Schön und klug – über Komplimente via Facebook

Heute früh am Frühstückstisch. Der Gatte liest die Zeitung und regt sich auf, dass der Krieg in der Ukraine mit all seinen Grausamkeiten weitergeht und das Waffenarsenal der Bundeswehr in traurigem Zustand ist. Ich frage mich, ob die bisherige Verteidigungsministerin mit Zapfenstreich verabschiedet werden wird und ob sie sich einen Song wünschen darf.  Also poste ich die Frage auf Facebook. Mit der Einstellung „Freunde“. Da ploppt ein unbekanntes Männergesicht mit einem Namen auf, der mir nichts sagt, bezieht sich auf einen vor Monaten von mir geposteten Kommentar zu einem FB-Eintrag des Bundespräsidenten. Der Unbekannte hat angeblich in den drei Zeilen und dem Foto meine Klugheit und Schönheit erkannt und wünscht sich nach einigen weiteren schmeichelhaften Bemerkungen mit mir in Kontakt zu treten.

Das Foto und ein weiteres beim Anklicken seines Profils erfüllen Frauen-Sehnsüchte: Graumeliert, chic, aber nicht zu förmlich oder sportlich gekleidet. Er ist Pierce Brosnan (69) wie aus dem Gesicht geschnitten, der 2001 immerhin „sexiest Man Alive“ war und jetzt mit Julia Roberts Filme dreht. Und der im wahren Leben nichts auf seine gewichtige Frau kommen lässt. (Quelle: meine Friseurbesuche mit viel Zeit für Fach-Lektüre beim Strähnchen-Trocknen.) Mein Waage-Status tut hier nichts zur Sache.

Männer lassen sich auch einfach googeln

Ein zweites Foto zeigt den FB-Verehrer in einem Männer-Mode-Laden. Auch das trifft offenbar Frauen-Sehnsüchte. Nur ist der eigene Gatte keiner, der starr zwischen den Kleiderstangen verharrt, während das Verkaufspersonal mich als Partnerin fragt, welche Größe er denn habe und für welchen Anlass der Kauf gedacht sei.

Kein Bedarf, auch die journalistische Neugierde hält sich in Grenzen. Auch nicht, warum der Doppelgänger dieses FB-Synonym gewählt hat. Blockiert. Im Kopf den ein oder anderen Schlager als Vorschlag für den Zapfenstreich: „Hello Again“ – besser nicht, „Where have all the flowers gone“ – in der Blasorchester-Version? – „Männer weinen heimlich“ oder „Männer sind Schweine“ – ich weiß nicht. „Time to say Goodbye“.    CB

Philomena Franz – eine Sintiza mit Blütenzweig im Herzen

Neues Jahr, neue Ideen für den Zettelskrom. Zum Beispiel mehr über die tollen Frauen zu schreiben, denen ich begegnen durfte. Wie Philomena Franz, die am 28.Dezember in Rösrath bei Köln im Alter von 100 Jahren gestorben ist.  Sie war 62 als ich sie dort traf:  in ihrem Gesicht spiegelten sich Trauer und Wut, aber es konnte unvermittelt auch ein Lächeln hervorbrechen. Die Auschwitz-Überlebende stellte damals ihre Autobiographie vor: „Zwischen Liebe und Hass – ein Zigeunerleben“. Das Titelbild der ersten Ausgabe zeigte einen Planwagen, der von einem Pferd gezogen wird. Damit wird nur eines der vielen Klischees über eine Minderheit bedient, die heute auch vom Zentralrat Deutscher Sinti und Roma vertreten wird. Deren Vorsitzender Rose erklärte, Philomena Franz habe sich nie mit der fehlenden Anerkennung des Unrechts abgefunden. Ihrem Wirken um Versöhnung und Verständigung gehöre unser aller Respekt.

Kulturstaatsministerin Claudia Roth würdigte Franz als unermüdliche Kämpferin für das Gedenken an die NS-Opfer. Als eine der ersten habe die Sintiza in den 1970er Jahren ihre Stimme erhoben und öffentlich über ihre Erfahrungen in den Konzentrationslagern besprochen. Dass Philomena Franz in den kommenden Jahrzehnten zur Zeitzeugin und Autorin werden sollte, hatte seinen Ursprung in der Diskriminierung ihres ältesten Sohnes in einer Kölner Schule, der als „dreckiger Zigeuner“ beschimpft worden war. Als Gegenmaßnahme und um Verständnis zu wecken verfasste und erzählte sie „Zigeunermärchen“ für Kinder, die 1982 auch als Buch erschienen. 1985 dann ihre Autobiographie. „Ich musste über meine Leiden sprechen. So ist es zu verstehen, dass ich gesagt habe, ich habe dieses Manuskript unter Tränen und auf den Knien geschrieben“.

