„When I’m 64“: von Statistiken und Songs

Unvermittelt das Lied im Autoradio: „When I’m 64“ gehörte zum Repertoire meiner Schwester und mir. Sie konnte Gitarre spielen, und wir verfügten seit Sprachferien nahe London über das das „Beatles-Songbook“.  Wie auf Knopfdruck kann ich Pop-, Folk- und andere „Oldies“ mitsingen, nicht nur von den „Pilzköpfen“.  (Ein Freund schrieb neulich, er könne 30 Gedichte auswendig, die ihm viel bedeuteten. Respekt!)

Jetzt bin ich schon einen Monat selbst 64. Es war nichts als die Idee einer Eintagsfliege, den Geburtstag mit einer „magical mystery“ Party zu feiern. Aber zurück zum Song: ich habe keine Haare verloren – wohl eher ein Problem mancher Männer- und habe nicht selbst gefragt: „Will you still need me, will you still feed me/ when I’m 64?“ Auf Hilfe angewiesen war ich schon mit 50 für einige Wochen nach dem Bruch des Sprunggelenks.  „You’ve got a friend“ – darauf kann ich mich bisher mit Carole King verlassen, wenn es mal eng wird.

Bis heute präsent auch im Internet wie dieser Screenshot zeigt

Die „New York Times“ hat sich über die Fragen, die Paul-McCartney im Song stellte, Gedanken gemacht, als der Beatle 64 wurde. Das war 2006.  Als Teenager aus Liverpool hatte er ironisch gefragt, ob er denn „many years from now“ weiter mit Liebe, Treue, Familie und Fürsorge auch für den Garten sowie selbstgestrickten Pullovern rechnen könne. Wie es heißt, schrieb er den Text für seinen Vater. In Pauls Geburtsjahr 1942 betrug in Großbritannien die durchschnittliche Lebenserwartung eines Jungen 63 Jahren.  Erschreckend aus heutiger Sicht. Die im letzten Monat veröffentlichte Berechnung des Statistischen Bundesamtes in Wiesbaden kommt für heute 60-jährige Frauen auf durchschnittlich mehr als 25 weitere Jahre und für Männern noch 21 Jahre.

Paul McCartney kann dieses Jahr seinen 80. feiern, steht weiter auf der Bühne und scheint Bob Dylans Wunsch „Forever Young“ nachzueifern. Prominent, reich und doch, so Beatles-Biograph Bruce Spizer, hätte er wohl gerne mit seiner 1998 verstorbenen Frau Linda länger das Glück der kleinen Dinge wie die Gartenarbeit geteilt.

Die Sonne eingefangen, verschenkte Ernte aus einem Schrebergarten

Vor Jahren schon bescheinigte US-Starautorin Gail Sheehy den 64-Jährigen einen „360 Grad- Rundum-Blick auf das Leben“. Sie könnten an gestern glauben und nicht aufhören über morgen nachzudenken. Was mein Gedächtnis einen weiteren Beatles-Song abrufen lässt: „Yesterday“, als der Ärger noch so weit weg war. Ukraine-Krieg, Klimawandel, soziale Verwerfungen, private Konflikte… stimmt nicht, Probleme und überhaupt Veränderung gab es immer als Begleitmusik des Lebens.

Ich verheddere mich dabei, die ganzen Statistiken und Prognosen in Relation zum eigenen Leben zu setzen. So viel lässt sich dadurch nicht erfassen; die Routinen vom Aufwachen bis zum Einschlafen, überraschende Begegnungen, Ärger und kleine Glücksmomenten wie das Geschenk von Tomaten beim Vorbeigehen an Schrebergärten. Köstlich! „An Tagen wie diesen“ von den Toten Hosen muss es nicht um gloriose Sporterfolge und ausverkaufte Konzertsäle gehen. Wie Campino – immerhin auch schon 60 – im ZDF über das Altwerden sagte: Die Dinge zu würdigen, die einem widerfahren sind, werde leichter. Ein tröstlicher Satz. Nach einer anspruchsvollen Wanderung gestern im Bergischen Land kann ich noch eins draufsetzen:  der letzte Anstieg vorbei an Apfelbäumen voller Früchte, dann die Tische des Bauern-Lokals auf einer Wiese. In der Luft schweben Töne und Worte einer Sängerin, die nur mit ihrer Gitarre Leonard Cohens „Halleluja“ intoniert. Das sind Tage, das Leben zu feiern.  CB

Hundstage

Ende Juli haben die so genannten Hundstage begonnen, die aber nichts mit den konkreten Vierbeinern zu tun haben, die derzeit gerne auf kühlen Stein- und Fliesenböden ruhen und nur im schattigen Wald herumflitzen.  Die heißesten Tage des Jahres sind sie aus meteorologischer Sicht auch nicht. Der Name stammt aus römischer Zeit und bezieht sich auf das Sternbild „Großer Hund“ und den Doppelstern Sirius. An den Hundstagen ging Sirius gemeinsam mit der Sonne auf und unter. Jahrhunderte später beginnt diese astronomische Periode erst Ende August. Mehr Infos lassen sich im Internet finden.

Hier nun drei der Hitze und der politischen Lage in diesem Sommer 2022 abgetrotzte Texte.

