Abschluss-Ball der Tanzschule in Marlene-Hose und Bluse mit schwarz-weißen Satinstreifen hinter sich brachte, hat wohl lebenslang die Chance verwirkt, mit bodenlangem wehendem Kleid über Parkett oder Linoleum zu schweben. Der Anlass meines Ausflugs in die Couture-Welt: der Abitur-Ball des Patenkindes im Bergischen Land. Die Sporthalle einer Schule soll nun Ball-Saal sein.

Der Hund bleibt zuhause. Die Hitze des Sommers 2018 verursacht nur beim Anblick des Gehrocks Schweiß-Ausbrüche auf der Fahrt – im Rückspiegel stoische Kühe auf gelb verbrannten Wiesen und strampelnde e-Bike-Rentner. Die als elegant verkauften Sandalen schmerzen schon beim Tritt auf das Gas-Pedale. Begrüßung durch die Abiturientin im hellen Mini-Kleid, durch ihrer Eltern und Geschwister. Dann sitze ich im VW-Bus. In den Kurven muss ich eine Schüssel mit roter Grütze austarieren. Die Desserts für das Büfett werden mitgebracht – eine Sparmaßnahme des Organisationskomitees.

Der Gehrock bleibt ungetragen über der Stuhllehne hängen. Tanzen wird zur Folter in den Sandalen. Sympathisch, dass die Abiturientinnen nach dem Ball die Sneaker auspackten, um die Nacht durchzumachen. Die Patentante nutzt Kuli und Notizblock nicht. Dabei wäre sie lieber Beobachterin und schriebe über Erleichterung und Ängste, Pläne und Träume an diesem Abend, der Ende der Schulzeit und zugleich Anfang ist.

Inzwischen arbeitet das Patenkind an seinem Bachelor-Abschluss und hat in Corona-Zeiten viel mehr Zeit in Online-Kursen als in der Hochschule verbracht. Nicht nur mit Bedauern, denn das Notebook lässt auch im Semester Mitarbeit und zugleich Ortswechsel bis hin zu Auslands-Aufenthalten zu.

Der Gehrock passt noch, ich habe ihn heute anprobiert und wieder in den Kleiderschrank gehangen, wo er weiter auf seinen ersten Auftritt wartet. Funny, inzwischen mit grauer Schnauze, bevorzugt ohnehin die wetterfeste Jacke und die Wanderhosen mit den Taschen.  Sie rempelt mich an und wirft mir die Leine vor die Füße. Endlich raus, Abenteuer mit Matsch und Pfützen warten auf uns. Und Ferientage am Meer. Das Leben ist zu kurz, es bei Wellen als Foto-Print zu belassen. CB