Das Grauen hatte sich langsam gesteigert für die renommierte Sinti-Musikerfamilie. Der Vater Cellist, die Mutter Sängerin. Philomena erinnert sich, wie sie als siebenjährige Tänzerin und Sängerin auftrat. Es gab Engagements in der Liederhalle Stuttgart, dem Lido in Paris. Doch 1938 musste Philomena die Mädchenoberschule in Stuttgart verlassen wegen ihrer „rassischen“ Zugehörigkeit. Im Jahr danach der „Festsetzungserlass“, statt Auftritten nun Arbeitseinsätze und Deportation. Unter ihrem Mädchennamen Philomena Köhler wird sie 1944 im „Zigeunerlager Auschwitz-Birkenau“ registriert, dann Ravensbrück. Im Buch schildert sie auch, wer ihr half, wie ihr die Flucht gelingt, sie bei Kriegsende neue Ausweispapiere erhält. „Erst sehr viel später erfahre ich, dass fast meine ganze Familie ins Gas geschickt wurde.“– Nach dem „Nullpunkt“ tritt Philomena als Sängerin amerikanischer Schlager auf – mit ihrem späteren Mann und ihrem Bruder, einem Jazz-Geiger. Die Gruppe spielt für General Eisenhower und General de Gaulle. 1946 wurde die erste Tochter geboren, vier Söhne sollten folgen.

Übrigens:  Ihr Zigeunerwagen „war nicht ein Leiterwagen mit einer Plane. Schon eher ein Wohnwagen“, schreibt Philomena Franz über ihre Kindheit. „Acht Meter lang und 2,50 Meter breit. Damals hatte er schon 2000 Mark gekostet. So viel Geld musste man für ein Haus bezahlen…Im Schrank das schönste Porzellan und Geschirr.“ Vier Pferde zogen den Wagen. Den Winter verbrachte die Familie in Rohrbach, später in einem größeren Haus in Bad Cannstatt. Nach dem Krieg schliefen sie auf Matratzen in einem Ami-Schlitten, in Herbst und Winter bat Philomena Franz bei Fremden darum, eine Nacht in der Küche die Betten aufzuschlagen. Bis ihnen 1954 in Köln eine Polin, deren Mann Deutscher und Kohlenhändler war, im Hof eine Waschküche anbot. Ofen, Sofa, später ein Herd- „Jetzt waren wir natürlich erst einmal Menschen“. 1960 erst erhält Philomena Franz die erste Haftentschädigung. Sie leidet an Angstzuständen und Depressionen und ist doch überzeugt: „Wenn wir hassen, verlieren wir.“ Auch im hohen Alter habe sie noch unermüdlich für Versöhnung und interkulturelles Miteinander gekämpft, meint Bergisch Gladbachs Bürgermeister Stein. Das drückt auch der Titel ihres schmalen Gedichtbandes aus: „Tragen wir einen Blütenzweig im Herzen, so wird sich immer wieder ein Singvogel darauf niederlassen.“

Aktuelle Hinweise auf die Bücher von Philomena Franz finden sich in ihrem Wikipedia-Eintrag

Klischee als Blickfang. Titel des 1985 erschienenen Taschenbuches

Von alten Adressbüchern

Die letzten Tage vor Heiligabend habe ich von den Weihnachtsplänen anderer gehört: vom Besuch mit erstem Enkelkind oder der Patchwork-Geschwister, der betagte Oma, die unbedingt helfen will. Traurigkeit droht trotz Mann, der sich diesmal als Bastler betätigt, und dem bereits bekannten fröhlichen Hund Funny. Hinzu kommt, dass ich die Telefonnummern eines Freundes nicht fand, dessen Vater gerade gestorben ist. In der „Tagesschau“ Bilder der Zerstörung in der Ukraine, Hoffnung auf ein baldiges Ende der Kämpfe lässt sich nur mühsam aufrechterhalten. Drohnen statt Engeln, die vom Frieden singen.

Die Suche nach den Telefonnummern in meinen alten Adressbüchern. Fülle tut sich auf von Namen und Orten, die sich angesammelt haben. Einige Kontakte überdauerten die Zeitläufte (ich liebe dieses Wort), andere waren intensiv, gingen aber verloren, neue Annäherungen sorgen für Entdeckungen. Verlässliche Verbindungen sorgen für Hilfe in Notlagen. Dankbarkeit löst den Rest Traurigkeit ab, wenn ich mir alle diese Menschen zusammen vorstelle, wie wir unterwegs sind oder waren. Wie ihre Verschiedenheit mich bereichert.