Hunde-Suche

Der Schneider, der so genial Löcher flicken und Reißverschlüsse reparieren kann, erwägt den Kauf eines Hundes. Das Gespräch dreht sich um Hundesteuer, Haftpflicht, Futter – und die Suche nach einem nicht haarenden Pudel im Internet oder über Bekannte, die Bekannte haben, die günstig einen Welpen beschaffen könnten. Da sträuben sich mir die Nackenhaare so, als träfe mein freundlicher Hund eine bissige Bestie. Wir sind allein zwischen Kleiderständern und Nähmaschinen. Ich packe das ganze Argumentations-Besteck meines nun schon elf Jahre währenden Lebens mit Funny aus: Zucht-“Fabriken“ geldgieriger Händler, die Gefahr von Erbkrankheiten und „Macken“, wenn der „Genpool“ immer kleiner wird. Das Risiko, dass der teure Welpe doch nicht reinrassig ist. Für eine Anfänger-Familie die Vorteile eines erwachsenen Hundes, der noch etwas Erziehung braucht. Dass die Tierheime auch junge Hunde vermitteln, ohne dafür Reklame zu machen. Die Menschen dort haben auch genug Tier- und Menschenkenntnis, um die Kombination zu ermitteln, die beide Seiten glücklich werden lassen kann. Dazu der einzigartige Charme und die Robustheit der Mischlinge.

„Das ist mein Kind ja eigentlich auch“ – unterbricht der Schneider mit einem breiten Strahlen im Gesicht meinen Redefluss, als ich tief durchatmen muss. Er sei schließlich Kurde und die Familie seiner Frau stamme aus Polen. Selbsterkenntnis hat eine größere Wirkung als meine Argumente.   CB

Funny, der Weimaraner/Retriever-Mix setzt sich in Pose

Vorräte für den Winter

Der Apfelbaum im Garten hat sich vorigen Monat verletzt. Ein Sturmstoß hat einen der Hauptäste fast abbrechen lassen. Eine Amputation war unumgänglich, viele noch nicht reife Äpfel wanderten auf den Kompost. Eine traurige Folge werden weniger selbst gemachter Kompott für das Vorrats-Regal und Saft-Boxen von der mobilen Most-Kelterei sein. Dafür gibt es auf Facebook jetzt Gruppen, die sich mit dem Thema Einmachen beschäftigen. Sie stoßen auf großes Interesse, denn viele befassen sich offenbar das erste Mal mit den Möglichkeiten, in Weck-Gläsern und aufbewahrten alten Gläsern mit Schraubdeckeln Vorräte für den bevorstehenden Winter einzuwecken. Da werden Abkürzungen erläutert wie EKA – Einkoch-Automat oder stattdessen die Nutzung des Backofens empfohlen. Vieles ist mir vertraut aus der Kindheit mit großem Garten, mit Obstbäumen und Gemüse-Beeten. Aber neu hinzugekommen sind Ideen etwa aus der italienischen Küche, die sich lohnen ausprobiert zu werden.

Der alte Apfelbaum im letzten Jahr, nun fehlt der rechte Hauptast

Corona und Verbrechen anderswo

Die Nachrichten sind manchmal schwer zu ertragen, die Vernunftsentscheidung auf Reisen zu verzichten (wegen Klima, Corona, Krieg) ist anstrengend trotz Garten und Vorort. Bücher können mich in ferne Gegenden „beamen“. Deshalb der Griff zum neuen Jerusalem-Krimi von Alfred Bodenheimer, dem ersten Fall der Polizeipsychologin Kinny Glass. Spannend, während des Lesens die eine oder andere Ecke Jerusalems zu erkennen bei der Suche nach dem Mörder einer Knesset-Abgeordneten und ihres Mannes mitten im Lockdown.  Sie waren befreundet mit Kinny, private mischen sich mit den gesellschaftlichen und politischen Schwierigkeiten in Israel. Der Autor ist in Basel Professor für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte, lebt aber auch in Jerusalem und schrieb bisher Krimis mit einem Zürcher Rabbi als Hauptfigur.  Bodenheimer meint selbst, der Fall in Jerusalem sei kein „beinharter Blutkrimi“ sondern eher eine „Gesellschaftsparabel“.

Alfred Bodenheimer, „Mord in der Straße des 29. November- ein Jerusalem-Krimi“, Kampa-Verlag, Zürich

Itztrubal heißt der Hund der Zeuge des Mordes wird

Über Momente abseits der Nachrichten und ein paar Tränen

Derzeit findet in Düsseldorf eine riesige Kirmes statt. Sehr bunt ist alles dort – von der rosa Zuckerwatte und den metallisch glänzenden Luftballons bis zu den „Fahrgeschäften“, die in allen denkbaren Farbschattierungen glänzen: Menschenmengen schieben sich an den Attraktionen vorbei, und wie immer stöhnen die Schausteller-Familien wechselweise über Hitze oder Dauerregen.

Sommer eben. Auch zu erkennen an leeren Parkplätzen, wo vor Wochen die seit Corona-Beginn erworbene Caravans und Wohnmobile auf ihren Einsatz zu lauern schienen. Das Handy liefert stündlich andere Urlaubs-Impressionen. An manchen Tagen scheint es, als sei halb Deutschland aufgebrochen zum Baden an Kroatiens Küsten. Aber es gibt auch einsame Wanderer auf Pilgerpfaden oder abenteuerliches Grau aus Wolken und Wellen um ein Segelboot. Verreiste Nachbarn überlassen denjenigen, die zu Hause bleiben, die Nutzung des neu aufgestellten Swimmingpools.

Wenn nur die Nachrichten nicht wären, die pausenlos die Schrecken dokumentieren: Waldbrände, Prognosen über die Folgen schwindender Gas-Mengen und das Kontroll-Chaos an den Flughäfen sind da noch „leichte Kost“.  Nicht gewöhnen kann ich mich an die Berichterstattung über den Krieg in der Ukraine und dann aus ganz anderen Regionen die Bilder hungernder Kinder wegen erschwerter Versorgung mit „Lebensmitteln“. Unbeantwortet bleiben die Fragen, was derzeit in Regionen wie Syrien, Afghanistan oder Somalia geschieht – und ob ich das wirklich auch noch erfahren will.

„Einfach mal die Welt abschalten“ hat Kurt Kister, lange Jahre Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“ seinen Text überschrieben, um dann zu konstatieren: „Weil das aber nicht geht, schaltet man die Nachrichten aus der Welt ab. Menschen mögen nur eine begrenzte Zeit lang überwiegend schlechte Nachrichten hören (müssen).“ Doch wer schafft das schon – und bietet nicht die „Tagesschau“ um 20 Uhr das nostalgische Gefühl der Verbundenheit mit Millionen anderer „User“?