Den Flüchtlingen fehlen solche Vertrautheit und die Heimat. Überall aber können neue Verbindungen entstehen. Da beginnen für mich in diesem Jahr die Hoffnungs-Geschichten.  Und wenn ich schon einmal dabei bin, ein Spruch aus Westafrika an die eigene Adresse, wenn 2023 die Kritikerin hervorkommt: „Fehler sind wie Berge. Man steht auf dem Gipfel seiner eigenen und redet über die anderen.“

Ein zerbrechlicher Stern, vor Jahren mitgebracht aus Bethlehem.

EUCH UND IHNEN EIN FROHES WEIHNACHTSFEST UND EIN FRIEDLICHES UND GESUNDES NEUES JAHR!

Christel Boßbach

Friedliche Erinnerungen an fremde Zimmer

Morgens ist die Straße nass, Kälte unter der dick gefütterten Jacke beim Rundgang mit dem Hund. Hinter der Kaffeetasse und dem Fenster türmen sich Wolkenberge in verschiedenen Schattierungen. An kahlen Ästen klammern sich einzelne Blätter fest. „Mach dir warme Gedanken“ – wer hat mir das als Kind so eindringlich gesagt, dass es mir jetzt einfällt wie Wasserkocher, Thermo-Wäsche, Wollsocken und Mütze?

winterliches Gleis-Ende im Bergischen Land

Vor kurzem hat ein Freund nach Tagen in Paris ein winterliches Foto des Seine-Ufers gepostet und damit eine Kette von Erinnerungen ausgelöst:

Eine Dezember-Nacht in Paris. Als Redakteurin habe ich mit 28 für ein Stipendium nur einen Platz in einem Dreibettzimmer im 7. Arrondissement bekommen. Eigentlich ein Studentinnen-Wohnheim. Mitten in der Nacht wache ich auf. Fremde Stille. Hinter dem Vorhang die Erklärung: es schneit dicke weiße Flocken, die sich feierlich auf dem Trottoir sammeln. Nach ein paar Minuten Rufe, Lachen, Knirschen – eine Schneeballschlacht vor dem Kiosk, der -fast- rund um die Uhr geöffnet hat.

März in Bernried am Starnberger See. Eine Woche Seminar vor der Handy-Zeit: das Zimmer mit Bett, Tisch und Stuhl, Waschbecken. Schlichte Klarheit im Kloster. Während draußen sich Frost und Sonne vor der Kulisse von See und Bergen ein altes Spiel liefern. Die ersten grünen Pflanzenspitzen wagen sich heraus, um dann wieder unter einer Schneedecke begraben zu werden. Bis warme Strahlen sie befreien – und die Schuhe im Matsch versinken.

Mai in Grainau an der Zugspitze. Zimmer auf einem Bauernhof. Dunkelbraune Holzläden vor dem Sprossenfenster. Keine Heizung. Auf dem Bett türmen sich die „Plumeaus“ und versenken mich in Tiefschlaf. Morgens dann sonnenbeschienen die große Wiese übersät mit blühenden Kräutern, die nicht als Unkraut gelten. Inzwischen sind schwere Bettdecken zu „therapeutischen Zwecken“ im Netz zu finden und manchmal beim Discounter.

Juni auf Samos.  Das Hotelzimmer schlicht möbliert, die azurblau gestrichene Sprossentür zum schmalen Balkon, die wegen der Hitze meist geöffnet ist. Trotz der Mücken. Der Geruch von Thymian und die wandernden Sonnenstreifen auf den weißen Wänden löschen langsam die Bilder des hastigen Aufbruchs zum Flughafen, die zurückgelassenen Telefon- und To-Do-Listen. Was übrig bleibt vom Alltag versinkt im Meer oder lässt sich im Sand verbuddeln.

„Mach dir warme Gedanken“ – es muss eine Empfehlung der Oma gewesen sein angesichts der Eisblumen auf den Fensterscheiben des Schlafzimmers und der Toilette gleich neben der Hoftür.  Warme Gedanken dürfen auch Erinnerungen sein. In diesem Winter gut zu kombinieren mit dem Adjektiv „friedlich“. CB                                                                                                                                     

in der Wärme liegt die Kraft

30 Minuten Ausleihe in der lebendigen Bibliothek

Die Auswahl im Kölner Vorort Mülheim ist breit gefächert an diesem Samstagmorgen. Ich studiere die ausliegenden „Buchtitel“, die eigentlich nur ein Blatt sind, und entscheide mich für „Zuflucht“.  Im „Klappentext“ auf der Rückseite des Blattes ist zu lesen, dass es um Flucht, Bedrohung und den Versuch geht, in der Fremde anzukommen. Für meine „Ausleihe“ habe ich eine halbe Stunde Zeit erfahre ich von Lisa Reitz, die erzählt: „Vor circa einem Jahr hatte ich die Idee, die Living Library auch in Köln zu veranstalten.“ Sie habe einen entsprechenden Projektantrag gestellt und erreicht, dass drei Veranstaltungen in der Stadt durchgeführt werden. Das hier ist eine Premiere.

Jetzt fungiert die Initiatorin als Bibliothekarin der anderen Art, platziert eine Eieruhr mit der eingestellten Zeit auf dem „Zuflucht“-Blatt und führt mich im Saal zu einem Tisch, an dem bereits ein junger Mann sitzt. Lächelnd, dunkelhaarig, modische Lederjacke. Neugierige Blicke hin und her, als wir uns mit Namen vorstellen, gleich beim Du sind. Schnell erfahre ich: der junge Syrer kurdischer Abstammung studierte zu Kriegsbeginn in Aleppo. Floh dann in die Türkei, um seinen Master als Englisch-Übersetzer/ Dolmetscher zu machen. Doch auch dort ist er nicht willkommen, gelangt schließlich nach Deutschland und lebt nun in Köln.

Es wird eine intensive Begegnung zwischen zwei Menschen, die sich sonst wohl nicht über den Weg laufen würden – mit 2 Minuten „Überziehen“ bei der Ausleihe. Wir loten Szenarien aus, fragen uns, ob es „deutsch“ ist, Neugierde schamhaft zu verbergen, statt das Gegenüber direkt zu fragen. Mit Humor wälzen wir die Überlegung hin und her, ob in Kneipen Alkohol leichter die Zunge löst, aber auch für schnelles Vergessen sorgt. Seine Sehnsucht: endlich einmal nach den eigenen Vorstellungen leben können. Wie er heißt, möchte ich hier nicht schreiben. Nach dem Lesen fotografiere ich ja auch kein Buch zur Erinnerung.

Der Tisch mit dem kleinen Blumenstrauß zwischen uns trägt dazu bei, sich im Dialog zu begegnen. Es ist eben kein Amts-Schalter, keine Warteschlange, kein Gedränge oder ein digitales Statement, das in den „sozialen“ Medien harsche Reaktionen auslösen könnte. Eher so, als hätte ich mich allein mit einem Buch, das aber lebend ist, in einen sicheren Raum zurückgezogen und mich auf den Inhalt konzentriert. Dabei sitzen an Tischen um uns herum andere lebendige „Bücher“ mit ihren Leserinnen oder Lesern.

Wie fand Lisa Reitz eigentlich die so unterschiedlichen Menschen? „Da kennt jemand jemanden, der jemand kennt“, fasst Lisa Reitz ihre Suche über Bekannte, auf Veranstaltungen, mit „Anzeigen“ auch auf Facebook zusammen. Und wie erlebte sie die vierstündige Leseaktion? „Ich bin sehr, sehr glücklich, zufrieden und ein bisschen erschöpft, da es eine intensive Vorbereitung war. Heute ist der Auftakt, und ich freue mich total, dass die Living Library so gut besucht wird und die Menschen schöne Begegnungen haben.“ Jedenfalls habe sie große Lust, das Projekt der Living Library Köln auch im nächsten Jahr fortzuführen. *)

Übrigens geht die Living Library, die zunächst „Human Library“ hieß, zurück auf eine Initiative dänischer Jugendlicher gegen Gewalt und Vorurteile in den 1990er Jahre. Es gibt nicht den Verein, die Stiftung, den Sponsor. Doch im Internet zeigt sich, wie das Konzept bis heute immer wieder aufgegriffen wird in verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Anlässen.  

Nach meiner Lektüre verzichte ich auf eine weitere Ausleihe, bin ganz in Gedanken merke, dass darin auch das Wort Danken steckt. Für eine besondere Begegnung. Wozu auch das Motto passt, das ich in einem der Texte über die „Living Library“ fand: „A stranger is a friend you haven’t met yet“. CB

*) Wer Interesse an der Living Library Köln hat, kann sich an folgende Mail-Adresse wenden: livinglibrary.koeln@posteo.de . Geplant ist ein Newsletter, und nach neuen “Büchern“ wird auch gesucht, um den Katalog zu erweitern.

Erinnerungen für die Zukunft

Klimakonferenz, US-Zwischenwahlen, der Krieg gegen die Ukraine… dazu heute früh noch die Erinnerung an die Reichspogrom-Nacht am 9 November 1938. In der „Süddeutschen Zeitung“ warnt der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Schuster, die Erinnerung an die Gräuel der Nazi-Zeit zu verdrängen. 49 Prozent der Deutschen wollten einer Umfrage zufolge einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit ziehen. Seine Empfehlung: sich mit Holocaust-Überlebenden zusammenzusetzen. Bald werde es keine Zeitzeugen mehr geben, was das „verantwortungsbewusste Erinnern nicht leichter“ mache.