Wo sich im Alltag immer wieder ein Gefühl der Vereinsamung aufdrängt, dazu auch manchmal Neid auf das ungetrübt erscheinende Sommervergnügen anderer. Nicht nur auf der Kirmes.

In der Kölner Innenstadt demonstrierten noch tausende Menschen gegen den Angriff auf die Ukraine – und Flüchtlinge bedankten sich lautstark für die Unterstützung.

Am 150. Kriegstag stolperte ich heute im Kölner Vorort förmlich über rund 60 Menschen, die sich dort seit Kriegsbeginn jeden Samstag um 12 Uhr zu einer „Mahnwache – Frieden in der Ukraine und überall“ versammeln. Ein paar Bläser, ein Text- und Liedblatt, ein Mann mit Mikro und kleinem Verstärker. Die katholischen und evangelischen Gemeinden bereiten die Mahnwachen vor. Allein das Singen von „Hewenu schalom alejchem“ oder „Dona nobis pacem“ lässt meinen Atem fließen und auch ein paar Tränen. Der Körper erinnert sich an frühere Erfahrungen. Kraft und Zuversicht können sich ausbreiten, wenn ich mich traue, Angst und Erschrecken ebenso zu teilen wie Freude über Feste und gelungenes Leben.

Am Ende der Mahnwache steht ein übersetztes Gebet aus der Lutherischen Kirche in Russland und der orthodoxen Kirche in der Ukraine:

„Sieh herab auf die Klagen derer, die unter dem Krieg in der Ukraine leiden –

und auf alle, die sich vor einem größeren Krieg fürchten….

Lass uns alle abrüsten mit Worten und Taten…

Bewahre uns vor der Willkür der Mächtigen dieser Welt und bringe sie zur Erkenntnis ihrer Grenzen.“   

Der Mann mit dem Hut und der Rotkäppchenweg

Aufgewachsen bin ich in der „Märchensiedlung“ im rechtsrheinischen Köln nach den Regeln der 1960er Jahre: alle Erwachsenen grüßen, kein Krach in der Mittagszeit, Bitte und Danke, nicht neugierig fragen. Das Kopfsteinpflaster sorgte für zerrissene Strumpfhosen und Narben. Von einer wilden Verfolgungsjagd zeugt bis heute ein beschädigter Fingernagel, eingeklemmt durch das rettende grün-weiße Holztörchen zum Vorgarten. Es gab wenige Autos und hohe Hecken, Obstbäume, Gemüsebeete und natürlich den Sandkasten auf dem mechanisch gemähten Rasen.  Zwischen den Gärten nicht immer verschlossene und damit zu erkundende „Mist-Wege“ und ein Spielplatz im Schatten von Kastanienbäumen. Das Haus aus den 1920er Jahren war nur teilunterkellert für Kartoffeln und Briketts. Der Kachelofen beheizte auch den ersten Stock, aus der Waschküche dampfte es an Montagen, auf dem Hof die Regentonne und darunter eine Sickergrube. Mein Großvater hatte das Haus im Mietkauf von der Wohnungsbaugesellschaft GAG erworben. Als ich acht Jahre alt war, zogen wir dann nebenan in den Neubau, das Eckgrundstück war groß genug, nur der riesige Kirschbaum, der Mirabellenbaum und eine Kiefer wurden geopfert.

Englische Gartensiedlungen waren das Vorbild. Die Frage erübrigt sich, welches Karnevalskostüm ein Mädchen wohnhaft im Rotkäppchenweg zu tragen hatte… GAG-Archiv.

Vom „Plätzchen“ im Rotkäppchenweg zweigt das Rapunzelgässchen ab – mit imponierender Villa   und gegenüber zwei Häusern mit überdachten Terrassen. Ich erinnere mich noch an einen älteren Herrn mit stattlichem Bauchumfang, weißen Hemd und Strohhut, der vor dem „Schlösschen“ stand und freundlich grüßte. Heute weiß ich, dass dieses Gebäude-Ensemble im Privatauftrag eines GAG-Direktors entworfen wurde von dem Architekten Wilhelm Riphahn (1889-1963). Allgemein hieß es, Riphahn sei auch der Erbauer der anderen rund 180 eher schlichten Häuser. Inzwischen stehen die meisten unter Denkmalschutz, auch wenn durch Parkflächen und „pflegeleichte“ Modernisierungen einiges vom Charme der über hundert Jahre alten Siedlung verloren ging.

Manfred Manuel Faber? Der Name des eigentlichen Architekten der Märchensiedlung nach englischem Vorbild war vergessen. Es gibt nur ein Foto, das ihn mit grauem Hut zeigt. Es wurde im Stadtarchiv von Grevenbroich entdeckt.  Der 1879 in Karlsruhe geborene Faber wurde im Nationalsozialismus als „Volljude“ mit Berufsverbot belegt, nach Theresienstadt deportiert und im Alter von 64 Jahren am 17.5.1944 in Auschwitz ermordet.

Wie ausgelöscht schien seine Existenz, auch wenn „seine“ Häuser bis heute gerne bewohnt werden. Erst 1988 wurde er in einem Sammelband über Kölner Siedlungen erwähnt, 2010 waren Faber und seine Arbeit Teil der Ausstellung über „Köln und seine jüdischen Architekten“. Vor einigen Jahren haben Bewohner*innen der Märchensiedlung und der von Faber im Stadtteil Riehl errichteten Naumann-Siedlung Material zusammengetragen für ihre Erinnerungsprojekte. Eine Stele mit Bronzetafel steht nun in einem Vorgarten und mehrere Tafeln informieren über die Geschichte der Märchensiedlung, in Riehl ist ein Denkmal geplant.

Am Rand des „Plätzchens“ hat die Erinnerung an den Architekten der Siedlung nun ihren Platz gefunden.

Die Gedenkfeier auf dem „Plätzchen“ mit nachdenklichen Liedern und Reden im Mai hätte Faber wohl gefallen. Auch dass Brücken geschlagen wurden zur Gegenwart des Ukraine-Krieges und der nach wie vor bestehenden Gefahr von Abgrenzung und Ausgrenzung bei aller Sehnsucht nach einem „Wohnen wie im Märchen“. Spannend finde ich, dass Faber bereits im April 1918 eine „Flugschrift“ verfasst hatte, in der er auf den drohenden „Mangel an Kleinwohnungen“ hinwies und Vorschläge für „billige Wohnungen“ machte: etwa durch Typisierung von „300 Stück zugleich“ auf einem städtischen Grundstück an der Peripherie in der Nähe einer Endstation der Straßenbahn. Wichtig war ihm aber auch „die ästhetische Seite“. Jedes Haus solle „ein besonderes Merkmal aufweisen und durch Anpflanzungen ein freundliches Aussehen erhalten“.

Fast jeden Tag gehe ich jetzt an der Gedenktafel für den Mann mit dem Hut vorbei und bin in zwei Minuten an der Straßenbahn-Haltestelle. ÖPNV, viel Grün, Apfelkompott und Kirschen für den Kuchen dank des Gartens. Faber hätte sicher auch heute Ideen gehabt. CB

Die Webseite der AnwohnerInnen-Gruppe enthält noch mehr Informationen über die Märchensiedlung: www.maerchensiedlung-koeln.de

In einem anderen Stil wurde die Naumann-Siedlung von Faber als Hauptarchitekt gebaut. Sie gilt als eines der bedeutendsten Beispiele für den Siedlungsbau in der Weimarer Republik und wurde  bis 2020 umfassend restauriert. www.naumann-nachbarn-riehl.de

Karin, Susanne, Nora und die Frage, was ich sammele (Teil 2)

„Was sammelst Du eigentlich außer Büchern?“ Noras Frage hat Nachdenken ausgelöst, auch biographisches. Das klingt großspurig, dabei meine ich damit die schon früh begonnene Suche nach weiblichen Vorbildern, die nicht der Norm der Hausfrau und Mutter in den 1960er Jahren entsprachen, als Berufstätigkeit noch die Zustimmung des Ehemannes voraussetzte.

Karin H. war meine Kunstlehrerin und eine der ganz wenigen Frauen, die „ihr Ding machten“ und Alleinleben nicht als Makel empfanden. Sie hatte gerade an dem Mädchengymnasium angefangen zu unterrichten nach Jahren an einer „Privatschule“ in der Schweiz, was für uns Ende der 1960er Jahre schon einen Hauch von Glamour verbreitete. Von ihren Ferienreisen brachte sie uns Skizzenbücher mit. Wenige Striche reichten ihr, die verschiedenen Landschaften in ihrer Unterschiedlichkeit zwischen Seen und Bergen, Sonne und Wolken zu verewigen. Als habe es noch keine Kodak-Kameras mit Abzügen in heute längst verblichener Farbigkeit gegeben.

Ihre Schülerinnen nahm sie einfach mit zu „Vernissagen“ oder zum Kölner Kunstmarkt, der ab 1967 stattfand. (Die Arbeit von Joseph Beuys, “The pack“ (Das Rudel), mit VW-Bus und 24 Holzschlitten wurde 1969 als erstes zeitgenössisches deutsches Kunstwerk für über 100 000 DM verkauft. ) Es gab Installationen statt gerahmter Motive in Ölfarben. Karin H. ließ uns bestaunen, womit sie sich selbstverständlich umgab. Schnell versank sie in gestenreichen Gesprächen mit Künstlern und Galeristen. Für mich lagen Welten zwischen der Kunst und dem Alltag mit Schule und Vorort. Unvergesslich der zur Handtasche umfunktionierte Plüschhund. Er baumelte am Arm der „Muse“ eines Künstlers, der Atelier und Wohnung unter der Fahrbahn im Inneren einer Brücke bezogen hatte. Karin H. fuhr einen schwarzen VW-Käfer, der das so alt war wie ich.  Mit aufgeklapptem Dach ragten oft große Papp-Rollen weit über die Rücksitze.

Eben habe ich im Internet nach Flamenco-Kursen für Ü60-Menschen wie mich gesucht. Beim Wiedersehen nach Jahrzehnten hatte Karin H. strahlend von diesem Tanz erzählt, den sie während ihrer Zeit an der deutschen Schule in Madrid gelernt hatte. Ihre ergrauten Locken wippten, selbst im Sitzen stapften ihre Füße auf. Ein letztes Bild von ihr.

Was für eine Aussage an der Fassade eines aufgelassenen Kölner Kaufhauses der gehobenen Klasse! Innen will und muss das Stadtmuseum die Zeit der Renovierung des bisherigen Gebäudes überstehen. Bizarre Fragen tauchen auf: Braucht womöglich jeder im Verlauf des Lebens ein Museum, um all die Erfahrungen und Erinnerungen zu bewahren? Wie zuverlässig ist das eigene Gedächtnis? Wohin mit den vielen Teilstücken und Episoden, die der Öffentlichkeit vorenthalten werden sollen? Und wen interessieren jene Schmuckstücke des Lebens, die sich hinter Glas oder im Inneren von Alben und digital auf Sticks finden? Und wer sortiert und entstaub das alles, wer öffnet die Eingangstür?