Zerstörte Zeit – die Uhr als Mahnung.  Foto: Maximilian-Kolbe-Werk
 

„Erinnerungen in die Zukunft“ habe ich 1995, also 50 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs eine kleine Serie überschrieben. Hier ein Auszug aus

„Die Schuhe“

Die Schuhe mussten sie ausziehen und barfuß den letzten Gang antreten. So blieben die Schuhe erhalten – mit durchgelaufenen Sohlen, fehlenden Schnürsenkeln, Rissen und Löchern. Hinter Glas füllen sie einen ganzen Raum im Hauptlager von Auschwitz, das heute Gedenkstätte ist. Bei meinem Besuch halfen Geschichtsstudent*innen aus Bochum als Freiwillige, den brüchig geworden Holzboden unter den Schuh-Bergen zu erneuern. Danach tragen sie körbeweise die Schuhe durch das enge Treppenhaus und stapeln still und behutsam die Hinterlassenschaft der ermordeten Kinder, Frauen, Männer und Greise wieder übereinander. Auf der anderen Seite der Glasscheibe Pfadfinder*innen aus Israel, einige brechen in Tränen aus und drängen nach draußen auf die Lagerstraßen.

„Es geht nicht darum, die Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht, hat der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 in seiner viel beachteten Rede zum 40.Jahrestag des Kriegsendes gesagt. „Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“

Die Schuhe der Opfer, die Stolpersteine im Pflaster von immer mehr Orten, Gedenkstätten und Museen können die Augen öffnen für Millionen individueller Schicksale, die von der Geschichtsschreibung nur schwarz auf weiß als Zahlen registriert wurden, weil sie in die Millionen gehen. Um einen einzigen Menschen in seiner Fremdheit zu verstehen, solle man „mindestens eine Meile in seinen Schuhen gehen“, rät dagegen ein Sprichwort. Das haben im Nationalsozialismus nicht viele gewagt. Von den Opfern blieben nur ihre Schuhe zurück. Als Mahnung und Aufforderung bis heute.

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 Inzwischen suchen immer mehr „Zeitzeugen der zweiten Generation“ etwa in Schulen den Austausch mit Jugendlichen. „Opferkinder“ wollen sie übrigens nicht genannt werden, auch wenn das Erlebte der Elterngeneration ihr eigenes Leben beeinflusst. Digitalisiert werden die Erinnerungen an Krieg, Vertreibung und Holocaust bewahrt. Zur Immunisierung gegen neue Ansteckungsgefahren der Gegenwart und drohende Blindheit.                                                                                       CB

Vor Ort   Foto: Maximilian-Kolbe-Werk

Unter www.Maximilian-Kolbe-Werk.de ist zu lesen, wie „Hilfe für Überlebende der Konzentrationslager und Ghettos“ in Polen und anderen Ländern Mittel- und Osteuropas geleistet wird und was Begegnungen und Erinnerungsarbeit ausmacht. Die Organisation entstand 1973 und geht zurück auf Begegnungen deutscher Katholiken mit NS-Opfern bereits im Jahr 1964. Während des Kriegsrechts in Polen von 1981 bis 1983 und danach konnte ich Ehrenamtliche nach Auschwitz und Krakau begleiten, um darüber zu schreiben.

Zurückgeblättert

Manchmal sitze ich vor dem Notebook und stöbere in der Vergangenheit. Während des Ukraine-Krieges erinnere ich mich an Begegnungen aus der Zeit des Bosnien-Krieges von 1992 bis 1995. Ich finde die Webseite www.bosnaquilt.at und erfahre, dass es weiter die Zusammenarbeit zwischen der Künstlerin Lucie Lienhard-Giesinger und bosnischen Flüchtlingsfrauen gibt, denen sie 1992 in Vorarlberg begegnete. Inzwischen entstehen die Entwürfe in Bregenz und werden mit den zugeschnittenen Stoffen dann zur Werkstatt von Gorazde an der Drina, rund 50 Kilometer südöstlich von Sarajevo, geliefert. Dort vollenden zurückgekehrte Frauen zuhause die Quilts, die so gar nicht bunt-gemusterten amerikanischen Patchwork-Arbeiten ähneln. Es sind Kunstwerke, die aber immer auch daran erinnern, dass wärmende Decken unentbehrlich für Flüchtlinge sind und waren.