Bücher als Begleiter können eine Alternative sein. „Stellen Sie sich Ihre Familiengeschichte als einen Band vor, den Sie im Regal stehen haben, den Sie herausnehmen und nur darin blättern, wenn Sie es wirklich möchten.“ Der Vorschlag stammt von einer Krankenhaus-Seelsorgerin und blieb im Gedächtnis. So wie die Bücherregale in der Berliner Altbau-Wohnung meiner inzwischen verstorbenen Kollegin Susanne H. – ein Wall von Wissen und Poesie. Vergangenheit und Gegenwart, trat sie mit einer Palette von Gefühlen und klarem Verstand entgegen. Empörung und Wut, wie Menschen mit Menschen umgehen. Präzise Aufmerksamkeit für das, was anderen zu klein für eine Meldung erschien – wegen der Entfernung oder einfach wegen fehlendem Gespür und Wissen für die sich nähernde Bedrohung. Dazu ihre Gastfreundlichkeit, die warme Umarmung am Eingang und die Essen an dem langen Tisch mit den unterschiedlichen Stühlen, wenn ich sie besuchte. Ihre Erzählungen von Familie und Freundschaften, die weniger werdenden Zigaretten. Groß und rot dominierte ihre Kaffeetasse jahrelang den Schreibtisch in der Redaktion. Sie hat sie zurückgelassen beim Umzug von Köln nach Berlin. Jetzt ist die Tasse, in die mehr als nur ein Schluck beruhigenden Tees passt, schon lange neben meinem Notebook im Einsatz. Eben keine „Sammeltasse“ mit Goldrand und Ranken-Deko.

Nora taucht wieder auf. (Zur Erinnerung; das ist die Frau mit der Frage nach meinen Sammel-Vorlieben.)  Durchs Fenster sehe ich auf ein Beet, aus dem eine Sonnenblume aus Blech ragt.  Im letzten Herbst hat Nora sie uns mitgebracht – als die Ukraine noch in weiter Ferne lag und der nicht enden wollende Krieg nicht mehr war als ein Wort mit drohendem Unterton. CB

                                                                                 CB

Karin, Susanne, Nora und die Frage, was ich sammele (Teil 1)

Auch mein Blog ist von den Tages-Ereignissen überrollt worden. Im Papierkorb landeten Zettel mit Ideen wie: „Unbedingt aus der arte-Mediathek „Diener des Volkes“ ansehen, als Selenskij noch als Comedian und Autor Korruption persiflierte und in der Rolle des Präsidenten Demokratie vorlebte.“ Hier nun etwas Privates.

Ein Paar, mit dem wir wandern, war zu Besuch am verregneten Pfingst-Montag. Noras Frage, als wir uns verabschieden, klingt seitdem in mir nach: „Sammelst Du eigentlich etwas außer Büchern?“  Die drei Briefmarken-Alben aus Kinderzeiten landeten vor kurzem in Bethel bei der Briefmarkensammelstelle. Brillen kommen nach einer Zeit im Ersatz-Status zum Optiker, Bücher ab und an in den Metall-Bücherschrank am Marktplatz.

Im Museum auf Texel wurden Flaschen vom Strand zum Sammelobjekt.  

Trotzdem bin ich seit Kindertagen eine Sammlerin. Auch wenn manches schon lange vor der Digitalisierung unseres Lebens, nicht materiell greifbar war. Wie während besonders feierlicher Messen der Geruch von Weihrauch, der uns in den vorderen Bänken besonders stark anwehte. Und der mich manchmal noch schnuppern lässt, wenn ich an einer offenen Kirchentür vorbeigehe. Der starke Chlorgeruch städtischer Hallenbäder versetzt mich in Sommerferien, in denen meine Schwester und ich – den Badeanzug unterm Sommerkleid- ganz früh aufstanden und zur Straßenbahn rannten. Um 6:30 Uhr passierten wir die Schranke an der Kasse, um dann als erste die spiegelglatte hellblaue Fläche des großen Beckens aufwühlen zu können. Alles gespeichert, auch wenn ich längst das Schwappen der Bergseen oder Fluss-Wellen vorziehe. Den schnaubenden Hund neben mir. (Mehr im Blog 21.9.2021 Vom Wasser und vom Rheinschwimmen).

Plakate, später zusammengerollt in Papprollen, habe ich gesammelt. Als ich mit 12 endlich ein eigenes Zimmer hatte, dekorierte ich mit Hilfe von Reißzwecken eine ganze Wand. Da war schon Neugier auf Kunst geweckt. Das Taschengeld reichte in der Teenie-Zeit für die damals natürlich anders bezeichneten „SALE-Aktionen“ der Kölner Museen oder auch der Kaufhäuser. Zur Pop-Art passende Werke damals bekannter polnischer Graphiker gab es zum Beispiel bei Karstadt. Grelle Rottöne, fließende Formen, ein aufgerissener Mund als Werbung für Alban Bergs „Wozzeck“ – das Motiv von Jan Lenica aus Posen begegnet mir bis heute noch in Kunstbüchern. Übrigens: es war mühsam, die ganzen Plakate vorsichtig abzunehmen, um sie in einem leerstehenden Zimmer bei der Oma im Nachbarhaus wieder an die Wand zu bringen. Vorausgegangen war ein Streit mit den Eltern und der Umzug mit dem nötigsten in einer Reisetasche…und mit den Plakaten. Wenn ich mich richtig erinnere, zog ich am selben Abend wieder zurück.

Wer hatte damals nicht eine Korktafel mit schmalem Holzrahmen, an die sich so viel „pinnen“ ließ: Eintrittskarten, Urlaubsgrüße, Fotos aus dem Pass-Automaten am Bahnhof und Sprüche, Terminzettel, Zeitungsausrisse und Buttons. Vieles sammelte sich übereinander, vergilbte und war dann irgendwann nicht mehr „relevant“, wie es inzwischen heißt. Auch die Korktafel verschwand, inzwischen gibt es fürs „Homeoffice“ und Firma Nachfolgemodelle mit Magneten, aus Glas oder „gebastelt im DIY“-Verfahren (Do it Yourself) oder „upgecycelt“.  Dazu die Notizfunktionen des Handys oder Notebooks. Ein bisschen fader als früher ist das schon. Da bin ich nostalgisch und auch froh über meine Erinnerungs-Sammlung. Was Karin und Susanne mit meinem Sammeln zu tun haben, wird bald in Teil 2 zu lesen sein. CB

Steine – zu viele zum Sammeln am Strand von Puerto de la Cruz auf Teneriffa.   