Anlass für meinen Artikel in der Zeitschrift „Frau und Mutter“ war übrigens eine Ausstellung vor zwanzig Jahren, also 2002. Aktuelle Termine und Hinweise zu Herstellung und Verkauf finden sich auf der erwähnten Webseite.    CB

Bücher, Menschen und Lügen

Diese Woche öffnet in Frankfurt am Main wieder die Buchmesse ihre Pforten. Voller Hoffnungen nach den letzten Corona-Jahren, aber auch mit neuen Sorgen um Lieferketten sowie steigende Papier- und Energiepreise. Dennoch wird es sicher wieder Verlagsvorschauen, Gratisexemplare von Zeitungen oder Zeitschriften und ökologisch korrekte Beutel geben, um all die literarische Beute nach Hause zu transportieren.

Es ist und war immer aufregend, für ein, manchmal auch zwei Tage*) auf dem Messegelände zu sein nach der Fahrt mit einem ICE voller lesender Menschen – wer hütet während dieser Zeit eigentlich die kleinen und großen Buchhandlungen im ganzen Land? Denn die ersten Tage ist die Messe für die „Fachbesucher*innen“ reserviert, gegen Ende der Woche dürfen sich alle in den Hallen drängen – vorbei an zwei Meter breiten Ständen wirklich kleiner Verlage oder über die üppig mit Plakaten und Büchern dekorierten Flächen der großen Verlage, von denen mehr als einige inzwischen zu Konzernen gehören. Autor*innen können gegen entsprechende Zahlung ihr Werk als „Selfpublisher“ vermarkten. Sie dürfen mit Papphockern werben, auf denen das Cover ihres Buches abgedruckt ist. (So war es jedenfalls 2018 bei meinem letzten Besuch – Georgien war das Gastland, diesmal ist es Spanien).  Im Hintergrund der Stände haben die Messebauer Kammern abgetrennt, in denen Verlagsmenschen, Autor*innen und Händler in Ruhe ein Wiedersehen feiern oder sich in diesen digitalen Zeiten überhaupt erst persönlich kennenlernen, Ideen austauschen und Bestell-Listen für das Herbst- und Weihnachtsgeschäft ausfüllen. Kleine Werbegeschenke, große Namen, die sich geduldig interviewen lassen vor einer „Wand“ voll Exemplaren ihrer Neuerscheinung, Gedrängel um B-Prominente, die mit mehr oder weniger Unterstützung von „ghost writern“ die Bestseller-Listen stürmen wollen. Und die Möglichkeit, auszuruhen vor den Lese-Bühnen oder draußen auf dem Messegelände.

*) Unvergesslich die Übernachtung mit einer Freundin in einer unbekannten Altbau-Wohnung, deren Schlüssel ihr ein Freund überlassen hatte. Eine Entdeckungsreise, die mehr als zwei Sätze verdient.

„Lügen über meine Mutter“

Der Roman von Daniela Dröscher ist einer von sechs Titeln, die nominiert sind für den Deutschen Buchpreis, der heute Abend zum Auftakt der Messe verliehen wird. Egal, wer letztlich ausgezeichnet wird, das Buch hat mich fasziniert. Denn das Szenario – eine Familie, ein Dorf im Hunsrück in den 1980er Jahren- beamt nicht in Fantasy-Welten, sondern rückt sehr nah. Die Mutter strengt sich an, will beruflich weiterkommen, lernt und bleibt im Dorf des Mannes doch die Fremde. Sie genügt nicht. Ihr Mann wirft ihr permanent vor, zu dick zu sein, und macht sie damit für sein eigenes Scheitern etwa beim beruflichen Aufstieg verantwortlich. Diäten, FdH, ein Ballon in den Magen eingesetzt kein Zauber-Heilmittel bleibt unversucht, und es gibt auch wie im Märchen die böse Schwiegermutter. Tochter Ela schildert, wie innen und außen auseinanderklaffen und muss einräumen: „Schließlich war ich nicht nur Geisel, sondern auch Komplizin.“ Die Autorin sagte vor einigen Tagen im Interview mit dem österreichischen „Standard“: Dieser Frauenkörper, der beschämt wird, der nicht repräsentativ genug ist für die Angestelltenwelt des Vaters, ist ein Körper, der sich permanent abmüht. Heute würde man sagen, die Mutter beutet sich selbst aus…Wer fremd ist, ist nur gut, wenn er noch mehr leistet.“

Daniela Dröscher, „Lügen über meine Mutter“, Kiepenheuer&Witsch, Köln,24 €, e-book 19,99€

Übergangs-Gedanken

Die erste Oktoberwoche verlorene Zeit? Ohne Höhepunkte im Kalender, dafür mit Erkältungssymptomen und negativen Corona-Selbsttests. Übergangszeit war früher nur ein Wort zum Ende des Sommers und vor der „kalten“ Jahreszeit. Meine Eltern holten die Übergangsmäntel hervor, die nicht flatterhaft leicht für Sommerabende über Kleidern zu tragen waren, aber auch nicht so niederdrückend wie die Wintermäntel. Etwas robuster eben und meist als Trenchcoat auch einen Regenschauer abwehrend. Anoraks, darunter Strickjacken und an manchen Tagen noch Kniestrümpfe statt Strumpfhosen hieß das für meine Schwester und mich. (Die beiden grünen Ponchos mit Hornknöpfen und Etiketten von „Loden Frey“ mit 9,10 Jahren waren ein Ausrutscher, der schnell vergessen war. Einer der Vorteile des Wachsens.)