600 Meter Köln: Hängeschlösser und ein Mahnmal, das bleiben soll

Gestern der Plan: mit dem Hund durch die Stadt spazieren statt bei Regenwetter in den Wald. Rechtsrheinisch aufgewachsen habe ich als Kind in der Straßenbahn immer einen Platz gesucht, von dem ich bei der Fahrt über den Rhein das Panorama der gar nicht so alten „Altstadt“ und den Dom sehen konnte.  Diesmal sollte es zu Fuß über die Hohenzollern-Brücke gehen. Über zehn Jahre ist es her, dass Funny als Welpe dort vor Schreck über das Vibrieren der Eisenkonstruktion durch die Züge keine Pfote mehr rührte.

Vor dem Aufgang zur Brücke eine Informationstafel „Römerstraßen – erlebbar und erfahrbar“. Mit dem Fahrrad oder zu Fuß soll Kulturlandschaft entdeckt werden – bis „Belgica“ oder die Eifel. In meiner Kindheit ging es „Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit“. Zum Beispiel unter dem Rathaus-Neubau. Da träumte ich von eigenen Entdeckungen, denn überall in Köln gab es in den 1960er Jahren fast täglich archäologische Sensationen.

Wenige Meter weiter ist Geschichte in den Asphalt eingefügt: Ein Hinweis auf das „Messelager“ neben der Brücke. Es war ab 1939 Sammel-, Auffang- und Gefangenenlager mitten im Messekomplex. Meine Großmutter erzählte, wie sie auf der Brücke aus dem Zugabteil heruntersehen konnte auf die Menschen im Lager. Ab Mai 1940 wurden auch Sinti und Roma von dort nach Polen deportiert. Was ich erst seit gestern weiß: die Stadt Köln selbst betrieb das Messelager als „Außenlager des KZ Buchenwald“.

Wer auf den Boden blickt, kann auch die Wege der Menschen verfolgen, die deportiert wurden im 2.Weltkrieg.

Auf dem Fußweg der Hohenzollernbrücke sind Leute jeden Alters unterwegs, Sprachfetzen geben Rätsel auf. In den Gesichtern lässt sich die ganze Palette der Gefühle erkennen: Neugierde, Freude, Nachdenklichkeit, Ärger, Verliebtheit oder Einsamkeit… Funny kassiert wie immer Lächeln der Entgegenkommenden. Auf der einen Seite geht der Blick über den Rhein, auf der anderen am Gitter zu den Gleisen hängen dicht an dicht „Liebesschlösser“ mit eingekratzten Namen und Daten. Ein Physiker hat schon 2015 ihre Zahl auf 450 000 geschätzt. Liegen die Schlüssel alle im Rhein? Emotionen, Versprechen, Nähe – was lässt sich überhaupt verschließen, was braucht Freiheit? Darüber ließe sich nachdenken, würde der Hund sich nicht gerade blitzschnell ein nicht zu identifizierendes Etwas einverleiben.

Weiß, wer die Liebesschlösser verkauft, um deren Haltbarkeit?

Die Hohenzollern-Brücke wurde von 1907 bis 1911 errichtet, beschädigt im Zweiten Weltkrieg und bis 1959 wiederaufgebaut. Den Bau aus der Zeit der Preußenherrschaft zieren auch heute noch vier Reiterstandbilder. Richtung Dom spazieren wir auf die Kehrseite von Kaiser Wilhelm II. und seines Pferdes zu. Davor staune ich über ein nicht so monumentales Kunstwerk aus rostfarbenem Metall in Form einer Pyramide. Deren Spitze schneidet in einen beschädigten stilisierten Granatapfel. „Dieser Schmerz betrifft uns alle“, ist in drei Sprachen zu lesen Um den Sockel Berge welkender Blumen. Rhein-Kreuzfahrer*innen machen Fotos.

Das Mahnmal, dessen Standort an der Brücke bleiben soll. Es erinnert daran, dass – wie es ein Armenier sagte- jede Familie im Völkermord Verwandte verloren hat.

Was ich erfahre: das Mahnmal erinnert an den Völkermord an den Armeniern 1915 und stand zum 2018 zum ersten Mal an dieser Stelle. Im Juni 2016 erkannte der Bundestag den Völkermord trotz massiver Proteste der Türkei an. Parlamentspräsident Lammert wies in seiner Rede darauf hin, dass Deutsche Reich habe damals Mitschuld auf sich geladen. Aufarbeitung der Vergangenheit sei Voraussetzung für Versöhnung und Zusammenarbeit. Eine Woche nach der Aufstellung entfernte die Stadt Köln das Denkmal. Zum Gedenktag musste es auch vor dem 24.4.2022 per LKW herbeigeschafft werden. Diesmal soll das Mahnmal aber bleiben als „ein öffentlicher Ort des Erinnerns, der Trauer, des Gedenkens und der Abkehr von Rassismus und Nationalismus“  (mehr Informationen z.B. www.voelkermord-erinnern.de).

409,19 Meter ist die Hohenzollern-Brücke lang. Nur eine kleine Strecke in Köln. Aber was für eine Zeitreise durch die Geschichte, denke ich beim Vorbeigehen an dem Reiter-Standbild. Wie viele dicke Stränge, rostende Drähte und dünne Fäden, die sich kreuz und quer wie ein Netz durch die Zeiten und über die Erde ziehen.

Während ich den Text beende, sichert UNO-Generalsekretär Guterres die Untersuchung der Kriegsverbrechen in der Ukraine zu.

Kriegszeiten: Gedanken gegen die Ohnmacht

Über 50 Tage dauert der von Putin angezettelte Krieg gegen die Ukraine schon. Die viel beschworene „Zeitenwende“ löste und löst neben Hilfsbereitschaft hier bei manchen auch eine Art „Schockstarre“ aus. Nachrichten und vor allem Bilder brennen sich ein und hinterlassen Hilflosigkeit.
Wir waren Anfang April im Urlaub auf Texel. Ich muss gestehen, dass der Drang, „im Bilde zu sein“, schon vor dem Aufstehen dazu führte, die Handy-Nachrichten zu scrollen. Dünen, Wellen, Wind und stundenweise Sonne drohten zur Nebensache zu werden. Aber es blitzen auch Fragen, Gedanken und Erinnerungen auf, die im Widerspruch stehen zur Ohnmacht. Einige möchte ich teilen.

Veilchen, unscheinbar am Straßenrand. Veilchen-Sträuße verschenkten in Krakau vor Jahren KZ-Überlebende an die deutschen Gäste.

Lähmende Furcht vor einem nahenden „dritten Weltkrieg“ und dem Zusammenbruch der Energieversorgung sorgt für Schlaflosigkeit nicht nur bei denen, die den Zweiten Weltkrieg selbst erlebt haben, sondern erfasst auch sogenannte „Kriegskinder“ und „Kriegsenkel“. Doch geht es nicht auch um die Frage, was sich aus den vergangenen Kriegen lernen lässt? Wer es damals dank der Unterstützung von Nachbarn oder Fremden schaffte zu überleben? Wie viele Kinder in Zügen nach Großbritannien gelangten und die Kriegsjahre dort überstanden? Und was gelingt in diesen Tagen? Krebskranke Kinder werden aus der Ukraine auch in deutsche Kliniken gebracht. Einzelne ukrainische Überlebende des Holocaust finden hier Sicherheit. Ein Ehepaar stellt die gerade renovierte Mietwohnung geflüchteten Frauen und Kindern zur Verfügung. Eine deutsche Sportlerin nimmt eine ihrer international größten Konkurrentinnen auf und trainiert nun zusammen mit der Ukrainerin.
Beeindruckend ist auch die Kraft, die mitten im Krieg die Menschen in der Ukraine selbst aufbringen. Eine alte Frau kocht vor dem teilweise zerstörten Mietshaus auf offener Flamme Eintopf und Teewasser für die Mitbewohner. Auch Beschäftigte eines Museums haben sich auch aufs Kochen verlegt, andere versuchen ganze Straßenzüge „aufzuräumen“. Lehrerinnen und Lehrer erproben mit Handys, Tablets und Notebooks, ihre geflüchteten Schülerinnen und Schüler weiter zu unterrichten. Unterrichtsmaterial in ukrainischer Sprache war schnell auch hier digital abzurufen. Solcher Ideen-Reichtum scheint auch inspirierend für deutsche Bürokratie zu sein.

Ein Hubschrauber als neues Motiv der Kinder auf der Straße im Vorort. Tröstlich, dass es daneben weiter die Fabeltiere zu sehen gibt.

Eine Autorin und Schreiblehrerin empfahl gerade in ihrem Newsletter auf die Frage, was machen bei dieser Weltlage: Weiter schreiben und so im Austausch mit der Welt sein. Es gelte, in der Mitte von Macht und Ohnmacht seine Mitte zu finden. An diesem Gedanken ist etwas dran. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Euch die Möglichkeit für den Austausch gerade an diesen Tagen im Krieg – sie sind zugleich Ostern, Pessach, Ramadan und Ferien.

Funny im Wald auf Texel, wo wie überall auf der Insel Osterglocken blühen.

Stoppen, Denken und andere Ideen gegen die Angst

In Kriegszeiten kann der reißende Nachrichtenstrom nicht schnell genug kanalisiert werden in Richtung der „User“.  Denn dann prasselt es „Klicks“, Rekorde bei der Einschaltquote:  Manchmal liefern gleich zwei Laufbänder am Bildschirm-Rand unter den Sondersendungen im Fernsehen das Aktuellste – ein Superlativ, der sich mit der Schnelligkeit der Datennetze eingeschlichen hat in die Sprache, was kaum noch jemand stört. Das Wort „aktuell“ lässt niemanden mehr aufhorchen.

Vor der Konkurrenz in den Medien die Nachricht veröffentlichen – auf den Monitoren in der U-Bahn-Station, als „Push-Meldung“ oder im Netz.  Dabei wird hingenommen, dass Sekunden nicht reichen zu überprüfen, ob die Angaben- Ort, Zeit, Handelnde, Ereignis- stimmen. Gerade in Kriegszeiten gilt es auch zwischen Propaganda und Wirklichkeit zu unterscheiden. Gibt es eine zweite Quelle, die Angaben bestätigt oder eine andere Version schildert? Reicht die begrenzte Zeichen-Zahl, um wenigstens Einschränkungen einzufügen wie „nach Darstellung von“ oder „übermittelte Bilder sollen zeigen…“.

Zeit brauchen auch die Journalist*innen, die sich darauf spezialisiert haben, Manipulationen aufzudecken, indem sie Satellitenbilder, ältere Aufnahmen oder Fotos aus anderen Perspektiven auswerten, um Manipulationen nachzuweisen. Währenddessen werden Internet und soziale Medien wie Facebook, WhatsApp oder Instagram geflutet mit Fotos, Hilfsaufrufen, Karikaturen, klugen Sätzen und Aktionen für die Ukraine.  Was also tun? Den Strom der Bilder und Nachrichten vorbeirauschen lassen, den übernächsten Urlaub planen, die Angst unter die Decke kriechen lassen und auf dem Sofa zu verharren? Großzügig „likes“ und Herzchen verteilen und Beiträge teilen? Oder zum „Solidaritätskonzert“ gehen?