 Zu Beginn dieses Oktobers ist es ernst. Energie sparen die nächsten Monate. Während die Prospekte der Discounter Terrassenheizer empfehlen und die Weihnachtsbeleuchtung anpreisen- für die Lager geordert weit vor dem Beginn des Ukraine-Krieges. Rundum Erkältungs-Symptome, Herr Lauterbach hat mir geschrieben, ich solle über eine weitere Impfung nachdenken.

Kamele, Karma und Krieg – Momente der Woche

Herbst ist die Zeit, wenn gewaltige Hirsche im Wald röhren. In der Nähe des Grundl-Sees in Österreich habe ich mir ihr Wald-Konzert einmal anhören können. Stattdessen am Kölner Stadtrand in diesem Jahr Kamele. Vorboten des Klimawandels? Das im Sommer verdorrte Gras ist wieder saftig grün. Es ist ein Wanderzirkus, der jedes Jahr Station hier macht.

Im Schutz der Kamele grasen auch sehr kleine Ponys.

Am Sonntag großer Andrang vor dem Zirkuszelt und dem Stand mit den altmodischen Süßigkeiten. Aufgeregte Kinder, die Väter und manche Mütter rauchen schnell noch eine. Grelle Plakate. Es wirkt alles wie mit einer Zeitmaschine zurück gebeamt in die 1970er oder 1980er Jahre. Keine LEDs, keine Bildschirme mit Ankündigungen. Könnte der Blick in eine bescheidenere Zukunft sein.  „Vergiss nicht zu lächeln“ – heißt es auf englisch über dem Eingang zum Zelt.

Fotografiert im Oktober 2022, nicht vor Jahrzehnten.

Einkauf im Discounter, Warteschlange vor der Kasse. Ich lasse einen jungen Mann mit kleinem Sohn vor. „Danke, das gibt gutes Karma“, grinst er, als er sich an meinem Drahtwagen vorbeischiebt. Das hat er sich schon verdient, denke ich. Denn er hatte einer desorientiert wirkenden älteren Dame den Weg zum Backpulver gewiesen. Zuhause googele ich und merke, dass Karma (Sanskrit, Hinduismus, Buddhismus…) das neue Zauberwort zu sein scheint. Es geht um Ursache und Wirkung, wer Gutes verbreitet, dem widerfährt nur Gutes. Kann aber auch schiefgehen…und jede Menge Fragen aufwerfen: wird gutes Karma aufgewogen? Baut sich schlechtes Karma ab und wie lange dauert das?

Samstag um 12 die wöchentliche Mahnwache seit Kriegsbeginn im Februar. „Dona nobis pacem“ – klingt es mehrstimmig über die Hauptstraße des Vororts. Ein Gebet und ein paar Worte des katholischen Diakons, der auch für zwei Kleiderkammern zuständig ist. Dorthin kämen weiter ukrainische Familien, aber auch Menschen aus Russland, berichtet er. Und es falle kein lautes Wort, es gebe keinen Streit, vielmehr gegenseitige Unterstützung und Übersetzungshilfen für die ehrenamtlichen Helfer*innen.  Was ja auch gutes Karma genannt werden kann.  CB

Über das Suchen und Entdecken von Büchern

Meist passiert es im Alltag: zehn Minuten Zeit zu früh vor einem vereinbarten Treffen verleitet die Buchhandlung dazu, am Eingang die Stapel mit den Neuerscheinungen zu sichten. Oder ein Fund im „Bücherschrank“ an der Haltestelle lädt zu unverbindlichem „Anlesen“ ein. Und immer wieder einmal die Erwähnung von Autoren-Namen und aufblitzende Erinnerungen an frühere Werke, die mich hineingesogen haben in bis dato unbekannte Welten. So taucht dann das Vorkriegs-Dresden am schwarzen Sandstrand von La Palma auf oder die Party-Szenerie New Yorks auf dem Balkon einer österreichischen Ferienwohnung… Drei Titel aus meinem aktuellen Bücher-Stapel:

Stay away from Gretchen – eine unmögliche Liebe

Roman von Susanne Abel, erschienen 2021, inzwischen im dtv-Verlag als Taschenbuch für 12,95€.