Ich bin auch reingefallen auf einen „europaweiten“ Appell. Es ging darum, an einem Abend die Lichter im Haus abzuschalten, um Putin zu zeigen, dass wir lieber im Dunkeln sitzen statt russisches Gas und Öl zu kaufen. Weder ein Datum noch ein Absender waren genannt. Doch Teilen ist ja einfach und geht in Sekunden. Die Lehre daraus: erst einmal innehalten und durchatmen, nachdenken.

Immerhin schafften es am 4.3. allein in Deutschland mehr als 200 Radioprogramme zur gleichen Zeit John Lennons „Give Peace a Chance“ zu senden. Ein Moment der Gemeinsamkeit, die Wirksamkeit dieses Songs von 1975 rührte an die Emotionen und schuf Gemeinschaft.

Die gelb-blaue Friedensdemo in Köln am Rosenmontag hat mich berührt wegen der überwältigenden Vielfalt der wohl 250 000 Menschen, die der Überfall Putins auf die Ukraine und seine Folgen nicht kalt lässt: die Karnevals“jecken“ mit den ernsten Mienen, die kreativen Pappschilder, die sehr alten Menschen, Familien und einzelne wie der Mann neben uns, der mit Paketschnur ein selbst kopiertes Putin-Foto mit einem roten Stopp-Schild übermalt hatte. Das ist tröstlich und lässt bescheiden werden. Es reicht zu unterstützen, was ich für sinnvoll halten. Den Expert*innen kann ich die Analysen überlassen und selbst mehr Wissen sammeln über die Geschichte der Ukraine und der gesamten Region. Gut, dass die öffentlich-rechtlichen Sender nicht nur ihr aktuelles Angebot erweitert haben, sondern auch eine Fülle an Dokumentationen aus den Archiven holen und ihr Streaming-Angebot erweitern.

Dankbar für mein bisheriges Leben ohne Kriegs-Erfahrungen werde ich endlich das Buch lesen „FLUCHT eine Menschheitsgeschichte“ von Andreas Kossert. Vorab hier schon einmal sein Resümee:

„Flüchtlinge und das, was sie erleben und erleiden, führen uns vor Augen, wie zerbrechlich unsere scheinbar so sichere Existenz ist. Sie verschieben die Sicht auf die Welt, weil sich mit jeder Fluchtgeschichte und jedem einzelnen Flüchtling die Frage stellt, wie fest wir wurzeln.“  

In eigener Sache:

Nach über einem halben Jahr „Zettelskrom“ ist Zeit für ein Zwischenbilanz. Es freut mich, wie viele meiner Einladung gefolgt sind und sich auf das Experiment „Zettelskrom“ einlassen. Danke auch für die Kommentare und das Nutzen der Abo-Funktion, für die mündlichen Reaktionen. Es war ein „Kaltstart“ mit WordPress, der nur mit Unterstützung des eng verbundenen IT-Experten, Fotografen, Bildbearbeiters, Kritikers und Ehemanns gelingen konnte.

Doch seit Donnerstag führt Putin Krieg gegen die Ukraine. Das blockiert alle Gedanken über andere Themen und Texte. Gelöscht habe ich die letzten Tage Überlegungen über die eigene katholische Vergangenheit und den Aschermittwoch zurückkehrenden Kardinal oder über die Idee des Kölner „Geisterzugs“. Selbst denen im Rheinland, die als Kind an von Weiberfastnacht bis Karnevalsdienstag nur zum Schlafen aus den diversen Kostümen kamen, bleiben die Töne der vertrauten Lieder im Hals stecken.

„Aus gegebenem Anlass“ diesmal ein „alter“ Text, der zeigt, wie nah uns die Menschen anderer Länder und Kontinente sind.

Herabschauender Hund

Aus einer Laune heraus haben wir im Ausland seit Jahren gerne in Haushalts- und Eisenwaren-Geschäften gestöbert, die es selbst in kleinen Orten noch gibt.  Obwohl wir weder Hund noch Garten hatten, haben wir oft Warnschilder vor Wach-Hunden gekauft. Eines der schönsten ist ein rot-weißes Emaille-Schild aus dem Laden im Untergeschoss eines Hauses an der Ringstraße, die sich um die Altstadt von Krakau zieht. Das edelste aus matt schimmerndem Edelstahl stammt von den Azoren. In Brighton Beach (NY) gab es nur eine Warnung aus Pappe, die rheinische Regengüsse nicht lange überstanden hat.

Seit unser Hund endlich eingezogen ist, gibt es an der Haustür eine italienische Variante aus Plastik mit der Silhouette eines Schäferhund-Kopfes. So abschreckend, dass ein Elternpaar gestand, am Abend des Martins-Singens (Süßes und Gesundes gegen Lieder und Laternen-Licht) deshalb nicht bei uns geklingelt zu haben. Dabei glaubt unser Hund wohl, selbst Mensch zu sein. Jedenfalls begrüßt er wedelnd und knicksend fast jeden. Erst bei freundlicher Reaktion widmet sie sich dann den hündischen Artgenossen jeder Größe. Es bleibt der Verdacht, dass Funny durchaus berechnend agiert. Tragen selbst große Hunde doch keine Jacken oder Mäntel, in denen sich Trockenfutter-Stückchen und andere so genannte „Leckerlis“ verbergen könnten.

An einem Morgen hatte ich Funny am Hauseingang angeleint, als ein älterer Mann mit asiatischen Gesichtszügen stehenblieb, den Hund genau beobachtete und dann breit lächelte: „Jetzt weiß ich endlich, wer hier wohnt. Darüber habe ich beim Vorbeigehen immer gerätselt.“  Das schwarze Wesen machte einen tiefen Knicks. Der „herabschauende Hund“ nennt sich das als Yoga-Übung. Kommt auch aus Asien.                                                  CB