OMG (Oh my God!) – was für ein Szenario! Ein bekannter Fernsehmoderator, der routiniert die bekanntesten Politiker*innen interviewt, herrisch sein kann, aber auch empathisch angesichts völlig unbekannter Menschen. Er kümmert sich sporadisch um seine 84jährige Mutter, doch Telefonate reichen bald nicht mehr. Denn diese Greta macht merkwürdige Dinge, und auch mit Unterstützung einer Nachbarin lässt sich der Schein des Alltags einer wohlhabenden Seniorin immer weniger aufrecht erhalten.  Die Autorin, eine erfahrene Dokumentarfilmerin, schafft laufend Bezüge zur Lebenswirklichkeit vieler. Mit der Demenz entfaltet sich die bisher versteckte Geschichte Gretas: die Flucht aus Ostpreußen, die Nachkriegszeit im amerikanisch besetzten Heidelberg, die Liebesbeziehung zu einem farbigen GI, das Schicksal der„brown babys“. Das alles ist spannend inszeniert. Mich beeindruckt, dass es in Roman-Form um sonst gerne verdrängte Familien-Themen geht. Demenz, Familiengeheimnisse, transgenerationale Traumata.  Die Regale mit Sachbüchern dazu werden sonst links liegen gelassen. „Stay away from Gretchen“ ist eine Titel-Liste mit Empfehlungen angefügt. Und Susanne Abel schreibt weiter…

„Kummer aller Art“

Literarische Kolumnen von Mariana Leky, Dumont Buchverlag, geb. 22 €, 2021

Lekys Bestseller „Was man vor hier aus sehen kann“, inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich, habe ich oft verschenkt an ganz unterschiedliche Menschen – und alle hat diese skurrile, kluge und humorvolle Dorf-Geschichte erreicht. Nun also kurze Texte für diejenigen, die neben den großen Problemen von Klimawandel bis Ukraine-Krieg in Lekys Begleitung dem „Kummer aller Art“ in der Nachbarschaft, im Park oder mal auf der Bahnhofstoilette begegnen können. Auch dabei geht es um Großes wie Zwänge, Verzweiflung, Einsamkeit, die Suche nach Entspannung, das Hadern mit dem Leben. Patentlösungen finden sich nicht in den Schilderungen, aber die Begegnungen und das gemeinsame Spazieren, Zuhören und Reden bringen weiter. Mir kam der Appell des Vaters in Lekys Dorf-Roman in den Sinn: „Ihr müsst dringend mal ein bisschen mehr Welt hineinlassen.“

WIR HERRENMENSCHEN – unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte

Von Bartholomäus Grill. Pantheon-Verlag, Taschenbuch 16,00, 2021, die Originalausgabe erschien 2019.

Der Fahrer eines Kölner Linienbusses mit mir als einzigem Fahrgast musste mich daran erinnern, dass sein Heimatland Kamerun auch deutsche Kolonie war. 29 Millionen Menschen leben heute, wo 1884 ein deutscher Generalkonsul „Schutzverträge“ mit regionalen Herrschern abgeschlossen und Kamerun zur Deutschen Kolonie erklärt hatte. Durch den Versailler Vertrag nach dem Ersten Weltkrieg ging das Land an den Völkerbund, der Frankreich und Großbritannien ein Verwaltungsmandat erteilte. Ach ja, Namibia mit seinen deutschen Ortsnamen ist heute ein beliebtes Reiseziel. „Tönt es wie ferne Klänge von Trägern und Askari: Heia, heia Safari“ – als Kind lernte ich dieses Lied ohne zu wissen, wer das war: zwangsrekrutierte namenlose Hilfstruppen des Deutschen Reiches in Ostafrika. Ein großer „blinder Fleck“.

Wie gut, dass Bartholomäus Grill in seinem Buch mitnimmt auf Expeditionen in die deutsche Kolonialgeschichte. Er lebt in Kapstadt und hat als Korrespondenz der „Zeit“ und des „Spiegel“ vier Jahrzehnte lang aus Afrika berichtet.  Hundert Jahre nach dem Ende der deutschen Kolonialzeit macht er eine „kollektive Amnesie“ und „verharmlosende Stereotypen“ aus. Vor allem aber konstatiert er, dass nach wie vor die Medien des Westens eine Deutungshoheit über Afrika ausüben. Grill räumt ein, als Korrespondent nicht immer gefeit gewesen zu sein „gegen den mitleidsvollen Ton der Viktimisierung“. Nach dem Lesen bleibt die Erkenntnis, dass noch viel Wissen und Begegnungen mit den Menschen des „Nachbarkontinents“ fehlen. Denn die Frage lautet: „Haben wir es tatsächlich geschafft, die alten kolonialen Denkmuster zu überwinden?“